Training im Fitnessstudio ist im Trend: 8,6 Millionen Deutsche waren 2013 in einem Studio angemeldet – 8,1 Prozent mehr als im Jahr davor Foto: Fotolia

Studios für Frauenfitness boomen. Das Konzept hat Valerie Bönström bekannt gemacht. Die Gründerin von Mrs. Sporty will künftig auch mit Fitnessstudios für männliche Sportmuffel punkten.

Stuttgart - Kurz fühlt man sich unwohl beim Eintritt in die magentafarbene Mrs.-Sporty-Welt, denn das Fitnessstudio im Stuttgarter Stadtteil Heumaden ist ein Refugium für Frauen. Männer sind hier nicht erlaubt, und wenn einer auftaucht, ist er Trainer oder kümmert sich in einem abgetrennten Büro um die Finanzen. Ein Fitnessstudio für die Bedürfnisse der vielbeschäftigten Frau: 30 Minuten Zirkeltraining, Ernährungsberatung und persönliche Betreuung auf dem Weg von Einkauf und Arbeit nach Hause: Mit diesem Konzept hat Valerie Bönström (35) den deutschen Fitnessmarkt aufgemischt. Vor zehn Jahren gründete sie das mehrfach preisgekrönte Franchise-Unternehmen und gewann Tennislegende Steffi Graf als Mitgründerin und Werbegesicht. Seitdem ist die Zahl der Studios auf 425 gestiegen. Es ist vielleicht die spektakulärste Erfolgsgeschichte im boomenden Fitnessmarkt.

Wenn Bönström über ihr Unternehmen spricht, haben ihre Sätze nichts mit dem mit Zahlen und dem Managerdeutsch ihrer Geschäftsführer-Generation gemein. Sie lacht gerne, redet mit Armen und Händen und scheut auch vermeintliche Binsenweisheiten nicht. „Frauen achten auf ihre Figur, auch ich bin sehr kritisch mit meinem eigenen Körper. Bei ihrem Trainingsprogramm möchten die Frauen begleitet werden, doch das finden sie in den großen Angeboten nicht.“

Es klingt so einfach, dass man sich fragt, weshalb kein anderer schon früher darauf gekommen ist. Oder ein so simples Konzept so viele Mitglieder gewinnen kann. 40 Euro zahlt die Kundin monatlich im Schnitt. Dafür gibt es lediglich einen Raum mit acht Geräten, individuelle Betreuung und ein Studio, das in einem belebten Stadtteil liegt. Und als Extra eine Ernährungsberatung. Der Raum wirkt hell, aber eher spartanisch. Nicht einmal eine Dusche ist installiert. „Diese Studios sind nicht mit einem klassischen Fitnessstudio zu vergleichen“, erklärt Branchenexperte Fabian Menzel. „Der große Vorteil ist, dass die Frauen unter sich sind – ohne die Blicke der Männer.“

In Deutschland gibt es fast 7940 Fitnessanlagen

Bönström hat damit schon früh eine Spezialisierung gefunden, die zum Boom der Fitnessbranche beiträgt. Das Konzept hat Nachahmer gefunden. Die Kette Calory Coach zum Beispiel, mit 100 Anlagen die Nummer zwei im deutschen Frauenfitnessmarkt. Im Prinzip sind die Studios eine Mrs.-Sporty-Version mit einer intensiveren Ernährungsberatung und haben mit Frauen ab 40 einer ältere Zielgruppe. Andere Ketten gründeten Ableger wie Fitness First mit Women Club.

Auch Gesundheitsfitness wie Kieser-Training hat schon früh eine lukrative Nische gefunden. Und natürlich gibt es die großen Ketten McFit, Fitness First und Clever fit, die im ­Discount- und Mittelklassebereich mit Komplettangeboten punkten. Sie alle profitieren vom gestiegenen Gesundheitsbewusstsein der Bundesbürger – und dem Glauben, den eigenen Körper perfektionieren zu müssen. Rund 8,6 Millionen Menschen waren Ende 2013 in einem Fitnessstudio angemeldet – 8,1 Prozent mehr als im Vergleich zum Vorjahr. Damit ­trainierte mehr als jeder zehnte Deutsche in einer der bundesweit 7940 Fitnessanlagen, konstatiert die Studie „Der deutsche Fitnessmarkt 2014“, die unter anderem vom Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheitsanlagen (DSSV) herausgegeben wird. So viele Mitglieder haben nicht mal die deutschen Fußballvereine. Noch immer zählt Fitness für Branchenexperten zum „Angebotsmarkt“: Werde ein Studio eröffnet, wachse der Markt insgesamt, heißt es. Mit einer Sättigung rechnen Branchenexperten frühestens in drei Jahren. Dann soll es bereits zehn Millionen Mitglieder geben. „Der Wunsch der Menschen , sich sportlich zu betätigen beziehungsweise ein aktive Gesundheitsvorsorge zu betreiben, beflügelt die Fitnessbranche, heißt es beim DSSV.

