„Die guten Jungs und die bösen Mädchen sind bei dir“ steht auf einem Kranz für den früheren Boxer Claus „Attila“ Parge, der im Alter von 68 Jahren gestorben ist. Foto: ubo

Bei der Trauerfeier für Ex-Boxer Claus „Attila“ Parge, einst eine schillernde Größe der Stuttgarter Altstadt, hat sich ein Panoptikum an Leben getroffen. Kritik gab es daran, dass der verurteilte Michael Beretin die Trauerrede halten durfte.

Leonberg-Höfingen - Ein solches Schauspiel hat Höfingen, ein kleiner Stadtteil von Leonberg, noch nie erlebt. Vor dem Neuen Friedhof stehen am Freitag schwere Motorräder und flache Flitzer. Polizisten bitten Autofahrer, umzudrehen, weil es keine freien Parkplätze mehr gibt. Staunend beobachten zwei Höfinger das Geschehen. „Da ist die Mafia drin“, sagt einer von ihnen und deutet auf die Kapelle, die so voll ist, dass nicht alle reingehen. Durch die offene Kirchentür blicken viele von außen nach innen.

Die Mafia ist es nicht, die sich in Schwarz versammelt. Aber etliche, die dem früheren Profiboxer, Wirt, Schauspieler und Autor Claus „Attila“ Parge die letzte Ehre erweisen, sind schon mal mit dem Gesetz in Konflikt geraten. „Mit einstigen Knackis sind ehemalige Staatsdiener gekommen“, bemerkt der frühere Wirt und Gastrosoph Bernd Heidelbauer, „Agenten wie Legenden sind da.“ Polizeibeamte in Uniform stehen auf der Straße, aber auch Kollegen in Zivil sind in der Kapelle. „Die Staatsmacht hat mehr Fotos gemacht als wir“, sagt ein Trauergast, der etliche Aufnahmen im „Kasten“ seines Smartphones hat.

Viele sind entsetzt, dass Michael Beretin sprechen darf

Gut wie Böse triff sich vor der Urne von „Attila“, der bis Mitte der 1980er Jahre sportliche Triumphe feierte, mehrere Jahre im Gefängnis saß, sich aber auch sozial engagierte und zuletzt die Kneipe Lucky Punch im Bohnenviertel führte. Im Alter von 68 Jahren ist er nach schwerer Krankheit gestorben, Wegen Steuerhinterziehung ist Parge verurteilt worden, nicht wegen Zuhälterei. Denn keine der Frauen, die für ihn anschaffen gingen, hatte vor Gericht gegen ihn aussagen wollen. „Er war gut zu seinen Frauen“, ist bei der Trauerfeier zu hören, „hat ihnen auch die Zähne bezahlt.“

In goldener Schrift steht nun auf der weißen Schleife eines Kranzes: „Die guten Jungs und die bösen Mädchen sind bei dir.“ In Höfingen, wo Parge zuletzt schwer krank bei seiner Freundin gelebt hat, zeigt sich: „Attila“ hatte viele Freunde – Freunde aus einer Zeit, die endgültig vorbei ist.

Mit starker Stimme und sehr einfühlsam singt Elvis-Interpret Ray Martin mehrere Lieder für seinen alten Kumpel, der es immer verstanden habe, das Leben zu genießen, und der Freunden in Not immer geholfen habe. „Ray ist der Hammer für Höfingen“, meint einer. Bei „My Way“ von Frank Sinatra gibt es den stärksten Beifall.

Dass bei einer Trauerfeier geklatscht wird, finden nicht alle gut. „Am liebsten hätte ich dem Trauerredner eine geklatscht“, sagt hinterher einer von „Attilas“ Freunden. Viele sind entsetzt, dass Michael Beretin sprechen darf – der ehemalige Marketingleiter des Bordells Paradise, der im Februar wegen Beihilfe zum schweren Menschenhandel, Beihilfe zur sexuellen Ausbeutung, Zuhälterei, bandenmäßige Förderung des Menschenhandels und Betrug zu einer Haftstrafe von drei Jahren und drei Monaten verurteilt worden ist. Seine Haftstrafe tritt der einstige TV-Pufftester, der heute mit Motorrädern handelt, erst im Oktober an. Angeblich soll er bereits nach acht Monaten Freigänger werden.

Das System Prostitution funktioniert mit Zwang und Gewalt

Später vor der Kapelle ist die Trauerrede ein beherrschendes Thema. „Der Beretin stand da wie ein Pfarrer vorm Kreuz“, sagt eine Frau, „es war, als wolle er sich mit dieser Rede reinwaschen.“ Die Trauerfeier sei „würdig“ gewesen, ist zu hören, nur mit dem falschen Redner. Spätestens nach der Verurteilung der einstigen Paradise-Betreiber ist klar: Das System Prostitution eignet sich nicht dazu, verklärt zu werden. Dieses System funktioniert mit Zwang und Gewalt. „Ein Milieu gibt es in der Stuttgarter Altstadt nicht mehr“, meint einer der Trauergäste. Ausländische Gangs hätten längst die Macht im Rotlichtviertel übernommen. Und vielleicht wird bei der Trauerfeier für „Attila“ auch die Zeit der Ganovenehre und der verklärten Hurenromantik endgültig zu Grabe getragen.

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