Heute können sie wieder zusammen lachen: Ryan Holz aus Göppingen und seine Mutter Gabi Schwarz. Doch der Weg dorthin war beschwerlich, beide mussten die Situation erst annehmen. Foto: Giacinto Carlucci

Ryan Holz aus Göppingen war mal ein Mädchen. Heute ist der 20-Jährige ein selbstbewusster junger Mann, der in der Modewelt Fuß fassen will. Eine große Operation steht ihm noch bevor.​

Knallrote Haare, tiefe Stimme, Bartstoppeln, lackierte Nägel. Aus den schwarzen Hemdärmeln fließen Tattoos auf die Hände, das Gesicht zieren Nasen- und Lippen-Piercings. Hinter der Brille blitzen hellwache, fröhliche Augen. Ryan Holz erzählt von seinem Studium, von unzähligen Reisen nach Italien, von den ersten Gehversuchen in der Modewelt, der eigenen Jacken-Kollektion, seinen Träumen und Visionen. Im September 2023 hat er in Stuttgart seine Ausbildung zum staatlich geprüften Modedesigner begonnen und kurz vorher seine erste eigene Wohnung in der Landeshauptstadt eingerichtet. Der Umzug sei notwendig, sagte der Göppinger vor knapp zwei Jahren. Nicht nur, weil die Pendelei anstrengend ist. „Ich muss weg von zu Hause, brauche Platz für mich, will mein eigener Mensch sein.“

 

Der Tag des Outings ist ein Meilenstein

​Ryan Holz ist sein eigener Mensch. Nicht nur, weil er sehr selbstständig ist und sich früh von zu Hause abgenabelt hat. Der 20-Jährige ist heute mit sich im Reinen und kann offen darüber sprechen, dass er mal ein Mädchen war. Der Tag des Outings am 1. Mai 2019 war ein Meilenstein. „Da habe ich es meiner Mutter gesagt“, blickt er zurück. Etwa einen Monat, nachdem er sich auf einem Konzert in Hamburg fremden Menschen bereits als Ryan vorgestellt habe. 15 war er damals. ​

Für ihn selbst sei der Wunsch, als Angehöriger des anderen Geschlechts zu leben und auch so anerkannt zu sein, aber schon viel länger dagewesen. Bereits Anfang 2018 habe er sich mit der LGBTQ-Community ausgetauscht. Diese fünf Buchstaben sind eine englische Abkürzung und stehen für lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle/Transgender-, queere, intersexuelle und asexuelle Menschen. Und auch mit seinen Freunden habe er über seine Transsexualität gesprochen, habe von ihnen „viel Support“ bekommen.​

Diese Unterstützung sei enorm wichtig gewesen, denn im Gymnasium war es schwierig. „Da hieß es immer: Ohne Gutachten machen wir gar nichts.“ Das bedeutet, er wurde mit seinem früheren weiblichen Namen angesprochen – dem „Deadname“, den er heute nicht mehr nennen will. Der Toilettengang wurde zum großen Thema, genauso wie die Umkleide beim Sportunterricht. Weder bei den Mädchen noch bei den Jungs war er damals richtig. Die Schule war ein rotes Tuch für ihn. „Er war früher immer sehr sozial und offen, das hat sich irgendwann gedreht, er war wie in einem Kokon eingeschlossen“, erinnert sich seine Mutter Gabi Schwarz. Auch sie haderte zu diesem Zeitpunkt mit der Situation: „Ich habe mich gefragt, ob ich in der Erziehung etwas falsch gemacht habe.“ Sie weiß, dass Ryan, der damals noch anders hieß, pink gar nicht mochte und lieber Cars-Schlafanzüge trug als Pyjamas mit Prinzessinnen-Motiv.

​Seine frühere und nun neu erwachte Offenheit war in der achten und neunten Klasse „einem unterirdischen Selbsthass“ gewichen, erinnert sich ihr Sohn. „Ich wusste damals nicht, woher das kommt.“ Er vermutet, dass die Pubertät den Auslöser gegeben hat. Diese Achterbahnfahrt der Gefühle, verbunden mit Veränderungen des Körpers. „Es ist denkbar, dass man versucht, sich selbst die Schuld zu geben“, meint der 20-Jährige heute, in der Reflexion. Seine Mutter hat gelernt: „Man sollte das nie als Spleen abtun, als Internet-Sache, die wieder vorbeigeht, und gegensteuern.“ Beide wirken gelöst, werfen sich verstehende Blicke zu. Viel Aufarbeitung liegen hinter Mutter und Sohn. Beim ersten Gespräch vor knapp zwei Jahren, an einem heißen Vormittag auf der Terrasse des Einfamilienhauses in Göppingen, sah dies noch etwas anders aus. Da schluckte Gabi Schwarz immer wieder, weil vieles, vielleicht sogar so noch nie Gesagtes, hochkam.​

Ryan Holz ließ sich in all den Jahren nie hängen. Er las sich in das Thema ein, kontaktierte Psychologen. Zielstrebig und mit seinem starken Willen habe er sein Ziel verfolgt, blickt seine Mutter zurück, trotz vieler Rückschläge. Kurz vor Weihnachten im Jahr 2019 kam der Göppinger in die geschlossene Kinder- und Jugendpsychiatrie einer Ulmer Klinik. Zu groß war der Druck – im schulischen, aber zu diesem Zeitpunkt auch im familiären Umfeld. „Meine Mutter hatte das damals ja auch noch nicht verarbeitet“, sagt der Sohn verständnisvoll. Er selbst sei ja schon viel weiter in diesem Prozess gewesen, „ich musste nur noch den Körper hinterherziehen“.

