Mit 18 Jahren hat Luca begonnen, seinen Körper dem gelebten Geschlecht anzupassen. Eine Geschichte über einen jahrelangen Weg mit unzähligen Hürden.
Die Stadtbahn tuckert die Hohenheimer Straße in Stuttgart hoch, zwischen Haltestelle Olgaeck und Dobelstraße deutet Luca aus dem Fenster: „Da ist das Robert-Bosch-Krankenhaus“, sagt der 26-Jährige. Für ihn ist die Außenstelle der Klinik nicht einfach eine Klinik, sondern der Ort, an dem er seine Transition – also den Weg, auch äußerlich ein Mann zu sein – vorerst abgeschlossen hat. Und es ist der Ort, an dem er nur wegen einer Not-OP gelandet ist. Hier erzählt Luca, der im Kreis Göppingen wohnt, über den langen Weg, der ihn da hingebracht hat.
Dieser Weg beginnt mehr als 20 Jahre früher mit einem Faschingsfest. Luca ist damals fünf Jahre alt, in seinen Dokumenten steht „weiblich“ als Geschlecht, so wurde es nach der Geburt eingetragen. Für seine Umwelt ist er Saskja. Und von Kindern, die so heißen, wird erwartet, dass sie ein Kleid anziehen. Aber das findet er hässlich. Luca geht im Fasching lieber als Pirat. Zusätzlich nimmt er den Rasierer mit in den Kindergarten und rasiert sich dort alle Haare ab. Er fühlt sich toll, die Familie ist schockiert, so erzählt er es.
Er versteckt seinen Körper, ekelt sich vor ihm
In den Jahren danach versteckt sich Luca beim Umziehen vor dem Sport in der Toilette, den Schwimmunterricht verweigert er. Die erste Menstruation löst Panik aus. Vor seinem Körper, der in dieser Zeit auch Brüste entwickelt, ekelt er sich. Einen Namen für das, was in ihm vorgeht, hat er noch nicht. Anvertrauen kann er sich niemandem, deswegen macht er alles mit sich selbst aus. „Ich wollte so nicht leben“, sagt Luca heute. „Zwischen 16 und 18 habe ich nur noch gesoffen“, sagt Luca, irgendwas zwischen Bewältigungsstrategie und Selbstzerstörungstrieb.
Mit 18 sieht er eine Doku über einen trans Mann und denkt: Das bin ich. Luca, der damals noch in einem weiblichen Körper lebt, fragt sich: Wie kann ich zu dem Menschen werden, der zu dem passt, was ich bin? Zu einem, der auch äußerlich als Mann wahrgenommen wird? Also das vollziehen, was man als Transition bezeichnet? Ein Prozess, der viele Termine nach sich ziehen kann: Bei Psychotherapeutinnen und Fachärzten, in chirurgischen Praxen und OP-Sälen.
3000 geschlechtsangleichende Operationen gibt es jährlich
Es gibt etwa eine halbe Million trans Menschen in Deutschland, davon geht die Deutsche Gesellschaft für Trans*- und Inter*-Geschlechtlichtkeit (dgti) aus. Das entspricht etwa 0,6 Prozent der Bevölkerung. Exakte Erhebungen dazu gibt es nicht, aber die Zahl liegt etwa im Mittelfeld von Schätzungen aus anderen westlichen Ländern. Nur ein kleiner Teil lässt geschlechtsangleichende Operationen durchführen: 3000 dieser Eingriffe gibt es jährlich in Deutschland, so Zahlen des Statistischen Bundesamts. Zwischen 0,3 und 2 Prozent der Menschen bereuen die Eingriffe.
