Mit seiner unaufgeregten Art hat der neue Coach den VfB Stuttgart im Abstiegskampf bis ans rettende Ufer gebracht. Nun aber bleibt noch ein Kraftakt.
Es ist nur eine kleine Zahl, aber sie sagt viel aus. Im Schnitt 1,71 Punkte hat der VfB Stuttgart mit Sebastian Hoeneß als Trainer bislang in der Fußball-Bundesliga geholt. Das sind insgesamt zwölf Zähler aus sieben Spielen und mehr als seine drei Vorgänger Bruno Labbadia (0,55), Michael Wimmer (1,5) und Pellegrino Matarazzo (0,56) in dieser Saison durchschnittlich für sich verbuchen konnten. Genau genommen sind es drei Siege, drei Unentschieden und eine Niederlage. Hochgerechnet auf die Spielzeit bedeutet das: 58 Punkte – fast ein Champions-League-Rang.
Blanke Theorie. In Stuttgart wagt im Moment niemand vom Europapokal zu träumen. Die Realität lautet seit Langem Abstiegskampf, und rein praktisch muss der VfB am letzten Spieltag noch einen Kraftakt vollbringen, um sich endgültig zu retten. Um nichts anderes geht es Hoeneß. Selbst wenn sich die Ausgangssituation vor der Begegnung mit der TSG Hoffenheim am Samstag (15.30 Uhr) verbessert hat.
Das Mantra des VfB-Trainers
Seit dem 4:1 in Mainz vergangenen Sonntag mahnt der Trainer, sich nicht in falscher Sicherheit zu wiegen. Fokussiert bleiben! Das ist sein Mantra, seit Hoeneß Anfang April seinen Dienst an der Mercedesstraße in Bad Cannstatt angetreten hat. Tabellenletzter war der VfB – und der direkte Klassenverbleib galt nahezu als Mission Impossible.
Jetzt ist der versöhnliche Abschluss ohne jeden Zweifel mit einem Sieg möglich. Ansonsten muss auf andere Plätze geschaut werden. Die Hoffnungen ruhen dabei auf einer Mannschaft, die der geschasste Labbadia mit seinen Vorbereitungsdrills vermutlich ins Laufen gebracht hat – aber Hoeneß lässt sie wieder spielen. „Für mich ist wichtig, welche Signale ich aus der Kabine erhalte – und da habe ich in Mainz keine Euphorie vernommen. Die Spieler haben den Fokus direkt wieder scharf gestellt“, sagt der Trainer.
Schnell hat er die Profis hinter sich gebracht. Mit einer Ansprache, die ankommt. Anders hätte es nicht funktioniert, wenn man sich den Start im Zeitraffer vor Augen führt: Montagabend am Clubhaus vorgefahren, Dienstagvormittag Präsentation als neuer Chefcoach, anschließend die erste Übungseinheit mit der Mannschaft, am Mittwochabend ein wichtiges Pokalspiel – und schon wartete das Kellerduell in Bochum.
Die ersten Siege dank einfacher Maßnahmen haben geholfen. Ebenso das unaufgeregte Auftreten des 41-Jährigen. Er setzt auf Kommunikation und Empathie. Doch Hoeneß will kein Kumpel sein. Vielmehr versteht er sich als Fußballlehrer, der das Spiel in all seinen Facetten vermittelt. Entsprechend bewusst hat er schon früh seine Trainerstationen gewählt. Den Umschaltfußball à la Ralf Rangnick kennt Hoeneß aus seiner Zeit als Jugendcoach bei RB Leipzig. In die Nachwuchsabteilung des FC Bayern München wechselte er auch, um sein Repertoire durch Ballbesitzfußball zu erweitern.
Das bildete die Basis für den Sprung auf die Bundesliga-Bühne in Hoffenheim. Zwei Jahre arbeitete Hoeneß im Kraichgau. „Das war eine schöne Zeit“, sagt Hoeneß. Er musste dennoch gehen, weil das Team als Tabellenneunter hinter den Erwartungen blieb. Eine Enttäuschung, die ihn nicht aus der Spur brachte. Zumal Hoeneß mit den Unwägbarkeiten des Fußballgeschäfts groß geworden ist. Erst passiv als Kind, nun profitiert er aktiv von seinem Erfahrungsschatz.
Was verbindet den VfB-Trainer mit Uli Hoeneß?
Kein Wunder bei diesem großen Familiennamen, den der gebürtige Münchner trägt. Sein Vater Dieter war erfolgreicher Stürmer und langjähriger Manager beim VfB und bei Hertha BSC. Heute ist der 70-Jährige als sein Berater tätig. Und sein Onkel Uli?
Sebastian Hoeneß scheint über ein anderes Naturell zu verfügen als die ehemalige Frontfigur der Abteilung Attacke beim FC Bayern. Engagiert am Spielfeldrand, sachlich und analytisch davor und danach. Emotionale Ausbrüche bleiben aus. Selbst unter Hochdruck agiert Hoeneß, wie er spielen lässt: ruhig und kontrolliert, wenn nötig; mutig und offensiv, wenn möglich.
Privat wird der VfB-Coach als bodenständig beschrieben. Ohne jede Allüren, aber mit einem Schuss Lockerheit. Eine Mischung aus Konzentration und Gelassenheit, die er beruflich vorlebt. Die eigene Familie – Frau und Tochter – wohnt noch in Heidelberg, soll aber nach Stuttgart ziehen. Bis 2025 ist Hoeneß’ Vertrag datiert und gilt ligaunabhängig. Mit ihm plant Sportdirektor Fabian Wohlgemuth die Zukunft des VfB. Doch Hoeneß befindet sich ganz im Hier und Jetzt. „Das Außergewöhnliche gibt der Spieltag mit seiner Konstellation im Abstiegskampf vor“, sagt der Trainer, der keine Spezialmaßnahmen plant. Völlig normal alles, um zu gewinnen und nicht rechnen zu müssen.