Wie erklären Eltern einem Kind den Tod des Großvaters? Die Familientrauerbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper hilft bei dieser Frage. Ein Gespräch mit ihr über Tod, Trauer und ein Prinzessinnenkleid auf einer Beerdigung.
Wenn ein naher Verwandter stirbt, stehen Eltern vor der Frage, wie sie ihren Kindern den Tod erklären sollen. Mechthild Schroeter-Rupieper unterstützt seit mehr als 30 Jahren Familien in dieser schwierigen Lebensphase. Sie macht Eltern Mut und ist überzeugt: Wenn man Kinder fragen lässt und viel erklärt, können sie sogar gestärkt aus einer solch traurigen Phase gehen.
Frau Schroeter-Rupieper, viele Eltern glauben, Beerdigungen seien nichts für Kinder. Stimmt das?
Nein. Man kann Kindern den Tod schon zumuten. Er ist ja schließlich da. Die Frage ist, wen er erschüttert. Ich frage Eltern oft, wovor sie Angst haben. Meist sind es die Tränen ihrer Kinder. Und Weinen ist ansteckend. Das heißt, oft werden Kinder nicht mitgenommen, weil Erwachsene nicht traurig gemacht werden wollen. Aber wenn man Kindern alles gut erklärt und ihnen die Möglichkeit gibt, Fragen zu stellen, und ehrlich ist mit den Gefühlen, dann stärkt man die Kinder. Erschüttert wird man nur, wenn keine Stütze da ist.
Wie erklärt man Kindern den Tod etwa des Großvaters?
Man kann ja sagen, dass der Opa schon alt war. Dass er Einschränkungen hatte und nicht mehr Fußball spielen konnte. Oder dass er schon lange im Bett gelegen hat und keine Lebenskraft mehr hatte. Man kann das ja auch vorbereiten und begleiten, wenn der Tod absehbar ist, indem man sagt: Wenn wir uns heute zusammensetzen, muss ich euch was Trauriges sagen. Dann können Kinder schon mal näher an die Mama oder den Papa ranrutschen. Und dann erklärt man, dass der Arzt immer kommt, weil er schaut, dass der Opa keine Schmerzen hat. Man kann fragen: Welches Bild wollt ihr für den Opa malen. Oder man kann mit den Kindern den toten Opa noch mal besuchen.
Macht das keine Angst?
Der tote Großvater macht Kindern keine Angst. Die Ängste der Umgebung verängstigen Kinder. Wenn die Mutter aufgeregt ist, dann sollte sie sich einen guten Bestatter suchen oder jemanden mitnehmen, der sie stützt. Man kann ja erklären, dass der Opa jetzt anders aussieht, weil er tot ist. Aber er bleibt der Opa. In der Trauerbegleitung plädieren wir für solche Abschiedsrituale, weil Kinder den Tod ja auch begreifen müssen. Wir Erwachsenen wissen mehr. Aber wir müssen Kindern die Chance geben, sich selbst zu überzeugen. Ein Mädchen hat mir erzählt, ihr Vater hätte ausgesehen, als würde er schlafen. Weil er immer so kitzelig war, hat sie ihn an den Füßen gekitzelt. Als er nicht reagierte, habe sie gewusst, dass er nicht mehr lebt.
Und darüber darf ein Kind auch weinen.
Ja, es ist doch auch traurig. Wir müssten uns doch viel mehr Sorgen machen, wenn jemand Liebes stirbt und es gäbe keine Reaktionen darauf.
Reagieren Kinder je nach ihrem Alter anders?
Je größer, desto mehr Erklärungen brauchen Kinder. Ein Zehnjähriger begreift viel stärker die Tragweite eines Todes als ein Kindergartenkind.
Was erklärt man da?
Etwa wie es auf dem Friedhof sein wird. Ob vorne ein Sarg oder eine Urne steht. Dass viele weinen werden, weil sie traurig sind, weil der Opa gestorben ist. Man kann erklären, dass viele Menschen schwarze Kleidung als Zeichen ihrer Traurigkeit tragen.
Soll man Kinder zwingen, selbst schwarz zu tragen?
