Trampolinturnerin Leonie Adam bei den Europaspielen in Baku. Foto: Getty

Leonie Adam ist das Auf und Ab im Leben gewöhnt – sie ist Trampolinturnerin. Bei den Europaspielen in Baku flog sie zuletzt unter die besten Zehn. Doch das soll noch nicht alles gewesen sein in diesem Jahr: An diesem Wochenende peilt sie das nächste Ziel an – die Qualifikation für die Weltmeisterschaft im Herbst.

Stuttgart - Leonie Adam fliegt – bis zu fünf Meter hoch. Kurz vor der Hallendecke dreht sie einen doppelten Salto mit Schraube in der Luft. Dann geht es wieder Richtung Boden. Oder besser: Zurück auf das Sprungtuch des Trampolins – ihr Turngerät.

Vor zwei Wochen stand Leonie Adam noch bei den Europaspielen in Baku auf dem Tuch – und schaffte es unter die besten zehn. Mit einer Punktzahl von 97,47 turnte die 22-Jährige sogar ihre persönliche Bestleistung auf internationaler Ebene. „Baku hat mir Lust gemacht auf mehr“, sagt sie. Und erzählt vom Händeschütteln mit Turnstar Fabian Hambüchen, vom Radfahren durch das Athletendorf oder von Aserbaidschanern, die ortsfremde Besucher bis ans Ziel begleiten. „Ich war ja noch nie bei richtigen Olympischen Spielen. Aber das in Baku war ein bisschen so, wie man sich sie vorstellt, was Stimmung und Atmosphäre angeht.“ Für Leonie Adam ist Baku somit ein spezieller Akzent in ihrem bisherigen Turnerleben voller Höhenflüge und Tiefpunkte, das an das Auf und Ab auf dem Trampolin erinnert.

Im Alter von zwölf Jahren startet sie zum ersten Mal bei einer Jugendweltmeisterschaft, mit 16 wird sie Achte bei der Junioren-WM in St. Petersburg. Doch nach dem Höhenflug kommen Tiefpunkte: 2013 ist so einer. Bei den Weltmeisterschaften in Sofia erreicht sie nur den 40. Platz – ein Debakel, heißt es damals. Sie steht kurz vor dem Rauswurf aus dem Nationalteam, es hagelt Kritik. Sie habe sich aufgegeben, sagt Bundestrainer Michael Kuhn damals. Aber Leonie Adam berappelt sich: Im vergangenen Herbst, ein Jahr nach dem Negativereignis, wird sie deutsche Meisterin und Zehnte beim Weltcup in Minsk – bis der Höhenflug wieder unterbrochen wird: Rang 49 bei der WM Ende des vergangenen Jahres – auch das haben sich Trainer und Turnerin ganz anders vorgestellt.

„In dieser Sportart geht alles sehr schnell“, sagt Leonie Adam. „Wir haben ja nur diese 18 oder 19 Sekunden für eine Übung. Eine Landung auf dem Rand – und schon ist man draußen.“ 19 Sekunden Pflichtübung, 18 Sekunden Kür. Zehn Doppelsalti mit Schrauben, immer abwechselnd vor- und rückwärts. Im Training schafft sie auch mal einen dreifachen Salto, im Wettkampf lässt sie den lieber weg – der Druck sei dorteinfach ein anderer.

Über Wettkampfängste und Tiefpunkte spricht Leonie Adam sehr offen, wirkt gelassen dabei. Vielleicht lernt man das, in so vielen Jahren Wettbewerbserfahrung. Abhaken müsse man solche Erfahrungen, es komme ja der nächste Wettkampf. Nur der Druck eben – damit umzugehen, das sei noch immer schwer: „Ich bin jedes Mal wieder aufgeregt und denke viel nach bei großen Wettbewerben“, sagt sie, „ich bin eben so ein Mensch.“

Dabei ist der Druck aus dem Sport noch nicht einmal alles, was sie bewältigen muss. Nebenbei – quasi hauptberuflich – studiert Leonie Adam im fünften Semester Wirtschaft an der Hochschule in Nürtingen. Stehen Wettkämpfe an, bedeutet das eine Doppelbelastung. Sieben Mal pro Woche trainiert sie dann am Bundesstützpunkt Ostfildern-Ruit, Fehlzeiten an der Uni muss sie nacharbeiten. Für Freunde und Privates bleibt da wenig Zeit, aber sie kenne es ja nicht anders, sagt Adam: „Ich muss mich organisieren.“

Um sich im Herbst ganz auf den Sport zu konzentrieren, nimmt die Studentin ein Urlaubssemester: „Ich will unbedingt die WM-Qualifikation schaffen“, sagt die Turnerin. Die nötige Punktzahl für den Pflichtteil hat sie bereits geschafft – bei insgesamt drei Wettbewerben haben die Turner die Chance, sich in Kür und Pflicht für die WM im November zu qualifizieren. Die fehlende Kür will Adam an diesem Sonntag beim Filder-Pokal in Ruit turnen, damit sie sich danach auf die Titelkämpfe konzentrieren kann. Dann ginge der Höhenflug weiter: Richtung WM, und vielleicht Richtung Olympia. Rio 2016 bleibt ein Ziel. Denn sie sagt: „Ohne Ehrgeiz könnte man diesen Sport nicht machen.“

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