Um den Chefcoach ranken sich einmal mehr Spekulationen. Doch die Stuttgarter können dem gefragten Mann auch viel bieten. Wir ordnen die Situation ein.
Der Trainer ist gefragt. Zunächst fachlich nach dem 3:1-Sieg bei Slovan Bratislava. Es geht um den Schlüssel zum Erfolg in der Champions-League-Partie an der Donau und um die Frage, warum der VfB Stuttgart diesmal nicht in die Belgrad-Falle getappt ist. Denn bis zum Abpfiff in der Slowakei war die 1:5-Niederlage in Serbien beim Fußball-Bundesligisten zwar sauber aufgearbeitet, aber mehrere Wochen nach der Enttäuschung noch nicht in allen Köpfen der Beteiligten vollends abgehakt.
Jetzt hat sich die Mannschaft von Sebastian Hoeneß in einer wichtigen Auswärtsbegegnung gereift präsentiert. „Die Herangehensweise nach der frühen Führung war der große Unterschied zu Belgrad“, sagt der Coach, „wir haben konsequenter gespielt, und das Gegenpressing war gut. Da befinden wir uns insgesamt auf einem hohen Level.“
Den Gegnern bleibt somit kaum Gelegenheit, um sich aus der weiß-roten Umklammerung zu befreien. In Bratislava nicht, wo Jamie Leweling (2) und Fabian Rieder die Tore erzielten – und bei den drei Bundesligasiegen in diesem Jahr zuvor ebenfalls nicht.
Das sagt Fabian Wohlgemuth
Trainerarbeit nennt sich das, was Hoeneß liefert. Der 42-Jährige verbessert die Spieler und bringt die Mannschaft voran. Vor allem die Problemzone aus der ersten Saisonhälfte hat sich zuletzt stabilisiert, da die Abgänge in der Abwehr (Waldemar Anton, Hiroki Ito) immer besser kompensiert werden. Das stärkt die Defensive. Mit einem schönen Effekt in der Offensive. Der VfB spielt wieder wie der VfB aus der Vorsaison, was zum perfekten Start in 2025 geführt hat. Auch das macht Hoeneß zum gefragten Mann.
Leverkusen und Leipzig sollen nun locken. In Stuttgart beunruhigen die Spekulationen um den Chefcoach zunächst aber niemanden. „Sebastian macht bei uns seit fast zwei Jahren herausragende Arbeit. Um das zu erkennen, muss man nicht tief in die Recherche gehen. Insofern ist es auch wenig überraschend, dass Sebastian für viele Topclubs eine theoretische Option ist“, sagt der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth und erkennt keine Absetztendenzen: „Sein größtes Bekenntnis ist seine tägliche Arbeit mit der Mannschaft. Ganz sicher sind es keine Medienberichte, die das mögliche Interesse anderer Clubs widerspiegeln, die uns an diesem Bekenntnis zweifeln lassen.“
Leidenschaftlich und kompetent ist Hoeneß bei der Sache und lebt eine Haltung vor, die sich auf die Profis übertragen hat. An der Mercedesstraße herrscht ein Leistungsklima, das die Mannschaft antreibt. Im kontrollierten Ritt durch die drei Vereinswettbewerbe, ohne die Gier auf den nächsten Sieg zu verlieren. Diese Balance zu halten ist die Herausforderung – und Hoeneß bewältigt sie in der Spielzeit nach der Vizemeisterschaft so gut, dass ihm größere Aufgaben zugetraut werden. Zudem ist in seinem bis 2027 laufenden Vertrag eine Ausstiegsklausel verankert. Sie muss bis Ende April aktiviert werden und entspringt dem Ehrgeiz des Trainers.
Hoeneß will auf der Bühne der Besten auftreten, sich mit Trainergrößen messen. Das bedeutet im Idealfall Champions League. Die Europa League ist ebenfalls attraktiv, und über die Conference League müsste man nachdenken. Was zu dem Punkt führt, ob der Trainer in seiner Karriere größere Schritte vollzieht als der Traditionsverein in seiner Entwicklung und damit am Saisonende der Absprung steht.
Das glaubt Deniz Undav
Deniz Undav glaubt das nicht. „Stuttgart ist nicht kleiner als Leverkusen und nicht kleiner als Leipzig“, sagt der Stürmer. Er sieht den VfB mit seinem Potenzial mittlerweile auf einer Stufe mit Bayer und RB, die Spitzenansprüche auf Dauer stellen. „Der Trainer will hier etwas aufbauen“, sagt Undav.
Die Möglichkeit besteht – und der Reiz ist vorhanden. Gemeinsam mit Wohlgemuth hat Hoeneß ein Team geformt, das sich anschickt, den neuen VfB wieder im alten Glanz erstrahlen zu lassen. National haben sich die Stuttgarter vor der Partie an diesem Samstag (15.30 Uhr) beim FSV Mainz 05 auf den vierten Tabellenrang vorgeschoben und wollen diesen nicht mehr hergeben. International ist das Weiterkommen in der Königsklasse nähergerückt. Gegen Paris Saint-Germain kann der VfB am nächsten Mittwoch dieses Ziel erreichen.
„PSG ist immer noch ein brachialer Verein“, sagt Undav, der den französischen Edelclub in einem Atemzug mit Real Madrid (1:3) und Juventus Turin (1:0) nennt. Feinste Fußballadressen, wo die Stuttgarter während der Ligaphase der Champions League bereits ihre Visitenkarte abgegeben und dabei begeistert haben. „Der VfB ist auch ein Riesenverein“, sagt Undav über das gestiegene schwäbische Selbstbewusstsein.
Sportlich hat Hoeneß den Riesen wach geküsst. „Seine Arbeit hier in Stuttgart ist äußerst anspruchsvoll. Er arbeitet in einem professionellen Umfeld mit einer traditionell riesigen Erwartungshaltung. Unter diesen Bedingungen hat sich unsere Mannschaft in den letzten beiden Jahren überdurchschnittlich positiv entwickelt“, sagt Wohlgemuth. Woraus sich die Frage ableiten lässt, ob Hoeneß beim VfB nicht alles hat, was er als Trainer braucht.