Charmeur, Tänzer, Träumer, Philosoph – vor allem aber Künstler: Adam Lude Döring im Jahr 2005 Foto: dpa/Archiv

Seine Bilder erinnern an Werke von Picasso, Schlemmer oder Chagall – aber Adam Lude Döring hat sich mit seiner Kunst einen eigenen Namen gemacht. Am Samstag,1. Februar, ist die letzte Feier für einen der profiliertesten Künstler des Landes.

Bietigheim-Bissingen - Es war klar, dass es das letzte Fest sein würde. Der Gastgeber war alt und krank, sein Haus stand vor dem Verkauf. Trotzdem war es ein sehr schönes Fest. Auf den Fotos, die an jenem Sommertag im vorigen Juli entstanden sind, ist ein fröhlicher Adam Lude Döring zu sehen. Umringt von Freunden und umgeben von Zeichnungen und Bildern, die in diesem von Fachwerkbalken getragenen Atelier im mehr als 300 Jahre alten Haus in Häfnerhaslach entstanden sind. Auf den Fotos sieht man Adam Lude Döring lächelnd, in Gespräche vertieft, nach innen strahlend. Dass er im Rollstuhl sitzen musste, erscheint beinahe nebensächlich.

Fünfeinhalb Monate später, am 24. Dezember 2018, ist Adam Lude Döring mit 93 Jahren gestorben. Am Samstag findet in der Städtischen Galerie in Bietigheim die Trauerfeier für ihn statt. An die 200 Gäste werden erwartet, und der Blick auf die Rednerliste lässt auch weniger Kunstbeflissene oder Jüngere ahnen, welchen Rang Adam Lude Döring in der Kunstwelt hatte.

Besondere Kennzeichen: Glatze und Brille

Adam Lude Döring, das war: ein sehr großer Mann mit einer auffallend großen Hornbrille und einem stets kahl geschorenen Kopf. Adam Lude Döring war: ein Charmeur, ein Tänzer, ein Träumer, ein Philosoph. „Seine Erscheinung veränderte die Atmosphäre“, formuliert es Dörings Galerist Rudolf Bayer. Vor allen Dingen aber war Adam Lude Döring ein Künstler. Auch wenn er erst spät in der Kunstwelt ankam.

Der Döring, der am 21. Dezember 1925 in Dresden zur Welt kommt, heißt Rudolf mit Vornamen. Er hat sechs Geschwister und macht eine Lehre bei der Reichspost. Nach dem Krieg geht er erst wieder zur Post, dann aber in den Westen, um für die IG Farben Harze aus gebrauchten Bottichen zu kratzen und im Ausbesserungswerk der Reichsbahn zu schreinern.

1949 kommt Rudolf Döring nach Stuttgart, bei den Anhängern Rudolf Steiners fängt er an zu studieren. Dort findet er seine große Liebe Mungo und erkennt, dass seine Bestimmung das Malen ist. Erst 1964 jedoch, also mit fast 40 Jahren, gibt er seinen Brotberuf als Gebrauchsgrafiker auf und arbeitet als Künstler.

Die Fröhlichkeit fällt auf

Adam Lude Dörings Bilder sind an ihrer Fröhlichkeit zu erkennen. An ihrer Buntheit. Und daran, dass sich irgendwo darin immer ein Mensch findet – zumindest als Fragment. Meistens Körper, Gesichter, Hände, tanzend, sprechend, spielend. Seine Bilder sind gemalt oder gezeichnet, sie erinnern mal an Werke Picassos, mal an die von Oskar Schlemmer oder Walter Wörns. Auch Assoziationen mit Chagall können im Betrachter aufsteigen – der aber immer auch die Handschrift Dörings sehen muss. „Döring bezauberte die Betrachter von Beginn an mit einer Mischung aus naiver Komposition und ästhetischer Stilisierung“, sagt der Galerist Rudolf Bayer, der auch nach Jahrzehnten der Freundschaft mit dem Künstler unverändert beeindruckt ist von dessen Arbeit und Arbeiten.

Adam Lude Döring hat einfach gemacht respektive gemalt. Er, der Autodidakt, wusste oft nicht, wo seine Arbeit endete, wenn er sie begonnen hat. Er hat keine Skizzen vorab erstellt. Er fing in einer Ecke an, und irgendwann war das Werk fertig. Lief ihm mal die Farbe aus, zauberte er mit dem Klecks etwas Neues. So lässt sich auch sein neu gewählter Vorname verstehen: Lude als eine Verbeugung vor dem spielenden Menschen, dem Homo ludens. (Für die Gewissheit bezüglich des Geschlechts setzte er den Adam voran.)

Billiger Leben in Jugoslawien

Zeitweise entstanden in dieser Art Spiel zwei oder sogar drei Bilder pro Nacht, seiner bevorzugten Arbeitszeit. Die Tage verbrachte er auf Streifzügen durch die Umgebung auf der Suche nach neuen Eindrücken. „Mein Einzelgänger-Papa“, nennt ihn seine Tochter Michaela Duhme, deren Wohnung in Metterzimmern voll hängt mit seinen Werken. Vielleicht wäre Döring nicht bekannt geworden, hätte er sich nicht in Stuttgart mit den Malern Moritz Baumgartl, Axel Arndt und Franz Sequenz verbunden. Vielleicht hätte er nie von seiner Kunst leben können, hätte der Fabrikant Eugen Eisenmann anfangs nicht jeden Monat mindestens „einen Lude“ erworben. Vielleicht wäre ihm, der sich nicht um Konventionen scherte, das gar nicht wichtig gewesen. Müßig! Adam Lude Döring wurde zu einem der profiliertesten Künstler des Landes. Und er, der sommers einst monatelang in Jugoslawien weilte, weil das Leben dort viel günstiger war als hierzulande, konnte sehr gut von seiner Kunst leben.

In ganz Deutschland sind seine Arbeiten ab 1968 zu sehen. Er gestaltet die Innenräume der Güglinger Mauritiuskirche, der Verwaltungsgebäude der Allianz in Stuttgart und des Teckcenters in Kirchheim. In Paris zählt er zu einem der bedeutendsten deutschen Künstler.

Ein Schlusslied von Zarah Leander

Seine Ausstellungen in den 70er und 80er Jahren sind in der Regel ruckzuck ausverkauft – und bestimmen die Preise daheim, wo Adam Lude Döring zu einem der Lieblinge der High-Society wird. Keine Gala, kein Empfang ohne Adam Lude Döring. 1989 ernennt ihn sein Freund, der Ministerpräsident Lothar Späth sogar zum Professor. „Der Titel hilft auf den Ämtern“, stellte Döring fest, der trotz allem unprätentiös auch drittklassige Gedichtbände illustrierte, und bis zuletzt behauptete, sein bestes Bild noch nicht gemalt zu haben.

Die letzten zwei Jahre seines Lebens verbrachte Adam Lude Döring in einem Pflegeheim. Zu seinem Tod erschienen Nachrufe in allen großen Blättern und Sendern. Und bei seiner Tochter, die ihren Vater bis zuletzt umsorgt hat, gingen Kondolenzbriefe von Herzog Karl von Württemberg ein, von Erwin Teufel und anderen Größen. Bei der Trauerfeier jetzt am Samstag in der Galerie sprechen neben dem Bietigheimer Oberbürgermeister und dem Ludwigsburger Landrat auch der Gründer der Kunststiftung Baden-Württemberg sowie der langjährige Präsident der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg.

Ganz zum Schluss werden Lieblingslieder des unkonventionellen Künstlers erklingen. Eins davon wird „Sag mir nicht Adieu“ von Zarah Leander sein.

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