All das konnte Valerie Bönström 2004 noch nicht wissen. Zu jenem Zeitpunkt ­existierte Frauenfitness als Idee, aber nicht als Geschäftszweig. Bönström, eine studierte Informatikerin, schrieb zu diesem Zeitpunkt in Berlin an ihrer Doktorarbeit und war mit ihrem ersten Kind schwanger, inzwischen sind es drei – zehn, neun und eineinhalb Jahre alt. Ausgerechnet in dieser Situation ­hatte ihr Mann Niclas, ein Schwede, die ­Geschäftsidee. Kinder großziehen; ein Mann, den sie erst seit einem Jahr ­kannte; das Risiko eines Unternehmens eingehen: „Das liegt nicht gerade nah zusammen“, betont Bönström. „Als Frau ist man auf Sicherheit geeicht. Aber mein Mann hat nur gesagt: ,Trau dich einfach, trau dir mehr zu.‘“

Bönström wagte es. Die Belastung war enorm. Doch sie sei pragmatisch veranlagt, betont sie. Sie sei eben eine „Macherin“: „Mein Mann ist ein guter Stratege und Netzwerker, ich setze gerne um. Auch in unserer Beziehung bin ich die Pragmatische.“

In der Region soll bis 2020 die Zahl der Mrs.-Sporty-Clubs von fünf auf 50 steigen

Doch als Vorbild für Frauen, Kind und Karriere zu vereinen und etwas zu wagen – so sehe sie sich nicht. Und doch sind viele Frauen ihrem Vorbild gefolgt, 80 Prozent der 425 Studios werden von ihnen geleitet. Jenes in Stuttgart-Heumaden eröffnete vor zwei Jahren die Sport- und Gymnastiklehrerin Bernadeta Salini (33). Auch sie hatte ein kleines Kind und suchte einen familienfreundlichen Job. Als sie sah, dass ein Geschäft in ihrer Nachbarschaft leer stand, griff sie zu. „Als hätte der Laden nur auf mich gewartet“, sagt sie. Auch weil sie als Franchise-Unternehmerin verhältnismäßig investieren musste. Schon vor der Eröffnung hatte sie 160 Mitglieder gewonnen, inzwischen sind es 240. „Schon mit 140 Mitgliedern hätte ich die Kosten gedeckt. Das war meine beste Entscheidung.“

Vielleicht wird sie künftig eine zweite Filiale eröffnen – wie etliche der Franchise-Unternehmerinnen es tun. Auch darauf basiert das Wachstum der Frauenfitnesskette. Binnen sechs Jahren will Bönström die Zahl auf 850 Studios in Deutschland verdoppeln. Nachdem das Wachstum in Berlin, Hamburg, Rheinland-Pfalz und Hessen derzeit stagniert, ist vor allem Baden-Württemberg im Visier. „Wir möchten den Süden erobern“, sagt Bönström. Allein in der Region Stuttgart soll bis 2020 die Zahl der Clubs von derzeit fünf auf 50 steigen. „Schon viele fragen an, ob sie einen Club eröffnen dürfen.“ In der Region Stuttgart gibt es derzeit rund zehn Anlagen für Frauen, die von Fitnessketten betrieben wird.

Bönström ist zuversichtlich, dass die 50 Clubs zu schaffen seien. Auch deshalb feilen sie bereits an einer neuen Geschäftsidee: ein auf Männer zugeschnittenes Fitnessstudio, Lovfit soll es heißen. Es soll eine Art Mrs.-Sporty-Variante werden, bei der Kraft und Ausdauer eine ­größere Rolle spielen und sich Leistung exakt messen lässt. Der Markt der Männerfitness ­stehe vor einer „Trendwende“, sagt Valerie Bönström. Gesundheit und Betreuung spielten künftig eine größere Rolle. Sie wolle jene Männer gewinnen, die Fitnessstudios bisher mieden. Im Übrigen sei ein Lovfit-Studio auch für das andere Geschlecht offen, betont Bönström. „Männer haben ja nichts dagegen, wenn auch Frauen zu ihnen kommen.“

Das größte Potenzial sehen Branchenexperten für Studios für die Generation 50 plus, die eine verstärkter Betreuung und Gesundheitsangebote bieten. „Die Angebote für Best Ager werden auch in der Region Stuttgart künftig am stärksten wachsen“, sagte DSSV-Sprecher Dustin Tusch unserer Zeitung. Spezialisierte Ketten wie Kieser Training seien bisher die Ausnahme.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: