Eine in den USA erfolgte Transplantation markiert eine neue Marke für den medizinischen Fortschritt – wirft aber auch ethische Fragen auf.
Stuttgart - Der eine ist ein Hasenfuß, der andere störrisch wie ein Esel und jene fährt wie die gesengte Sau. Im Sprachgebrauch sind Wesenszüge von Tieren und Menschen schon immer munter gemixt worden. Im Bereich der Medizin ist jetzt ein historischer Durchbruch in den USA mit der Einpflanzung eines Schweineherzens in den Brustkorb eines todkranken Patienten – der keine andere Überlebenschance hatte – gelungen. Als „revolutionär“ feiern auch in Deutschland die Transplantationsmediziner diese Operation, und Vergleiche werden gezogen zur ersten Herztransplantation von Mensch zu Mensch 1967 in Südafrika.
Das Mitgefühl gilt dem Patienten
Weltweit sind die Gedanken und das Mitgefühl jetzt sicher bei dem das Tierherz tragenden Patienten David Bennett in den USA und die Hoffnung, er möge mit dem Spenderherz lange leben und die gefürchtete Abstoßungsreaktion möge nicht kommen.
Auf der anderen Seite wirft diese sogenannte Xenotransplantation – die Übertragung eines Organs einer Spezies auf eine andere – eine Reihe von ethischen Fragen auf. Dürfen wir Tiere als Organbanken für den Menschen heranzüchten, dürfen wir sie als Wirtstiere missbrauchen, die uns im Falle des Falles einen Teil ihres Körpers „spendieren“ müssen? Widerspricht dies nicht der Würde der Kreatur? Die Antwort muss vor dem Hintergrund unserer agrarischen Massentierproduktion gesehen werden, die auf einer jährlich milliardenfachen Tötung von Nutztieren für Nahrungszwecke setzt, und sie muss ein eindeutiges Ja sein. Merkwürdigerweise könnte durch diese Operation von Maryland auch ein neuer Blick auf das Tier fallen: auf seinen Wert als Freund und Retter des Menschen, wegen dem sich der zumindest teilweise Verzicht auf Fleischkonsum eigentlich anbieten würde.
Neue Dimension der High-Tech-Medizin
Die Verpflanzung des Schweineherzens zeigt eine neue Dimension der High-Tech-Medizin an, die menschliches Leid lindern kann und der man sich nicht verschließen sollte. Der Durchbruch begann damit, dass es vor einigen Jahren gelungen ist, von bestimmten porcinen Retroviren freie Schweine als Organspender zu züchten. Die Entwicklung ist aber nur die Fortführung einer längst eingetretenen Verwendung von Tieren zur medizinischen Behandlung von Menschen. Aus der Bauchspeicheldrüse von Schweinen ist früher Insulin für Diabetes-Patienten gewonnen worden, Herzklappen von Schweinen werden auch bei Menschen eingesetzt und in den USA fand bereits 2021 die Verpflanzung einer Schweineniere auf einen Menschen statt.
Die unheimliche Vorstellung einer Chimäre
Und dennoch bleiben ethische Bedenken, wenn man die Forschung zur Xenotransplantation global betrachtet. Es ist sicher an der Zeit, dass der Deutsche Ethikrat seine elf Jahre alte Stellungnahme zur Forschung an „Mensch-Tier-Mischwesen“ aktualisiert. In Japan wird seit zwei Jahren an Schweineembryonen ohne eigene Bauchspeicheldrüse geforscht, denen dieses Organ durch die Einspeisung von menschlichen Stammzellen erst nachwachsen soll. Diese Chimären – Mischwesen – sollen zu Forschungszwecken ausgetragen werden, denn das Langzeitziel ist die Züchtung von menschlichen Organen wie Bauchspeicheldrüsen, Nieren oder Leber in den Tieren. In Deutschland und den USA ist diese Art der Forschung verboten.
Es besteht die Sorge, dass die menschlichen Stammzellen das vorgesehene Organ verlassen und im Tiergehirn ein menschliches Bewusstsein auslösen könnten. Dies ist eine unheimliche Vorstellung und eine Entwicklung, die wohl keiner möchte. Das in der Medizin Machbare wird vermutlich eines Tages getan. Aber es gilt, Kontrollen einzubauen und Grenzen zu ziehen.