Städter haben genug von Verkehr und Enge, träumen vom Leben in der Pampa. Zwei ungewöhnliche Beispiele – ein roter Hof im Allgäu und ein edles Gutshaus in Mecklenburg-Vorpommern nach britischem Vorbild.
Stuttgart - Wohin mit dem toten Huhn? Eine Frage, die sich Lisa Rühwald und Christian Müller nie stellen mussten. Doch auf einmal lag da eines im Stall. Das ist schon mehr als zwei Jahre her. Inzwischen sind die beiden Profis im Stall- und Zäunebau und sie wissen, was bei Krankheiten und Füchsen zu tun ist. Schon vor der Pandemie packte Christian Müller seine Koffer. Mehr als 15 Jahre lang wohnte er in Hamburg, verbrachte als Mitgründer der Online-Plattform OMR.com viel Zeit in Meetings, auf Geschäftsreisen, vor allem aber vor Computern. Seine Freundin Lisa Rühwald, von Beruf Kommunikationsdesignerin, ebenso. Jetzt ist Handarbeit angesagt, zu tun gibt es auf einem Hektar Land immer irgendwas.
Aus dem Hamburger Karoviertel ins Allgäu
Seit Mai 2018 sind sie im Allgäu. 2020 konnten sie ihren Hof für Gäste öffnen. Für die Betreiber ging es aus der 70-Quadratmeter-Wohnung raus auf den Hof. „Ich habe die Stadt sehr genossen, alles mitgenommen, was so ein Leben bietet. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass die Stadt eben auch sehr voll und laut ist“, sagt Christian Müller. Gewohnt haben die beiden mitten im Hamburger Karoviertel, gesehnt haben sie sich nach Ruhe und nach Kontakt zur Natur. „Wir sind am Wochenende immer rausgefahren, um unser Essen direkt bei den Produzenten einzukaufen“, sagt Lisa. Sie wollten nicht nur raus in die Natur, sondern auch mehr mit der Natur leben. „Wir sind hier von der Natur abhängig. Dieses Jahr etwa gab es viele Wetterkapriolen, da muss man sich anpassen und Pläne auch mal ändern“, so Christian Müller.
Sehnsucht aufs Land
Ihr „Hof der Möglichkeiten“, wie sie den Ort zunächst liebevoll nannten, liegt in Altusried im bayerisch-schwäbischen Oberallgäu, ungefähr 35 Kilometer südlich von Memmingen. Heute nennen sie es „Das Rosso“. Diesen Sommer haben sie einen Schwimmteich angelegt. Für dieses Jahr sind die Wohnungen in der weniger touristischen Ecke des Allgäus schon weitgehend ausgebucht. Einige wollen die Sehnsucht aufs Land zumindest für kurze Zeit stillen. Und es dabei schön haben. Auch wenn es natürlich Schattenseiten gibt wie etwa, für Besorgungen immer auf das Auto angewiesen zu sein.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Immobilienmakler in der Uckermark
Die Coronapandemie hat den Traum vom Landleben verstärkt, wie auch der Immobilienmakler Erik Schmitz sagt. Er vermittelt „besondere“ Objekte in der Uckermark – vor allem Hauptstadtbewohner mit dem Wunsch nach einem Zweitwohnsitz und Geld auf dem Konto melden sich bei ihm. Ihr utopisches Sehnsuchtsbild: ein einsames, schickes Designhäuschen mit bodentiefen Fenstern und Blick auf den See. Die Realität ist meist weit fern von Bullerbü-Idyll. So berichten viele Weggezogene von Vorstellungen und Träumen, Realitäten und Baustellen, von Aufbau und Scheitern, und dass das Leben fern der Stadt eben doch mehr ist als sattes Grün, Zwitschern der Vögel und Kürbisrezepte wie in der aktuellen Ausgabe des Magazins „Landlust“. Es ist vor allem viel Arbeit, die keine Ruhetage kennt. Für die Dörfer selbst ist es eine Gratwanderung zwischen Wertschöpfung, Attraktivitätssteigerung und der bösen Gentrifizierung, die die Preise in die Höhe treibt.