Nein. Man kann sie sich eine Farbe aussuchen lassen, von der sie glauben, dass der Opa sie schön gefunden hätte. Wir hatten neulich eine Beerdigung, da ist ein Mädchen in einem langen Prinzessinnenkleid, einem blauen Tüllkleid, mit Krone auf dem Kopf gekommen. Sie hat sich wirklich schön gemacht für ihren Papa. Und hat das auch dürfen.
Wie kann man Kinder noch unterstützen?
Sie können ihr Stofftier mitnehmen, wenn ihnen das guttut. Auch ein Jugendlicher kann sich irgendwas in die Tasche stecken, was er in die Hand nehmen kann, wenn ihm mulmig wird. Einen Stein etwa. Oder vielleicht will er noch einen Brief schreiben oder eine Blume für den Großvater aussuchen, die zu ihm passt. Kleinen Kinder kann man mehrere bunte Taschentücher geben und sagen: Wenn du weinen musst, kannst du dir eins aussuchen, das gerade passt. Und wenn du siehst, dass jemand anderes ganz fest weint, dann kannst du ihm eins abgeben. Dann können sich Kinder selbst aus der Situation ziehen und sich ablenken, wenn ihm die weinenden Menschen zu viel sind. Aber auch das muss man zulassen und ihnen erlauben.
Kann man sich auf die Beerdigung vorbereiten?
Wir raten Familien immer, einen Tag vorher schon mal zum ausgehobenen Grab zu gehen. Dann hat man den Ort bereits gesehen und eine Vorstellung davon. Ein Grab ist zwei Meter tief, so hoch wie eine Tür. Ein Urnengrab ist einen Meter tief. Man kann einen Brief ins Grab geben, Gänseblümchen, Rosenblätter oder Herbstblätter reingeben. Wenn man dann am nächsten Tag davorstehen, weiß man, dass der Sarg jetzt auf Rosen oder Gänseblümchen gebettet wird. So macht das Grab nicht mehr so viel Angst.
Das heißt, Kinder sind nie zu jung für solch einen Abschied?
Nein. Je jünger, desto unkomplizierter ist es für sie. Weil sie die Dimension des Todes nicht begreifen. Deswegen können sie nicht so traurig sein.
Stärkt ein gut erlebter Abschied Kinder fürs Leben?
Es hat etwas mit dem Urvertrauen von Kindern zu ihren Eltern zu tun, wenn Kinder früh dabei sind – auch wenn sie die große Tragik noch nicht erfassen können. Sie werden später sagen: Es ist traurig, aber es ist nicht schlimm. Kinder, die nicht mitgenommen werden, werden nur sagen: Es ist schlimm. Woher sollen sie wissen, wie sie eine so traurige Situation überwinden, wenn sie nie haben üben dürfen. Kinder gehören in einer traurigen Situation an die Seite von Eltern, damit sie wissen, dass sie aufgehoben sind bei Mama und Papa. Und wenn die beiden das gerade nicht können, sorgen sie dafür, dass jemand da ist, der gut für mich sorgt. Das ist, als würden Kinder ihre emotionale Muskulatur trainieren. So bereiten Eltern sie aufs Leben vor.
Unterstützung in schwieriger Zeit
Person
Mechthild Schroeter-Rupieper (58) ist die Gründerin der Familientrauerarbeit in Deutschland und Mitbegründerin der Familientrauerarbeit in Österreich und der Schweiz, Familientrauerbegleiterin, Fortbildungsreferentin und Autorin. Sie lebt in Gelsenkirchen und hat mehrere Bücher zum Thema verfasst. Etwa „Geht Sterben wieder vorbei? – Antworten auf Kinderfragen zu Trauer und Tod“, Thienemann-Esslinger-Verlag, 14 Euro.
Weg
Im Auftrag des Bistums Essen begann sie 1991 als Erzieherin und Kindergartenleiterin ein Fortbildungsprogramm für Kindergärten zum Thema Trauer und Tod zu entwickeln. Heute arbeitet sie im Lavia-Trauerhaus mit einem Team und begleitet Multiplikatoren sowie auch Familien und Einzelpersonen. Immer wieder fordert Schroeter-Rupieper mehr finanzielle Unterstützung für die Familientrauerbegleitung, die sich nur über Spenden finanziert.