Das 1:1 beim Test gegen Dänemark zeigt, dass die DFB-Elf noch viele Probleme hat. Schafft es Bundestrainer Joachim Löw, sie noch rechtzeitig zu lösen?
Seefeld - Die dänischen Ersatzspieler staunten, als sie sahen, was die deutschen Kollegen, angeleitet von drei Trainern aus dem Stab von Joachim Löw, in der anderen Spielhälfte fabrizierten. Die Spieler der DFB-Elf, die im ersten EM-Test in Innsbruck nicht oder nur kurz zum Einsatz kamen, machten nach der Partie Passformen, Flankenläufe und Torabschlüsse. Sie sprinteten also spielerisch mit dem Ball, um so spätabends auch an ihre Belastungsgrenze zu kommen – während die dänischen Ersatzmänner stupide und ohne Kugel am Fuß den Platz hoch und runter jagten. Klarer Sieg also für Deutschland. Aber eben nur im Nachspiel.
Das echte Spiel endete vorher 1:1, und nicht nur deshalb sprach Bundestrainer Löw drinnen auf dem Podium, während die Joker draußen sprinteten und passten, von einem Auftritt mit „Licht und Schatten“.
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Das mit dem Schatten war an diesem Abend ja weiter zu fassen – weil die große Frage immer mitschwang nach den Eindrücken von diesem Test gegen die Dänen im Innsbrucker Tivolistadion: Wie will Löws Elf vor dem ersten EM-Gruppenspiel am 15. Juni gegen Frankreich seine Vielzahl an Problemen lösen? Wie also wird aus dem Schatten noch Licht bis zum Turnierstart? Und: Geht das noch, in der Kürze der Zeit?
Löw sagte am späten Abend in Innsbruck auch noch, „dass wir uns das Leben ein bisschen selbst schwergemacht haben“. Das galt insbesondere für die Abwehr, das wohl größte Sorgenkind Löws. Der Coach versuchte es gegen die Dänen mit einer Dreierkette (die sich bei gegnerischem Ballbesitz zur Fünferkette mit zwei Außenverteidigern ausweitet). Das Ziel war klar, Löw umschrieb es so: „Ich wollte das Zentrum mit drei Innenverteidigern gut schließen, das kann beim Turnier eine Option sein.“ Und weiter: „Das Maß aller Dinge wird bei der EM sein, dass wir in der Lage sind, zu null zu spielen und einen Vorsprung mal über die Runden zu bekommen. Man kann nicht immer einem Rückstand hinterherlaufen.“
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Das ist wohl wahr – Löws Plan mit der Dreierkette soll dann wohl bei der EM gegen die starken Gegner Frankreich und Portugal umgesetzt werden oder zumindest eine erprobte Option sein. Denn da ist es zu erwarten, dass die DFB-Elf eher weniger das Spiel macht, das Abwehrzentrum im Verbund mit dem Mittelfeld schließen – und dann mit aggressivem Pressing und schnellen Ballgewinnen selbst zu Chancen kommen will.
Auch dieses Pressing wollte Löw ja gegen die Dänen sehen, er hatte darauf in den ersten Tagen im Trainingslager von Seefeld neben den defensiven Standardsituationen den Fokus gerichtet – allein: Das Pressing klappte nur in den seltensten Fällen, was aber kaum überraschte. Denn Löw, so hat er das dem Vernehmen nach intern ausgerufen, will bei der EM im Spiel gegen den Ball zu weiten Teilen die Taktik des FC Bayern unter dem Trainer Hansi Flick adaptieren, die da heißt: frühes Pressing, hohes Anlaufen und daher eine hoch stehende Abwehr.
Die Dänen haben viel Platz
Gegen die Dänen gaben nun Thomas Müller und Joshua Kimmich, die sinnigerweise bei den Bayern spielen, die Kommandos fürs frühe Anlaufen, und dann ergab sich oft dieses Bild: Drei Mann gingen drauf, aber der Rest rückte viel zu spät nach, so dass die drei Mann vorne schnell überspielt waren – und die Dänen großen Platz hatten, um ihre Angriffe weiter aufzubauen.
Die Inhalte der ersten Trainingseinheiten also brachten Löws Spieler gegen die Dänen nicht immer auf den Platz – und hinten, in der neu formierten Dreierkette mit dem zentralen Abwehrmann Niklas Süle sowie Matthias Ginter und Mats Hummels stimmten die Abläufe ebenfalls selten. Insbesondere Hummels fremdelte mit der für ihn so ungewohnten wie ungeliebten Position als linkes Glied der Dreierkette – und die Außen Robin Gosens und Lukas Klostermann, nun ja, betrieben wenig Eigenwerbung.
Insbesondere nach Klostermanns Auftritt, ohne Zug und Esprit nach vorne, drängte sich die Frage auf, warum Löw bei der EM einen zentralen Mittelfeldspieler für die Fünferkette opfern sollte. Ersatzkandidaten für Klostermann in einer möglichen Viererkette gäbe es ja: Die fachfremden, aber auf dieser Position erprobten Matthias Ginter und Emre Can könnten übernehmen. Und innen, da wären Antonio Rüdiger und Hummels wohl nicht die schlechteste erste Wahl.
Viel Zeit bleibt nicht
Wie auch immer und mit wem auch immer: Viel Zeit, um die Dinge zu verbessern, bleibt nicht mehr – weil Löw in den etwas mehr als eineinhalb Wochen bis zum deutschen Turnierstart ja auch noch an anderen Problemen arbeiten will. Da ist etwa die Chancenverwertung, die zuletzt miserabel war – und der Löw sich, wie er es nun Innsbruck sagte, in den nächsten Einheiten widmen will.
Der Bundestrainer steht also vor dem Dilemma, die einen Probleme noch nicht gelöst zu haben, bevor er die anderen, nicht weniger dringlichen überhaupt angegangen ist.
Und obendrein muss er jetzt ja noch die frisch im Trainingslager eingetroffenen Champions-League-Finalisten Ilkay Gündogan, Antonio Rüdiger, Kai Havertz und Timo Werner sowie Toni Kroos nach dessen Corona-Erkrankung und Leon Goretzka nach dessen Faserriss in all diese schwierigen und teils neuen Abläufe integrieren.
Löws Wettlauf mit der Zeit vor dem ersten EM-Gruppenspiel, er ist in vollem Gange.