„No fuss“ – keine Umstände, das schien bei Prinz Philip in allen Lebenslagen zu gelten. Auch als er kürzlich todkrank in einer Klinik lag, wollte er kein Aufsehen erregen. Nun ist der Ehemann von Queen Elizabeth II. mit 99 Jahren auf Schloss Windsor gestorben.
London - Es ist ein Tag der tiefsten Trauer für Elizabeth II. (94). Ihre große Liebe und Lebensstütze ist nicht mehr da. Fast 74 Jahre lang waren Prinz Philip und die Königin verheiratet. Am Freitag ist Philip nun zuhause auf Schloss Windsor westlich von London gestorben. In seinem eigenen Bett und nicht im Krankenhaus.
Für die Monarchin Elizabeth II. wird jetzt nichts mehr so sein wie früher. Und auch für Großbritannien endet eine Ära. Die BBC spielte die Nationalhymne im Fernsehen, Premierminister Boris Johnson hielt eine TV-Ansprache: „Wir trauern mit Ihrer Majestät, der Queen.“ Der Prinz sei eine Institution gewesen, „die unbestreitbar bedeutsam für das Gleichgewicht und das Glück unseres nationalen Lebens bleibt“, so Johnson weiter.
Blumen, die britische Flagge, Plüschtiere, Beleidsbekundungen und letzte Grüße: Spontan haben sich am Freitag trotz Corona-Pandemie Hunderte am Buckingham Palast in London und am Schloss Windsor versammelt, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen.
100. Geburtstag stand bevor
100 Jahre alt wäre Prinz Philip am 10. Juni geworden. Ein Fest mit seinen Lieben zu feiern, das war ihm nicht mehr vergönnt. Vermutlich hätte er es auch gar nicht gewollt. Denn Wirbel um seine Person war ihm zuwider. Und so wundert es nicht, dass er Anfang des Jahres kein Aufhebens um seinen Zustand machte, von „Unwohlsein“ sprach und die Presse abwimmeln ließ, obwohl er bereits todkrank in einer Londoner Klinik lag.
„No fuss“, also keine Umstände, schien bei Philip, offiziell der Herzog von Edinburgh, in allen Lebenslagen zu gelten. Was auch durch seine Rolle begründet war: Fast ein Dreivierteljahrhundert musste er der Queen den Vortritt lassen und ging – wie es das höfische Protokoll verlangte – stets zwei Schritte hinter ihr. Keine leichte Rolle. Zumal Philip einst selbst hätte glänzen können. Der selbstbewusste, abenteuerlustigen junge Leutnant stand Anfang der 40er Jahre vor einer großen Militärkarriere, galt als geborener Anführer, soll sogar als Oberbefehlshaber der Royal Navy im Gespräch gewesen sein. Stattdessen wurde er Prinzgemahl – aus Liebe.
Hochzeit war 1947
Einem Palastbeamten beschied er allerdings schon kurz nach der Hochzeit im Jahr 1947: „Ich bin nichts als eine verdammte Amöbe bei Hof.“ Damals wurmte ihn wohl vor allem, dass er seinen Familiennamen Mountbatten nicht an seine Kinder weitergeben durfte. Unterwürfig aber erlebte man den blonden Hünen nie. Und anders als etwa sein Kollege Prinz Henrik (1934–2014) fand er seine Nischen. Während der Gemahl der dänischen Königin Margrethe (80) sein Los beklagte und öffentlich mit dem „undankbaren Job“ haderte, stand Philip über den Dingen – und nicht im Schatten der Queen, sondern ihr zur Seite. Er galt als ihr wichtigster Ratgeber. Und war einiger der wenigen, von denen sie sich Kritik gefallen ließ.
Was Philip ausmachte waren seine Disziplin, gepaart mit schwarzem Humor und einem losen Mundwerk. Skandale? Höchstens durch seine politisch zuweilen mehr als unkorrekten Sprüche. Mit anzüglichen Witzen wie „Ich dachte, orientalische Frauen sitzen den ganzen Tag nur rum, rauchen Wasserpfeife und essen Süßigkeiten“ (zu einer Gruppe von Bauchtänzerinnen) trug er zum Unterhaltungswert der Royals bei.
Prinzgemahl statt General
Selbstironisch bezeichnete er sich mal als den „weltweit erfahrensten Gedenktafelenthüller“ – und er enthüllte in der Tat viele, etwa 1969 in Kanada mit den Worten: „Hiermit eröffne ich dieses Ding, was auch immer es sein mag.“ Die Queen lobte ihren Mann zur Goldenen Hochzeit im November 1997 in den höchsten Tönen: „Wir gehen oft gemeinsam meine Reden durch. Wie Sie sich vorstellen können, sagt er mir unverblümt seine Meinung.“ Und zehn Jahre später, zur Diamantenen Hochzeit, schwärmte Elizabeth II.: „Er ist meine Stärke und Stütze.“ Fast jede ihrer Ansprachen begann sie mit „Mein Ehemann und ich . . .“ – wohl auch, um den Gatten zu würdigen, was das Volk anfangs belustigt, später gerührt zur Kenntnis nahm.