Ein Leben mit Testosteron-Zugabe

​Nach und nach wurde er zum Mann. „Seitdem ich 17 bin, nehme ich Testosteron“, erzählt Ryan Holz. Anfangs war es ein Gel, das er auf die Schultern schmierte, nun sind es Spritzen, alle zehn Wochen. Testosteron macht die Stimme tiefer, greift in die Fettverteilung ein, regt den Bartwuchs an. „Testosteron muss ich mein Leben lang nehmen“, sagt der 20-Jährige. Er werde vom Facharzt überwacht, weil die Hormone auch Nebenwirkungen haben. Im Sommer 2022 ließ er sich die Brüste entfernen, diese sofort äußerlich sichtbare Weiblichkeit, die er jahrelang weggebunden hat. „Das war ein langer Prozess, bis die Krankenkasse das genehmigt hat.“ Nach der Ausbildung will er sich noch die inneren Geschlechtsorgane entfernen lassen, um etwas unabhängiger von den regelmäßigen Spritzen zu werden. Ein Penis ist aber aktuell für ihn nicht darstellbar. „Das ist zu aufwendig und zu risikoreich.“ Man müsste Haut aus dem Arm entnehmen, „dafür ist mein Arm zu teuer“, spielt er auf die unzähligen Tätowierungen an und lacht. „Aber vielleicht denke ich mit 30 anders darüber.“​

Jetzt richtet sich der Fokus erst einmal voll und ganz auf die Ausbildung an der Stuttgarter Privatschule. Seine anfängliche Angst, es als Transgender schwer zu haben, hat sich schnell zerschlagen. „Die meisten wissen das, es ist eben Teil meiner Persönlichkeit.“ Umso erschreckender findet er Trumps Geschlechter-Dekret, das Trans-Menschen die Einreise in die USA erschwert. „Da würde ich derzeit nicht hinfliegen.“ Da fühlt er sich in Stuttgart wesentlich wohler und sicher, auch wenn „leicht transphobe Äußerungen“ nicht komplett ausbleiben. Ryan Holz will mit seiner Offenheit helfen, dass Angst und Vorurteile im Keim erstickt werden oder gar nicht erst entstehen.

​Das Studium sei „ziemlich stressig, macht aber großen Spaß und ist genau das Richtige“, sagt der Modedesigner in spe. Der Göppinger lernt das Handwerk vom Entwurf über den Schnitt bis zum Nähen. Nebenher entwirft er eigene Jacken im alternativen Punk-Rock-Style und hat diese bereits an diverse Musiker verschenkt. „Ich war letztes Jahr zehn-, elfmal in Italien“, sagt der Göppinger und lacht. Der Kontakt zur Szene vor allem in Italien wächst, Schlüssel sind oft die Tätowierer, sagt er. Sein Ziel ist es, die eigene Marke „Rien“ zu etablieren. Und ein Jahr Mode-Studium an einer renommierten Schule in Florenz dranzuhängen.

Für eine Beziehung ist kein Platz – zumindest jetzt nicht

​Eine Beziehung passt bei diesem Pensum schon rein zeitlich gar nicht rein, sagt Ryan Holz. „Und ich habe auch gar kein Bedürfnis danach.“ Und wenn doch? Fühlt er sich eher zu Frauen oder zu Männern hingezogen? „Zu Männern und Frauen“, antwortet Ryan Holz und unterstreicht: „Die geschlechtliche Anziehung und die eigene geschlechtliche Identität haben nichts miteinander zu tun. Ich sehe da keinen Zusammenhang.“ Derzeit sei er glücklich mit seinen Freunden und Ratgeber für alle, die sich derzeit trennen, meint er schmunzelnd – „ausgerechnet ich“. Er hat viel Besuch, kocht gerne. „Ich weiß nicht, ob ich jemals eine Beziehung will. Ich finde es wichtig, dass man mit sich alleine sein kann.“​

Geschlecht entspricht nicht der Identität​

Definition
Trans*-Menschen sind Menschen, denen bei der Geburt ein Geschlecht zugewiesen wurde, das nicht oder nicht vollständig ihrer Identität entspricht.

Beispiel
Ein trans*-Mann ist etwa ein Mann, der bei Geburt den Geschlechtseintrag „weiblich“ erhalten hat. Es gibt auch trans*-Menschen, die sich gar keinem Geschlecht zugehörig fühlen. Eine transsexuelle Person hingegen möchte dauerhaft zu dem Geschlecht wechseln, mit dem sie sich identifiziert.​