Bei den Autokonzernen hängt derzeit etwa jeder zweite Job am Verbrenner. Foto: Daimler AG/Mercedes-Benz AG - Global Commun

Bei der Transformation der Branche hin zur Elektromobilität könnten mehr Arbeitsplätze wegfallen, als Beschäftigte in Rente gehen. Der Branchenverband VDA und das Ifo-Institut fordern Gegenstrategien – und kritisieren die Klimapläne der Regierung.

Berlin/München - Durch den Abschied vom Verbrenner und den Übergang zur Elektromobilität werden in der deutschen Automobilindustrie in den kommenden Jahren Hunderttausende Jobs gefährdet sein. Allein mit der Verrentung älterer Kollegen dürfte sich der Personalüberhang in den Betrieben dabei nicht auflösen lassen. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie, die der Branchenverband VDA und das Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung am Donnerstag präsentierten.

 

Demnach ist damit zu rechnen, dass bis zum Jahr 2025 hierzulande mindestens 178 000 Beschäftigte bei Herstellern und Zulieferern von der Transformation betroffen sein werden. Bis 2030 dürften es mindestens 215 000 sein. Bis 2025 werden der Studie zufolge aber nur rund 75 000 Beschäftigte der Branche altersbedingt ausscheiden. Bis 2030 wiederum werden sich rund 147 000 ältere Kollegen in den Ruhestand verabschieden.

Weiterbildungen und Umschulungen gefordert

„Es wird deutlich, wie tiefgreifend der laufende Transformationsprozess in den kommenden Jahren sein wird“, heißt es in der Studie. Bereits heute seien erhebliche Anstrengungen wie Weiterbildungen und Umschulungen notwendig, um den Transformationsprozess zu meistern und die negativen Beschäftigungswirkungen abzufedern.

Wie die Wissenschaftler schreiben, waren 2019 – also im Jahr vor Beginn der Coronapandemie – hierzulande mehr als 447 000 Personen mit der Herstellung von Produkten beschäftigt, die direkt mit der Verbrennertechnologie zusammenhängen. Dazu zählt etwa die Herstellung von Benzin- und Dieselmotoren oder Abgasreinigungssystemen.

Jeder zweite Job hängt am Verbrenner

Bei den Autokonzernen und ihren Zulieferern hängt gegenwärtig etwa jeder zweite Job am Verbrenner. Zudem waren mehr als 166 000 Personen mit der Herstellung von Produkten beschäftigt, die indirekt mit Verbrenner-Fahrzeugen zu tun haben. Dazu gehört etwa die Herstellung von Kraftstoffen.

VDA-Präsidentin Hildegard Müller betonte, dass ein Arbeitsplatz, der von der Transformation betroffen sei, nicht zwangsläufig wegfallen werde. „Aber die Arbeitsplätze müssen sich verändern.“ Ifo-Chef Clemens Fuest sagte, die Zeit dränge, die Branche befinde sich bereits mitten im Umbruch. Man müsse jetzt Strategien entwickeln, um die drohenden Jobverluste aufzufangen.

Die Studie untersucht nicht, wie viele Jobs durch die Elektromobilität neu entstehen könnten. Sie unterstellt, dass die Produktion von Autos mit Verbrennungsmotor in den kommenden Jahren so stark zurückgeht, wie es die europäischen Klimaschutz-Vorgaben derzeit erfordern. Die Autohersteller sind verpflichtet, die Emissionen ihrer Flotten massiv zu senken. Dafür gibt es genaue Vorgaben, die mit der Zeit strenger werden.

Emissionsvorgaben werden weiter verschärft

Für die Hersteller bedeutet dies, dass sie immer mehr Elektroautos und immer weniger klassische Verbrenner verkaufen müssen. 2019 lag der Anteil von Elektromobilen an den Neuzulassungen EU-weit bei rund 3,5 Prozent. Laut Studie werden 2025 voraussichtlich 29 bis 36 Prozent benötigt und 2030 dann 35 bis 47 Prozent – je nachdem, wie viel CO2 die verbliebenen Autos mit Verbrennungsmotor dann ausstoßen.

Es ist aber geplant, die Emissionsvorgaben für die Autoindustrie abermals zu verschärfen. In Brüssel laufen derzeit die Arbeiten an der entsprechenden Gesetzgebung. Die Europäische Union will beim Klimaschutz deutlich mehr Tempo machen. Gerade erst hat sie ihr Klimaziel für 2030 nach oben geschraubt: Statt um 40 Prozent soll der Treibhausgas-Ausstoß nun um 55 Prozent unter das Niveau von 1990 gedrückt werden.

Wegweisendes Urteil aus Karlsruhe

Auch in Deutschland steht eine Verschärfung der Klimaziele bevor. Das hat mit den neuen europäischen Maßgaben zu tun, aber auch mit dem wegweisenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus der vergangenen Woche. Die Karlsruher Richter hatten das geltende Klimaschutzgesetz aus dem Jahr 2019 für teilweise verfassungswidrig erklärt und dem Gesetzgeber aufgetragen, die Belange junger Menschen stärker zu berücksichtigen. Bereits am Mittwoch will das Bundeskabinett eine Novelle auf den Weg bringen. Unter anderem soll das Reduktionsziel für 2030 von bisher 55 auf dann 65 Prozent erhöht werden.

VDA-Chefin Müller kritisierte das Vorgehen der Regierung scharf. Es sei ihr unerklärlich, dass die deutschen Klimaziele quasi über Nacht und ohne Folgenabschätzung verschärft werden sollen. „Gute Gesetzgebung sieht anders aus.“ Ifo-Präsident Fuest schloss sich dem an: „Was wir derzeit sehen, ist Verunsicherung, keine Schaffung stabiler Rahmenbedingungen.“