Philips Biograf Gyles Brandreth sagte einmal, die Queen trage die Krone, „aber er hat die Hosen an“. Und nach Angaben von Martin Charteris, bis 1977 Privatsekretär der Königin, war er „der einzige auf der Welt, der sie einfach wie einen normalen Menschen behandelt“.
Schon mit 13 verliebte sich Elizabeth in den schmucken Marinesoldaten. Was bei ihren Eltern Unmut erregte. Philip kam zwar am 10. Juni 1921 hochadelig als Prinz von Griechenland und Dänemark im Schloss Mon Repos auf der griechischen Insel Korfu zur Welt. Außerdem war er ein Cousin dritten Grades der Queen, wie sie ein Ururenkel der britischen Königin Victoria (1819–1901), und somit standesgemäß. Doch Philip hatte kein Vermögen, und – noch viel schlimmer – in seiner Familie wimmelte es von Deutschen. Väterlicherseits entstammte er dem Haus Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg, mütterlicherseits dem Haus Battenberg, dessen bereits 1917 von seinem Großonkel ins Englische übersetzten Namen Mountbatten er später annahm. Philips deutsche Wurzeln galten im Zweiten Weltkrieg eigentlich als Ausschlusskriterium. Doch Elizabeth setzte ihren Willen schließlich durch.
Hochadelig, aber leider auch deutsch
Die Ehe verlief glücklich, wie beide stets betonten, und hielt mehr als 73 Jahre – bis zu Philips Tod. Sofern der Prinz Affären hatte, wie die Boulevardpresse immer mal wieder vermutete, blieben sie im Verborgenen. Er selbst sagte dazu: „Wie sollte ich das anstellen? Mir folgt Tag und Nacht ein Sicherheitsbeamter.“ Und Elizabeth II. soll ihren charmanten, gut aussehenden Mann in dieser Hinsicht als „Schaufensterbummler, der aber nie etwas kauft“ bezeichnet haben.
Verbrieft ist, dass sich Philip in der Königsfamilie von Anfang an wohl fühlte, dass ihm der Zusammenhalt, die Stabilität, die Herzlichkeit gefiel. Vermutlich auch, weil seine Kindheit und Jugend von Problemen geprägt war: Exil, Trennung der Eltern, Affären des Vaters Prinz Andreas von Griechenland und Dänemark, psychische Krankheit der Mutter Prinzessin Alice von Battenberg. Die Verwandtschaft wollte sich nicht um ihn kümmern, Philip wurde in Internate abgeschoben. Ein Jahr verbrachte er auf Schloss Salem am Bodensee, weshalb er fließend Deutsch sprach.
Seine Kraft war aufgebraucht
Ob er selbst seinen vier Kindern ein guter Vater war? Sohn Charles sagte vor einigen Monaten, er vermisse Philip, der mit der Queen wegen der Corona-Pandemie in Isolation gegangen war. Einst hatte er ihn aber als „hart und einschüchternd“ beschrieben. Eine Biografin nannte den Herzog von Edinburgh „diszipliniert, ohne Selbstmitleid“. Und so absolvierte Philip mehr als 22 000 Solo-Termine plus unzählige weitere mit seiner Frau, er hielt 5496 Reden und hatte mehr als 800 Schirmherrschaften inne, bis er sich 2017 in den Ruhestand verabschiedete. Danach machten sich bei dem kantigen Royal Spuren des Alters bemerkbar: Er litt unter Herz- und Hüftproblemen, die Blase machte im ebenfalls zu schaffen. Noch im März musste er sich einer Herzoperation unterziehen.
Der begeisterte Sportler – Segeln, Fliegen, Polo und Pferdekutschenrennen zählten zu seinen Leidenschaften – hatte sich lang fit gehalten. Doch nun war die Kraft doch aufgebraucht. Der Mann mit dem Ruf als „eiserner Herzog“ tritt seine letzte Reise im Auftrag der Krone an: Die Trauerfeier wird in einer militärischen Zeremonie in der St George’s Chapel auf Schloss Windsor stattfinden, die Beisetzung dann auf dem Privatfriedhof der Royals auf dem nahe gelegenen königlichen Anwesen Frogmore. In kleinem Kreis, so wie es sich Philip gewünscht hatte.