Medizinerinnen und Mediziner stehen bei diesen Operationen vor einem grundlegenden Dilemma: Sie entfernen mitunter biologisch gesunde Organe. Im Fall einer Transition von Frau zu Mann, wie bei Luca, würde eine komplette Angleichung bedeuten: Brüste sowie Eierstöcke und Gebärmutter werden entfernt, gegebenenfalls ein künstlicher Penis aufgebaut. „Keine dieser OPs ist für eine Transition Pflicht“, sagt Luca. „Jeder macht mit seinem Körper, was er will.“ Zusätzlich wird in der Regel das männliche Sexualhormon Testosteron verschrieben. Manche verzichten aber auch ganz auf medizinische Maßnahmen.
Wann die Krankenkasse Eingriffe zur Geschlechtsangleichung übernimmt
Wer Angleichungen machen und eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen beantragen will, muss zunächst ein psychologisches Gutachten einholen. Eine entsprechende Diagnose gibt es nur, wenn ein Leidensdruck daraus entsteht, dass das Geburtsgeschlecht nicht mit der gelebten Geschlechtsidentität übereinstimmt. Dieser werde oft beschrieben als „eine Kombination aus Angst, Depression, Reizbarkeit und dem durchdringenden Gefühl, sich in seinem Körper nicht wohl zu fühlen“, heißt es im medizinischen Nachschlagewerk MSD Manuals. Man spricht dann von einer Geschlechtsdysphorie. Eine erste Therapeutin habe ihm eine Magersucht attestiert, obwohl er damit noch nie Probleme gehabt habe, erzählt Luca. Bei einer zweiten Therapeutin erhält er das entsprechende Schreiben. Damit geht es weiter zum Endokrinologen, also einem Facharzt für das Hormonsystem. Dort bekommt Luca ein Testosteron-Gel verschrieben, dass er sich jeden Tag auf den Oberarm schmiert.
Nach der geschlechtsangleichenden OP ist eine Brust größer als die andere
Das Sexualhormon Testosteron kommt zwar bei beiden Geschlechtern vor, ist aber bei Männern in der Regel deutlich höher konzentriert. Durch diesen Hormonschub erlebt Luca so etwas wie eine zweite Pubertät: Ein Stimmbruch, Bartwuchs, kantigere Gesichtszüge – und eine kaum zähmbare Libido. Lucas Körper wird also im traditionellen Sinne männlicher, gleichzeitig produzieren seine Eierstöcke weiterhin das Hormon Östrogen, das weibliche Geschlechtsmerkmale ausbildet. Das Östrogen sorgt auch dafür, dass er weiterhin die Regel hat, mitunter schmerzhafter und länger als davor. Auch deswegen entscheidet sich Luca später, sowohl Gebärmutter als auch Eierstöcke entfernen zu lassen.
Wichtiger war Luca aber, seine weiblichen Brüste loszuwerden. Er habe sich durch sie in seinem Leben eingeschränkt gefühlt. Einen ersten Eingriff hat er mit 22 Jahren in Mannheim. Aber bei der Mastektomie, so heißt der Eingriff in der Fachsprache, wird ein Teil der rechten Brustdrüse nicht entfernt – Lucas Brust ist nun asymmetrisch. Mehrere Jahre lebt er damit. Es geht ihm nicht gut in der Zeit, er spricht von Suizidgedanken. „Ich habe mich gefühlt, als würde ich in einem Kostüm stecken und nicht rauskommen“, sagt Luca.
Eine gefährliche Nachblutung nach der OP
Er wendet sich an eine Praxis in Stuttgart und landet 2024 bei der Chirurgin Petronela Sakova. Erst ist er skeptisch, dann fasst er aber schnell Vertrauen, dass sie ihm zu einer gleichmäßigen männlichen Brust verhelfen kann. „Bei solchen Revisionseingriffen hat man ein Gewebe, das schon geschädigt ist. Durch die gestörte Durchblutung und Narbengebilde ist das ziemlich komplikationsgefährdet“, sagt Sakova. Hinzu kommt, dass Luca aufgrund eines Herzfehlers Blutverdünner nimmt. Auch er weiß, dass der Eingriff nicht ohne Risiken sein wird.