„Ein Handbuch für Berliner auf Stadtflucht“
Vor Kurzem hat der Verlag tip, der eigentlich in Berlin die besten Restaurants, tollsten Ausstellungen und hippsten Orte, die man gesehen haben muss, vorstellt, eine Sonderveröffentlichung an die Kioske gebracht: Der Titel: „Wir ziehen raus – Ein Handbuch für Berliner:innen auf Stadtflucht“. Darin sind einige Beispiele von Städtern, die ihren Wohnsitz aufs Land und ins Grüne verlagert haben. Es geht um Wochenend-Datschen, kreative Alterssitze in Brandenburg, Wachstumsschmerzen, ums Freundefinden ohne Clubs und Cafés, um Landlust und Landfrust, dazwischen Porträts über Vierseithöfe, Berichte über gemeinschaftliche Wohnprojekte und als ultimativen Buchtipp: „Unterleuten“ von Juli Zeh. Die Landlust bleibt kein vager Sehnsuchtstraum, sondern wird Realität, die man sich aber auch nur mit dem nötigen Kapital verwirklichen kann.
Gutshaus in Mecklenburg-Vorpommern
Szenenwechsel. Zu Besuch in Mecklenburg-Vorpommern. Vor Ort in Klein Kussewitz, keine 1000 Einwohner, Ortsteil von Bentwisch. Hinter einer Mauer steht ein eindrucksvolles Gutshaus – mit klassischer Herrenhausauffahrt wie aus einem ZDF-Vorabendfilm. Eylem Kadem und ihr Lebenspartner Karl Matthes, Biobauer und Herr über mehr als 1000 Rinder und viele Hühner, haben es vor mehr als drei Jahren gekauft. Es befindet sich zwar ruhig gelegen, aber nicht in der Pampa, es liegt 15 Kilometer von der Hansestadt Rostock entfernt. Wenn es gut läuft, ist man mit dem Auto in zweieinhalb Stunden in Berlin-Mitte.
1600 Quadratmeter als gehobene Herberge
Eylem Kadem ist ein echtes Kreuzberger Mädchen, 1976 geboren und aufgewachsen im Kiez, tanzte gerne und viel auf den Tresen der Stadt. Ihre erste Flucht aus der Hauptstadt trat Kadem schon im Alter von knapp 20 Jahren an, als sie die Liebe in die isländische Einöde verschlug. Zurück in Berlin hat sie Veranstaltungen für die Modeindustrie organisiert, war erfolgreich mit einer Event-Agentur selbstständig, bis sie dann mit Restaurant und Ferienhäusern auf Usedom ihre zweite Stadtflucht antrat. Ihre Lebens- und Familiengeschichte selbst ist ein ganz eigenes großes Kapitel, ihr monetäres Glück ist auch mit Verdienst ihrer kurdischen Eltern. Sie wurden als Teenager verheiratet, kamen nach Deutschland, Mutter war Krankenschwester, Vater Gärtner bei der Stadt Berlin. Ihre fünf Kinder sollten es besser haben, so arbeiteten sie sehr viel und kauften Grundstücke in der Türkei, ein Mietshaus in Kreuzberg. Kapital für Eylem Kadems Traum vom Gutshaus – kombiniert mit viel eigener Arbeit. Mit dem Lebenspartner und Biobauern Karl kam das Gutshaus auf den Plan. „Das passte“, so Kadem.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Zu Besuch in einem Bauhaus-Ufo im Allgäu
Ihre Idee: die 1600 Quadratmeter zu einer gehobenen Herberge und Privatwohnhaus umzugestalten. Der Stil: eklektisch, britisch-modern. Kadem kombiniert dunkle Samtsofas mit Jagdtrophäen, altes Geschirr trifft auf moderne Accessoires, Kunst auf Kitsch.
