Schon zu Lebzeiten eine Legende: Ex-Schutzpolizeichef Günther Rathgeb. Foto: Achim Zweygarth

Er prägte die Stuttgarter Polizei wie kein anderer: Günther Rathgeb. Bei sportlichen Großereignissen – von Olympia 1972 bis über die Fußball-EM 1988 bis zur Leichtathletik-WM 1993 – war er für die Sicherheit verantwortlich. Auch während des RAF-Terrors stand er an vorderster Front. Ein Nachruf.

Stuttgart - Man mochte es kaum glauben. Da gibt es ein großes Fußballereignis in der Stadt mit berüchtigten Hooligans von der britischen Insel, ein Hochrisikospiel zwischen England und Irland – und dann das: Die Stuttgarter Polizei tritt nicht mit Helm und Schlagstock auf, sondern mit Sommerhemd und Barett. Der für die Sicherheit der Fußball-EM 1988 verantwortliche Chef der Schutzpolizei nannte das die „Stuttgarter Linie“. Und Günther Rathgeb verstand darunter: Toleranz zeigen, aber auch klare Grenzen ziehen. Kein Schaulaufen der Polizei, aber an Brennpunkten sofort an Ort und Stelle konsequent einschreiten. Dieser Mann war cool bis in die Haarspitzen.

Es gibt wohl nur wenige Menschen, die auch 25 Jahre nach ihrer Pensionierung noch etwas zu sagen haben, mit Charisma, mit scharfer Analyse und Sachverstand, denen geradezu Ehrfurcht entgegenschlägt. Selbst Polizisten, die es bis auf die Stufe von Polizeipräsidenten gebracht haben, sehen sich eher als Lehrlinge, wenn sie von Günther Rathgeb sprechen. Doch nun ist seine Stimme verstummt: Der Vater der Stuttgarter Linie ist im Alter von 84 Jahren gestorben.

Der Mann, den sie den „Gewaltigen“ nannten

Der Mann aus Stuttgart-Vaihingen, in Stuttgart-Ost geboren, war ein Patriarch. Die Beamten nannten ihn den „Gewaltigen“. Dahinter stand keine Angst, sondern Respekt. Rathgeb, der 1974 als 40-Jähriger Leiter der Stuttgarter Schutzpolizei wurde, war auch so etwas wie ein Menschenfänger. Er forderte, stellte sich aber auch bedingungslos vor seine Leute. Seine Stuttgarter Linie darf auch nicht mit einer Taktik des Weichspülens verwechselt werden – dazu ist die Ära Rathgeb eine zu harte Zeit gewesen.

Es war die Zeit des RAF-Terrorismus. Die Zeit, in der Attentäter rücksichtlos auf Wirtschaftsbosse, Politiker und Polizisten schossen. Eine Zeit, in der drei seiner Beamten bei der Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer 1977 getötet wurden. In der bei den Trauerfeiern um die Täter und Opfer in Stuttgart höchste Alarmstufe herrschte. „So etwas wird die Polizei hoffentlich nie wieder erleben“, sagte er später.

Eine Leidenschaft für die Polizei

Olympia 1972 in München erlebte er als Leiter des zivilen Sicherheitsdienstes. Die Leichtathletik-WM 1993 in Stuttgart war Rathgebs letzter Großeinsatz. Kein einziges „verirrtes Ei“ auf Mitglieder des Olympischen Komitees durfte die Bewerbungschancen für Olympia 2000 in Berlin schmälern. Rathgeb und 2000 Polizisten erfüllten ihr Soll. Berlin wurde es trotzdem nicht.

Die letzten Jahre als Polizeichef waren für den Träger des Bundesverdienstkreuzes nicht einfach. Ehe Rathgeb im September 1993 in den Ruhestand ging, musste er erneut Größe beweisen – er stellte sich vor seine Leute. Entgegen politischer Schönfärbereien beklagte er Personallücken bei der Polizei, plädierte für eine zweigeteilte Laufbahn, stellte sich gegen das Innenministerium und auch den damaligen Polizeipräsidenten Volker Haas. Er nahm kein Blatt vor den Mund. Als Ruheständler sprach er früh von Fehlern bei der Polizei beim Einsatz gegen S-21-Gegner am 30. September 2010.

Rathgebs Leidenschaft für die Polizei ist kein Wunder: Sein Vater und sein Schwiegervater waren Polizisten, sein Sohn ist es auch – Martin Rathgeb leitet das Polizeirevier in Möhringen. Und auch in der vierten Generation stellt sich die Familie in den Dienst der Polizei. Keine Frage: Die Stuttgarter Linie lebt weiter – und sie ist untrennbar mit dem Namen Rathgeb verbunden.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: