Peter Wegehingel war beim Unfall von Björn Steiger vor 50 Jahren dabei Foto: Jürgen Bock

An diesem Freitag begeht Winnenden einen besonderen Tag. Vor 50 Jahren starb der achtjährige Björn Steiger. Klassenkamerad Peter Wegehingel musste den Unfall mitansehen.

Winnenden/Tuttlingen - Es ist ein warmer Frühlingssamstag, dieser 3. Mai 1969. Viele Menschen aus Winnenden (Rems-Murr-Kreis) und der Umgebung nutzen die Gelegenheit, um das Freibad in Höfen zu besuchen. Als eines der ersten Bäder ist es bereits beheizt. Auch der achtjährige Björn Steiger tummelt sich dort im Wasser. Er trifft zufällig auf Peter Wegehingel, der mit ihm in dieselbe Klasse geht. Als ein Gewitter aufzieht, beschließen die beiden, gemeinsam nach Hause zu gehen. Was gleich passieren wird, kann keiner von ihnen ahnen. Für den einen bedeutet es den Tod, für den anderen eine bittere Erfahrung, die er nie vergessen wird. Und für ganz Deutschland den Aufbruch in eine sicherere Zukunft.

 

Wegehingel hat sich noch nie öffentlich zu diesem Tag geäußert. Jetzt, da der 50. Jahrestag bevorsteht, erzählt er. Der Heilpraktiker lehnt sich in seinem Stuhl in seiner Praxis zurück, lässt die Ereignisse vor seinem inneren Auge vorbeiziehen. „Ich habe mein Fahrrad über den Feldweg geschoben, weil Björn zu Fuß unterwegs war. Es hat geschüttet wie aus Eimern“, sagt der 58-Jährige. Als sie an die Straße kommen, verabschieden sich die beiden voneinander. Wegehingel wohnt einen Kilometer von den Steigers entfernt, er muss bis zur nächsten Kreuzung. Björn kennt er nur aus der Schule, sie sind keine engen Freunde.

Der Regen lässt nach, Wegehingel geht los. „Auf einmal ein Bremsen, dann ein Schlag. Das Echo höre ich heute noch“, erinnert er sich. Er dreht sich um und sieht, wie Björn über den VW Käfer fliegt, der ihn gerammt hat, und im Straßengraben landet. „Ich dachte, er ist tot. Er muss tot sein. Ich bin wie irre mit dem Rad nach Hause gefahren und habe meine Eltern verständigt.“ Er steht unter Schock, bekommt kaum mit, was danach passiert. Die Eltern telefonieren, wahrscheinlich mit dem Rettungsdienst, vielleicht mit den Steigers.

Retter kommen erst nach einer Stunde

Doch Björn ist nicht tot. Schwerstverletzt kämpft er um sein Leben. Passanten haben den Unfall mitbekommen und sofort Polizei und Rettungskräfte alarmiert. Auch Vater Siegfried Steiger trifft am Unglücksort ein. Er will seinen Sohn selbst ins Krankenhaus fahren. Doch die Polizisten halten ihn zurück. Sie bestehen auf einen Krankenwagen, weil der Sauerstoff an Bord hat. Doch es kommt niemand. Erst nach 56 Minuten sind die Retter da – mit einem Wagen ohne Sauerstoff. Sie nehmen Björn Steiger mit. „Ich habe ihn in Winnenden lebend in Richtung Krankenhaus wegfahren sehen. Ich habe mit allem gerechnet, aber nicht mit seinem Tod“, erinnert sich der heute 89-jährige Vater. Doch Björn stirbt noch unterwegs. Eine Woche vor seinem neunten Geburtstag. Nicht an seinen Verletzungen, sondern am Schock.

Am nächsten Tag teilt die Lehrerin in der Schule der Klasse mit, was passiert ist. „Sie war in Tränen aufgelöst“, erinnert sich Wegehingel. Er geht in der folgenden Zeit immer wieder ans Grab. Er muss als Zeuge vor Gericht aussagen. Und bekommt mit, was der Unfall ausgelöst hat. „Ich sehe die Zeitungsartikel noch vor mir“, sagt er. Siegfried und Ute Steiger gründen eine Stiftung. Denn einen Rettungsdienst, wie man ihn heute kennt, gibt es damals in Deutschland nicht. Nicht flächendeckend Rettungswagen, keine Hubschrauber, kaum professionelle Strukturen. Und keine einheitliche Notrufnummer. Unfälle wie der in Winnenden mitsamt der Wartezeit sind an der Tagesordnung. Noch 1970 sterben bundesweit über 21 000 Menschen im Straßenverkehr.