Zuletzt hat Schauspielerin Heike Makatsch hier gefeiert
„Man kann nicht jeden Geschmack treffen, aber das ist eben meiner“, sagt Kadem. Derzeit gibt es sechs Apartments mit kleinen Küchen sowie Schachzimmer und Bibliothek, Schwimmteich mit Strand und einen wunderschön angelegten Garten mit Rhododendronbüschen. Der Kronleuchter glitzert im Speisesaal. „Das ist keine Disco“ steht in schwarzen Lettern in dem Raum mit der goldenen Discokugel. Hier wurde trotzdem schon viel getanzt, zuletzt an Heike Makatschs 50. Geburtstag im August. Oft kommen Freunde und Freunde von Freunden nach Klein Kussewitz.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Rotes Traumhaus auf dem Land
Eylem Kadem holt sich Stadt und Partyleben immer wieder in ihr mondänes Gutshaus. Von 2018 bis 2020 haben sie hier auf einer Baustelle gewohnt. Durch das marode Dach hat es hineingeregnet, es gab keine Heizung. Der Garten wurde komplett neu angelegt, Mauern gebaut, der Badeteich ausgehoben. Allein acht Monate lang hat Kadem den Dachboden entrümpelt. Alles war voll von Büchern. 16 Container waren am Schluss damit gefüllt. Das Gutshaus, das zur Zwangsversteigerung stand, war zuvor ein überdimensionaler Trödelladen. Ein Gebäude, dem der Verfall drohte. Noch heute klopfen manchmal Menschen an die Holztür des Anwesens, das 1704 erstmals urkundlich erwähnt wurde, und wollen trödeln und kaufen. Sie standen auch schon in Kadems privaten Gemächern. Sie möchte weiter umbauen, weg von den Veranstaltungen wie Hochzeiten und Partys, hin zur Herberge für Ruhesuchende. „Jetzt habe ich zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, richtig angekommen zu sein. Mir fehlt es an rein gar nichts. Ganz ehrlich: Ich lebe hier meinen Traum“, sagt Kadem.
Schockverliebt in das Siennarot des Hauses
Zurück ins Allgäu. Der Traum vom unabhängigen, ruhigeren und auch nachhaltigeren Leben war jener von Christian Müller (43) und Lisa Rühwald (28). Sie ist gebürtige Allgäuerin. Ihr Dialekt ist ihre Eintrittskarte bei den Nachbarn, die natürlich erst einmal neugierig waren, als zwei Hamburger in die Allgäuer Pampa zogen. Der Hof ist ein Glücksgriff. Die beiden waren schockverliebt in das Siennarot des Hauses, in dieses mediterrane Schmuckstück mitten im Allgäu. Zum Teil war der private Bereich von der Vorbesitzerin, einer Künstlerin, schon renoviert, zum Glück ganz nach dem Geschmack der Stadtflüchtigen. „Wir haben uns hier sofort wohlgefühlt“, so Müller – und sie sahen im Hof das Potenzial. Bald war der Name „Das Rosso“ geboren. Wenn Lisa Rühwald es sagt, rollt das „R“ so herrlich.
Weit weg von rosamunde-pilcheresken Vorstellung
„Bei so einer lebensverändernden Entscheidung muss sofort das Gefühl stimmen, man darf nicht viele Kompromisse eingehen“, so Christian Müller. Gekauft haben sie den Hof mit allem Drum und Dran, mit sechs Hühnern – und der romantischen Idee vom idyllischen Landleben im Kopf. „Die wurde natürlich jäh getrübt, klar. Das macht es nicht weniger gut, aber natürlich anstrengender“, sagt Lisa Rühwald. In kurzer Zeit wächst hier alles weiter. Das ist alles weit weg von der rosamunde-pilcheresken Vorstellung, dass man sich die Gartenhandschuhe anzieht und ein bisschen am Rosenstrauch rumschnippelt. Da steht man auch mal im Ameisenhaufen oder fällt in die Brennnesseln. „Meine Oma sagt immer, das sei entgiftend“, sagt Lisa Rühwald. „Das Landleben ist komplex und wahnsinnig viel Arbeit“, sagt Christian Müller. Fehlt ihnen etwas? Nicht wirklich, sagen sie. Wenn sie mal Urlaub machen, dann geht es zu einem Städtetrip. Der alte Arbeitstitel „Hof der Möglichkeiten“ passt irgendwie immer noch. Auch wenn sie in der Realität angekommen sind. Die romantische Idee, das Huhn zu streicheln und täglich frische Eier zu bekommen, hatten auch sie. Doch man muss es schützen und auch mal beerdigen.