Im Fokus des Interesses: VfB-Sportvorstand Michael Reschke am Tag der Trennung von Trainer Tayfun Korkut. Foto: Baumann

Der VfB Stuttgart sucht nach wie vor einen Nachfolger für den entlassenen Trainer Tayfun Korkut. Besonders unter Druck steht dabei der Sportchef Michael Reschke – der wohl einen Kandidaten besonders unter die Lupe nimmt.

Stuttgart - Michael Reschke ist auf Draht. Ein Telefonat jagt das nächste, ein Gespräch folgt dem anderen. So hat sich der Arbeitstag des 61-jährigen Sportvorstandes am Montag auf der Geschäftsstelle des VfB Stuttgart gestaltet. Reden, immer wieder reden. Alles, um die bestmögliche Trainerlösung für den Tabellenletzten der Fußball-Bundesliga zu finden. Und eines ist mittlerweile klar: Ralph Hasenhüttl wird es nicht.

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Mehr Wunsch als Wirklichkeit ist es gewesen, den Österreicher zu verpflichten. Hasenhüttl hegt andere Ambitionen – ein Traditionsverein darf es sein, aber bitte mit Champions-League-Format. Von „Geschichten aus Fantasialand“ würde Reschke in diesem Zusammenhang wohl sprechen, wenn er sich denn konkret in der Öffentlichkeit zu Trainerkandidaten äußern würde. Tut er aber nicht.

Der ansonsten so redselige Rheinländer hält sich stets zurück, wenn es in den Verhandlungen ernst wird. Und nach der Trennung von Tayfun Korkut stellt sich die Situation beim Verein für Bewegungsspiele einmal mehr sehr ernst dar. Auf dem Rasenrechteck bewegte sich zuletzt wenig und deshalb soll ein neuer Mann den Stuttgartern wieder Beine machen. Es laufen Gespräche mit mehreren Kandidaten, und vieles deutet auf Markus Weinzierl hin.

Weinzierl hatte gute Jahre beim FC Augsburg

Der 43-jährige Bayer ist seit 15 Monaten ohne Bundesligajob und erfüllt damit eine wichtige Voraussetzung für den VfB: Weinzierl ist kurzfristig zu haben, nachdem er sich mit dem FC Schalke 04 mittlerweile finanziell geeinigt hat. Gescheitert war er im Revier nach nur einer Saison als Tabellenzehnter. Doch es gibt ja noch den Weinzierl, der zuvor beim FC Augsburg über vier Jahre hinweg erfolgreich gearbeitet hat – bis hin zur Europa-League-Teilnahme.

Das entspricht – perspektivisch gesehen – den Stuttgarter Ansprüchen. Die Realität heißt allerdings Abstiegskampf und es ist davon auszugehen, dass Reschke auf einen Coach setzt, der schon Erfahrungen vorzuweisen hat. Denn an der Aufgabe hat sich nichts geändert. Der VfB sucht jemanden, der das Team in der ersten Phase aus dem Tief holt, in der zweiten Phase die Mannschaft aber auch weiterentwickelt.

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Korkut ist das nicht gelungen. Selbst wenn vor der Niederlage in Hannover bei den Vereinsoberen die Hoffnung vorherrschte, der Retter aus der Vorsaison könnte mit der Mannschaft noch einmal die Kurve kriegen. Doch dann kam Korkuts Aufstellung – eine Elf mit acht defensiv ausgerichteten Spielern. Sie verlor bei den anfangs verunsicherten Niedersachsen erst den Glauben an sich selbst und dann das Spiel. Das brachte Reschke in eine ziemlich verzwickte Lage, da er kurz nach Spielschluss Korkut noch den Rücken stärkte, in einer so radikalen Rhetorik, die keinen Interpretationsspielraum geben sollte. Den gab es eine Nacht lang auch nicht, doch am nächsten morgen wurde der Trainer trotzdem geschasst.

Reschke gilt vielen mittlerweile als Reizfigur

Seither ist Reschke für viele Fans eine noch größere Reizfigur als ohnehin schon. Doch das gehört für ihn zum Geschäft. Er klagt nicht über den Verlust an Glaubwürdigkeit, er handelt – und zwar immer im Sinne seines Arbeitgebers. Weshalb die Szenen, die sich zwischen den Stadien an Leine und Neckar abgespielt haben, viel über das Selbstverständnis Reschkes als Sportchef aussagen.

Ein Trainer wird in der Öffentlichkeit verteidigt, „bis zur letzten Patrone“, wenn es sein muss. Im internen Zirkel laufen die Analysen jedoch anders ab. Härter und mit Alternativszenarien. Reschke ist bereit, diese Spannung, die sich aus der widersprüchlichen Außen- und Innenperspektive ergeben kann, auszuhalten. Gemeinsam mit dem Präsidenten Wolfgang Dietrich. Rücken an Rücken stehen sie dann, um für den VfB zu kämpfen – und auch Prügel für ihre Entscheidungen einzustecken.

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Das ist das Bild, das das Führungsduo von sich zeichnet. Man muss es jedoch nicht ganz so pathetisch betrachten. Es geht auch sachlich-nüchtern. Schließlich gab es auf sportlicher Ebene gute Gründe, sich von Korkut zu trennen. Der 44-Jährige hat es nicht verstanden, aus einem für mehr als 30 Millionen Euro verstärkten Kader mehr herauszuholen als fünf Punkte aus sieben Spielen. Das wird nun die Herausforderung für den nächsten Chefcoach sein – mit dem Personal, das Reschke zusammengestellt hat. Was zu zwei Fragen führt. Erstens: Welchen Fußball will der VfB überhaupt spielen? Zweitens: Ist die Mannschaft wirklich so stark besetzt, wie der Sportchef stets behauptet?

Es soll jetzt doch recht schnell gehen

Einen Teil der ersten Antwort soll noch möglichst vor der nächsten Bundesligapartie am 20. Oktober gegen Borussia Dortmund gegeben werden. Mit der Präsentation des neuen Trainers. Die zweite Antwort könnte dagegen länger auf sich warten lassen, da sich ja erst wieder eine Mannschaft finden muss. Denn bisher mögen die Einzeltransfers aus dem Sommer gut und nachvollziehbar gewesen sein, in der Summe haben sie noch nicht funktioniert.

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