Den meisten Menschen fällt es schwer, über den Tod zu reden – dem Köngener Trauerredner Harald Koepke nicht. Er findet immer den richtigen Ton.
„Über Verstorbene darf man nicht schlecht reden“ oder, wie der Lateiner sagt: „De mortuis nihil nisi bene“ („Über die Toten soll man nur gut sprechen“). Die „Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener“ ist nach Paragraf 189 des Strafgesetzbuchs hierzulande sogar eine Straftat, die mit einer Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe geahndet werden kann. Aber nicht für jeden Menschen lassen sich nette Dinge sagen, oder?
Harald Koepke ist da anderer Meinung: „Mein Anliegen ist es, die Dinge über einen Menschen zu sagen, an die man sich gern erinnert“, sagt der Köngener Trauerredner. Wichtig sei, dass die Trauerrede dem Verstorbenen gerecht werde und den Trauernden helfe, meint Koepke. Der Tag der Beerdigung sei schwer genug für die Hinterbliebenen. Unglaubwürdig soll die Rede aber auch nicht sein: „Es gilt, niemanden heiliger zu machen, als er oder sie war.“ Deswegen ist auch das Trauergespräch mit den Angehörigen im Vorfeld so wichtig – da lässt sich immer die eine oder andere Anekdote heraushören: „Denn auch schmunzeln muss man bei einer Trauerfeier dürfen“, ist Koepke überzeugt.
Für die Rede sitzt der Trauerredner mehrere Stunden am Computer
Bis zu fünf Trauerfeiern führt der 68-Jährige pro Monat durch. Die Tendenz ist steigend – vermittelt wird der Kontakt meist über die Bestatter: „Die haben ein gutes Gespür dafür, welcher Redner zu welcher Familie passen könnte.“ Aber auch über Mundpropaganda oder über die katholische Kirchengemeinde Köngen/Unterensingen, für die sich Koepke seit Jahren ehrenamtlich engagiert, kommen Aufträge. Für eine Trauerfeier veranschlagt der Köngener bis zu sieben Stunden – das Gros der Zeit fließt in die Gestaltung seiner Rede. Bis zu drei Stunden sitzt Koepke dafür am Rechner, abgerechnet wird nach einer Pauschale.
Die Gründe der Hinterbliebenen, sich für einen freien Redner zu entscheiden, sind vielfältig: „Zu mir kommen Leute, die sich von der Kirche entfernt haben, die keine Verbundenheit mehr spüren.“ Auch für Menschen nicht-christlicher Glaubensgemeinschaften wie Muslime hat Koepke schon Trauerfeiern gestaltet. Der verstorbene Mensch steht im Mittelpunkt, betont der Köngener: „Und es ist meine Aufgabe, seine Geschichte zu erzählen und dabei einen guten Ton zu finden.“ Und so individuell wie der Verstorbene war, so unkonventionell kann sich dann auch die Trauerfeier gestalten. Da gab es etwa schon einen Sarg eines versierten Kochs, den statt Kränzen allerlei Küchenkräuter zierten oder den Freizeitmusiker, dessen Band bei der Beerdigung rockte.
Glaube ist für den Trauerredner persönlich wichtig
Die Rituale hätten sich vielleicht gewandelt, seien aber immer noch wichtig, findet Koepke: „Man muss Abschied nehmen – egal ob man in der Kirche ist oder nicht.“ Er könne aber auch katholisch, schmunzelt der Köngener, der wegen des Priestermangels seit vielen Jahren ehrenamtlich katholische und ökumenische Gottesdienste gestaltet: „Persönlich ist der Glaube für mich wichtig. Zu glauben ist für mich aber gleichzeitig das individuellste was es gibt – und ich glaube nicht, dass sich Gott dafür interessiert, welche Grenzen wir Menschen ziehen.“ Er ziehe viel Kraft aus seinem Glauben – denn die Schicksale der Verstorbenen gehen ihm manchmal schon ans Herz: „Aber das Schöne ist, dass ich die Geschichte des Verstorbenen erzählen darf: Ich mache bewusst, was der Mensch Gutes gewirkt hat. Das ist eine wunderbare Aufgabe.“
Als Trauerredner ist Koepke seit seinem Renteneintritt vor zwei Jahren tätig. Davor war der Diplom-Wirtschaftswissenschaftler lange Jahre bei der Motor Presse Stuttgart als Organisationsleiter für Oldtimer-Rallyes tätig – auch als Moderator. „Ich konnte schon immer gut reden und – was wichtig als Trauerredner ist, die Menschen haben mir schon immer vertraut“, sagt Koepke, der in West-Berlin aufgewachsen ist und den es 1978 studienbedingt in den Süden verschlagen hat. Was damals ein kleiner Kulturschock war, wie er offen zugibt: „Aber ein positiver – ich hatte zuvor an der TU Berlin studiert, da saß ich mit 1500 Leuten im Hörsaal, als ich dann nach Hohenheim wechselte, grüßten einen die Profs plötzlich mit Namen.“ Sein „neuer“ Job ist für den Köngener überaus sinnstiftend: „Trauerredner zu sein erfüllt mich. Ich merke, ich tue den Menschen etwas Gutes damit.“
Abschied nehmen wird immer individueller
Trauerrituale
Das Zeremoniell beim Tod eines Menschen hat sich verändert. Es gibt eine zunehmende Personalisierung von Trauerfeiern, bei denen individuelle Wünsche wie Musik, Texte oder Gegenstände des Verstorbenen einbezogen werden. Auch digitale Gedenkseiten oder virtuelle Trauerfeiern werden zunehmend als Teil des Abschieds akzeptiert.
Freie Trauerredner
Beruf und Titel des Trauerredners sind nicht geschützt, obwohl verschiedene Verbände Trauerredner aus- und weiterbilden.