„Björn war der Hilfsbereiteste in unserer Familie. Diese Hilfsbereitschaft wollten wir nicht sterben lassen“, sagt sein Vater. „Wenn sein Tod einen Sinn haben konnte, dann nur den, dass anderen in seinem Namen geholfen wird.“ Was folgt, ist eine einzigartige Geschichte. Die Steigers schaffen es mit dem vollen Einsatz ihrer Überzeugungskraft, ihrer Beharrlichkeit und ihres Vermögens, in kürzester Zeit die dicksten Bretter zu bohren. Sie gewinnen Hilda Heinemann, die Frau des Bundespräsidenten, für ihre Sache. Sie öffnet wichtige Türen.

Modernes Rettungswesen eingeführt

Über die Jahre zeichnet die Björn-Steiger-Stiftung maßgeblich dafür verantwortlich, dass die 110 und die 112 eingeführt werden und ein schlagkräftiges Rettungswesen entsteht. Sie stellt Notrufsäulen an den Straßen auf, führt den Sprechfunk in Rettungswagen ein, schafft selbst Fahrzeuge an und finanziert die ersten Hubschrauber. Drei Mal verpfändet die Familie dafür ihr Haus. Die Steigers widmen ihr komplettes Leben ihrer Mission und schrecken auch vor Klagen nicht zurück. Heute steht der zweite Sohn Pierre-Enric als Präsident der Stiftung vor. Sie finanziert Baby-Notarztwagen, verteilt Defibrillatoren gegen den plötzlichen Herztod und schult Kinder in Erster Hilfe. Gehversuche gibt es auch im Ausland mit Projekten in China und Sri Lanka.

Der 3. Mai wird in Winnenden in diesem Jahr ein besonderer sein. Um 15 Uhr enthüllen Stadt, Stiftung und weitere Beteiligte einen Gedenkstein in der Nähe der Unfallstelle. Und eine Stunde später haben ehemalige Klassenkameraden und eine frühere Lehrerin Björn Steigers einen öffentlichen Gedenkgottesdienst in der evangelischen Schlosskirche organisiert. „Wir hatten kaum noch Kontakt untereinander“, sagt Mitinitiator Joachim Baumann. Schließlich sei man damals in der ersten Klasse gewesen. 43 Schülerinnen und Schüler. „So etwas wie Klassentreffen gab es nicht“, so Baumann. Doch für das Gedenken haben sich einige wieder zusammengefunden. Und sie haben sich mit der Familie Steiger unterhalten, für manches eine neue Sichtweise geliefert.

Achtjährige mit vielen offenen Fragen

Der Unfall hat auch bei vielen, die nicht selbst dabei gewesen sind, Spuren hinterlassen. „Sein Stuhl in der Schule war damals einfach leer. Es gab viele offene Fragen, mit denen wir kleinen Buben und Mädchen zurückgeblieben sind“, erinnert sich Baumann. Die Sinnfrage im Leben habe sich für manchen dadurch schon sehr früh gestellt – und für einige sei das zum Lebensthema geworden. Auch zur Beerdigung konnte die Klasse damals nicht gehen. Die Religionslehrerin nahm die Kinder dafür zu einem anderen Zeitpunkt mit auf den Friedhof.

Bei Peter Wegehingel ist die Vergangenheit präsent – und doch irgendwie weit weg. Er ist herumgekommen in all den Jahrzehnten, lebt inzwischen auf der Schwäbischen Alb, hoch über dem Donautal in der Nähe von Tuttlingen. Von den Höhen schweift der Blick bis zu den Alpen. Kontakte nach Winnenden, wo er bis zu seinem 40. Lebensjahr gewohnt hat, bestehen nicht mehr viele. „Was die Steiger-Stiftung alles bewirkt hat, ist mir erst jetzt so richtig klar geworden, als ich mich nochmal damit beschäftigt habe“, sagt der 58-Jährige. Ob es Zufall ist, dass er heute als Heilpraktiker anderen Menschen hilft und als Geopathologe Schlafplätze in Sachen Erdstrahlen und Elektrosmog untersucht? „Ich glaube nicht, dass das etwas mit damals zu tun hat. Aber ganz sicher sein kann man sich ja nie“, sagt er. Er hat seinen Frieden gemacht mit diesem 3. Mai 1969.