Nach einer ambulanten Absaugung in Stuttgart, welche die kleine Asymmetrie ausgleichen sollte, kommt es am späten Abend zu einer Nachblutung. Die Brust von Luca sieht aus, als wäre sie von einem riesigen Bluterguss umhüllt. Luca wird in der Robert-Bosch-Klinik von Sakovas Praxiskollegen notoperiert, der Brustraum mit einem Stich geöffnet, das Blut ausgeräumt und ausgespült. Nach zwei Tagen kann Luca die Klinik verlassen. Er hat seine letzten Hürden überwunden. Seine Transition ist nun für ihn abgeschlossen. Sich chirurgisch einen Penis basteln zu lassen, kommt für ihn nicht infrage. Zu groß sind ihm die Risiken.
Die Haupteingriffe einer medizinischen Transition
- Die Mastektomie – es gibt zwei Hauptarten: Einerseits die sogenannte liposuktionsassistierte Mastektomie. Dabei wird zuerst das Fettgewebe und die Drüse abgesaugt und dann über einen kleinen Schnitt um den Brustwarzenhof die Restdrüse entfernt, wie Chirurgin Petronela Sakova erklärt. Diese minimalinvasive Methode könne bei sehr kleinen, vor allem fettlastigen Brüsten angewendet werden, so Sakova. Bei der klassische Mastektomie, die bei den meisten trans Patienten zum Einsatz komme, werde die komplette Brustdrüse entfernt. Das gehe mit einem horizontalen Schnitt am vorderen Brustkorb einher, sagt Sakova. Die Brustwarzen würden dann an festgelegten Stellen neu eingenäht und anfangs mit einem speziellen Druckverband versorgt.
- Hysterektomie und Adnektomie: Dabei werden die Gebärmutter und die Eierstöcke entfernt. Dadurch werden die weiblichen Sexualhormone Progesteron und Östrogene nicht mehr produziert.
- Der Penoidaufbau – also der künstliche Penis: Eine der Möglichkeiten ist etwa, das Glied aus Hauttransplantaten vom Unterarm und einer Erektionsprothese zu formen. Dieser sogenannte Penoid wird später an bestehende Nerven und die Harnröhre angeschlossen. Die OP ist kompliziert, es kann auch im Nachhinein zu vielen Komplikationen kommen. Auch deswegen entscheiden sich viele trans Männer – wie auch Luca – gegen diesen Eingriff.
Heute verbindet Luca und Petronela Sakova ein freundschaftliches Verhältnis. Luca schickt ihr mitunter Blumen, Schokolade oder ein Bild aus dem Urlaub: etwa oberkörperfrei in Italien, mit der Brust, zu der sie ihm verholfen hat. „Das Bild hat nur so gesprießt vor Lebensfreude und Selbstbewusstsein“, sagt Sakova. Und sie meint: „Wir haben das große Glück, in einer demokratischen Gesellschaft leben zu dürfen, die uns eine Meinungsfreiheit ermöglicht, die uns leben und all unsere Facetten zum Ausdruck bringen lässt. Wir sollten mit allen Mitteln dafür sorgen, dass diese Freiheit bestehen bleibt.“
„Mein Geschlecht angeglichen, nicht meine Persönlichkeit“
Seit Juni ist Luca verheiratet, mit einem anderen trans Mann. Er wohnt in einem Haus in einem kleinen Ort im Kreis Göppingen, hat beruflich seinen Weg in der Pflege gefunden. Mit einem Selbstbewusstsein und einer Stärke, die er vor der Transition nicht gehabt hätte, sagt Luca. Und trotzdem meint er: „Viele denken, dass du dich bei einer Transition komplett veränderst. Aber ich bin ja immer noch der Gleiche. Ich habe mein Geschlecht angeglichen, nicht meine Persönlichkeit.“
Dieser Text erschien ursprünglich am 1. August 2025.