Die Volleyballerinnen von Allianz MTV Stuttgart führen die Bundesliga nach fünf Spielen mit makelloser Bilanz an – für Coach Konstantin Bitter ist die Situation „nicht ungefährlich“.
Fünf Spiele, fünf Siege, 15:0 Sätze – die Bundesliga-Volleyballerinnen von Allianz MTV Stuttgart haben einen perfekten Saisonstart hingelegt. Das freut auch Konstantin Bitter – und trotzdem bleibt der Coach Realist.
Herr Bitter, trainieren Sie den Titelfavoriten der Volleyball-Bundesliga?
Nein!
Nein?
Wir hatten ein gut balanciertes Startprogramm mit zwei Auswärtsspielen bei Aufsteigern und zwei Heimspielen. Klar war die Dominanz, die wir gegen Supercup-Gewinner Dresden gezeigt haben, besonders. Deshalb können wir gerne darüber sprechen, wo wir stehen. Aber dann bitte auch darüber, dass die Situation nicht ungefährlich ist.
Weshalb?
So ein Start gibt uns das Vertrauen in den Prozess, den wir zu durchlaufen haben. Aber er kann auch zu Bequemlichkeit führen, weil man sich bereits auf der Sonnenseite wähnt. Dort sind wir aber nicht.
Sondern?
Wir müssen jetzt damit beginnen, noch mehr von uns zu erwarten, noch härter zu trainieren, uns weiter zu verbessern. Wenn uns das gelingt, dann können wir – davon bin ich überzeugt – eine gute Rolle spielen, wenn es um die Titel geht. Mehr Erkenntnisse gibt es bisher nicht.
Wirklich? Ihr Team steht doch besser da als erwartet, oder?
Ich beschäftige mich nicht mit Konjunktiven. Wir wussten, dass wir eine Entwicklung durchmachen müssen. Ich habe Vertrauen in unser Team, in dessen Talent und Potenzial. Aber wir müssen noch viel arbeiten.
Die fünf Siege zum Start ...
... nehmen wir gerne mit, und sie fühlen sich auch gut an. Aussagekraft haben sie keine.
Warum nicht?
Weil sich nicht nur alle Top-Teams gegenseitig schlagen können, sondern weil sie sich auch steigern werden. Mal schauen, wo wir in ein, zwei Monaten stehen.
Wo befindet sich Ihr Team derzeit?
Der Mannschaftsgeist ist toll, die Geschlossenheit gut, wir sind stabil und konstant, können unangenehme Situationen lösen, haben Moral gezeigt. Das darf so bleiben.
Was funktioniert noch?
Der Aufschlag ist sehr gut und unser Angriffsspiel sehr variabel.
Dabei fehlt Zuspielerin Pia Kästner nach ihrer Rücken-OP weiterhin.
Ich bin sehr, sehr zufrieden mit Melani Shaffmaster, sie macht ihre Sache super. Und trotzdem wird Pia Kästner uns einen Push geben, wenn sie zurückkehrt. Ihre Erfahrung wird uns auf jeden Fall helfen.
Wie hart wird der Kampf der Zuspielerinnen um Einsatzzeiten?
Jetzt muss Pia erst einmal richtig gesund und fit werden. Dann, da bin ich sicher, werden wir eine gute Balance finden, die auch das Team weiterbringt.
Wo hat Ihre Mannschaft Verbesserungspotenzial?
In den Basiselementen. Wenn es darum geht, das System auch in Stresssituationen zu halten. In der Blockarbeit. Und in der Stabilität, wenn Dinge nicht wie gewünscht laufen.
Ist Ihr Team schon weiter, als Sie es sich für diesen Zeitpunkt vorgestellt hatten?
Vielleicht. Und zugleich bin ich enorm gespannt, wie wir damit umgehen, wenn wir mal einen Satz oder ein Spiel verlieren. Es ist viel zu früh, um in Euphorie zu verfallen.
Gibt es eine Spielerin, die sie besonders überrascht hat?
Da könnte ich jetzt fast alle Namen nennen. Lucia Varela Gomez hat dreimal die MVP-Auszeichnung erhalten, das spricht für sich. Doch ich finde auch super, wie Toni Stautz und Eleanor Holthaus ihre Führungsrolle interpretieren, wie Pauline Martin punktet, wie die Wechsel funktionieren. Das ganze Team tritt unerschrocken auf. Jetzt müssen wir uns das Ziel setzen, besser zu trainieren als zu spielen. Dann hätten wir die Garantie, dass unser Niveau noch höher wird. Aber das ist keine ganz einfache Aufgabenstellung.
Wie schlagen sich Leilani Slacanin, Marie Steinhilber und Tea Jerkovic, die drei Talente aus der eigenen Akademie?
Im Training sehr gut. Bei ihren Einsätzen ist ihre Nervosität nicht zu übersehen. Aber das wird sich mit zunehmender Erfahrung legen, was automatisch zu mehr Verantwortung führt. Wir fördern sie, aber eben – wie geplant – sehr behutsam.
In der Bundesliga fällt auf, dass die Leistungsunterschiede in dieser Saison sehr groß sind. Ist das ein Problem?
Nein.
Mancher Fan dürfte das anders sehen.
Was wäre denn die Alternative? Die drei Aufsteiger sind wichtig, um überhaupt einen Wettbewerb zu haben. Also müssen wir akzeptieren, dass der Rhythmus in diesem Jahr nicht ganz so hoch ist – was allerdings auch Vorteile hat.
Zum Beispiel?
Auch das Spiel in Borken hat uns Gelegenheit gegeben, weiter zu wachsen. Wir haben gelernt, dass es nur auf den Sieg ankommt und nicht darauf, wie schön er herausgespielt ist. Und noch etwas wurde deutlich.
Bitte.
Die Stimmung in Borken war mega, und auch in Hamburg haben mehr als tausend Fans für eine schöne Atmosphäre gesorgt. Und klar ist doch: Dass es nun drei Aufsteiger gibt, die für ihren Mut großen Respekt verdienen und die sich ganz sicher weiterentwickeln werden, ändert nichts an der grundsätzlichen Qualität der anderen acht Teams.
Noch einmal zurück an die Spitze. Wie sehr hilft Ihnen als Trainer der makellose Saisonstart?
Wir haben das Selbstverständnis, alle anderen Bundesligisten schlagen zu wollen. Dieses Selbstverständnis ist durch die ersten fünf Spiele gestärkt worden.
Alexander Waibl, Ihr Trainer-Kollege aus Dresden, hat erklärt, Allianz MTV Stuttgart habe mit Sicherheit auch in dieser Saison den teuersten Kader der Liga. Stören Sie solche Sticheleien?
Nicht wirklich.
Hat er recht?
Ich würde nicht bestätigen, dass wir den teuersten Kader haben. Aber wir haben sicherlich mehr ausgegeben als der Dresdner SC, weshalb wir tiefer besetzt sind. Doch das ist uns nicht geschenkt worden, das hat sich der Verein über viele Jahre hart erarbeitet.
Sie und Ihr Team profitieren nun davon?
Wir dürfen stolz darauf sein, was die Verantwortlichen des Clubs uns ermöglichen. Wir finden hier super Verhältnisse vor, um gut arbeiten zu können, dafür sind wir Trainer und die Spielerinnen sehr dankbar. Wir können uns unter professionellen Bedingungen voll auf unsere sportlichen Aufgaben konzentrieren, das unterscheidet uns von vielen Konkurrenten. Und trotzdem ist es kein Freifahrtschein in Richtung Titelgewinne.