Nach dem Abitur wählt Bianca Brinner aus Rutesheim (Kreis Böblingen) den scheinbar sicheren Weg und studiert Innenarchitektur, statt ihrer Leidenschaft nachzugehen. Sie ist unglücklich – dann bricht sie zusammen.
Den Moment, in dem Bianca Brinners erstes eigenes Kinderbuch ankommt, wird die Rutesheimerin nie vergessen. Es ist der Geburtstag ihrer Mutter, der 6. Juni 2023. In dem Paket liegt die Druckprobe von „Das Rutesheimer Wimmelbuch“ – das erste Mal nach all den Hürden, dass die heute 31-Jährige aus dem Kreis Böblingen ihr eigenes Buch in den Händen hält.
„Das Gefühl ist schwer in Worte zu fassen. So stell ich mir das vor, wenn Kinder auf die Welt kommen – es ist auf einmal da“, sagt sie heute und erzählt, wie stolz sie gewesen sei, dass ihre Hände das gemacht hätten, es ihre Arbeit sei: „Das ist schon sehr cool.“ Doch der Weg dorthin war alles andere als leicht.
Zeichnen als Rettungsanker
Schon die Schulzeit ist für Brinner schwierig: Sie hat mit Mobbing zu kämpfen und mit Lehrkräften zu tun, mit denen sie nicht zurechtkommt. Im Matheunterricht beginnt sie, Karikaturen ihrer Lehrerin zu zeichnen. Das hilft der damaligen Neuntklässlerin, ihre schwierige Schulzeit durchzustehen. Heute beschreibt die 31-Jährige das Zeichnen als ein Ventil, um auszudrücken, was in ihr vorgeht – als inneren Ruhepol inmitten all dessen, was sie bewegt.
Ihre Faszination fürs Zeichnen begleitet sie schon ihr gesamtes Leben. Als Kind begeistert Brinner ein Video, in dem gezeigt wird, wie die Sendungen für „Die Sendung mit der Maus“ skizziert werden. Und während andere Kinder vermutlich lustige Bilder aus dem Micky Maus-Magazin sammeln, behält die Rutesheimerin eine ganz besondere Seite: diejenige, auf der der Zeichner der Micky Maus vorgestellt wird.
Innenarchitektur statt „brotloser Kunst“
Trotz ihrer Begeisterung fürs Zeichnen entscheidet sich Brinner nach dem Schulabschluss gegen ihre Leidenschaft, den künstlerischen Weg – und für ein Innenarchitekturstudium. Kreative Arbeit gilt in ihrem Umfeld als „brotlose Kunst“. Also zieht sie das Studium durch. „Weil man das halt so macht.“ Glücklich ist sie mit ihrer Wahl nicht.
Nach ihrem Studium in Mainz zieht die junge Innenarchitektin nach Frankfurt und steigt dort direkt ins Berufsleben ein – in ein Umfeld, das sie heute als „toxisch“ und „die Hölle“ beschreibt. Kreativität? Fehlanzeige. Brinner fühlt sich zunehmend ausgebrannt, nimmt die Warnsignale ihres Körpers nicht wahr – denkt ein Arbeitsalltag wie ihrer ist normal. 80 Stunden-Woche, enormer Druck und die Hierarchien in der Branche deutlich zu spüren bekommen. Bis für sie nichts mehr geht.
Diagnose Burnout und Depression
Schlaflose Nächte, Panikattacken, Nervenzusammenbruch. 2017, also eineinhalb Jahre nach Brinners Einstieg ins Berufsleben, bekommt sie die Diagnose Burnout und Depression. Sie meldet sich zunächst krank. Doch nach Rücksprache mit ihren Eltern, die beide davon überzeugt sind, dass es so nicht mehr weitergehen kann, kündigt die studierte Innenarchitektin ihren Job in Frankfurt und zieht zurück in ihre Heimatstadt in den Kreis Böblingen. Im Jahr 2018 beginnt sie eine achtwöchige stationäre Therapie. Und genau dort findet die damals 24-Jährige zurück zu ihrer Leidenschaft, dem Zeichnen.
Die Therapie gibt ihr lange keinen Halt. Doch statt aufzugeben, hört Brinner auf sich selbst – und findet schließlich ihren ganz persönlichen Weg durch die Krise. Die Innenarchitektin versucht „auszubrechen“, wie sie heute sagt – sie beginnt zu zeichnen. Über mehrere Wochen hinweg entsteht in der Klinik eine fortlaufende Zeichnung, die sich jeden Tag weiter entfaltet, fast meditativ. Aus einem anfangs kritzelig gezeichneten Baum entsteht über die Zeit ein lebendiger Wald auf dem Papier.
Auch in dieser Phase wird das Zeichnen für sie, wie damals in der Schule, zum Ventil, um ihre Gefühle nach außen zu tragen. Diese erste kreative Arbeit, diese erste Zeichnung hat Brinner durch die schwere Zeit gebracht.
Von da an sieht sie Zeichnen als einen Beruf. Doch die Rutesheimerin ist verunsichert: Wo findet sie verlässliche Informationen? Was genau macht eine Illustratorin? An wen kann sie sich wenden? Orientierungslosigkeit mischt sich mit Zweifel – bis sie in der Klinik einer Architektin begegnet, die ihre Zeichnungen bewundert. Die Frau ist begeistert von Brinners Talent und ermutigt sie, dranzubleiben. Diese Begegnung gibt der damals 24-Jährigen neuen Mut.
Ein Jahr nach ihrer Diagnose, im Oktober 2018, macht sie sich als Innendesignerin und Innenarchitektin im Bereich Museumsbau und Szenografie selbstständig. Also weniger technisch, dafür kreativer. „Ich hatte einen wirklich tollen freiberuflichen Job in Potsdam“, erzählt sie heute. Es scheint endlich bergauf zu gehen. Doch lange bleibt der positive Aufschwung nicht.
Ein nächster Dämpfer folgt
Denn im März 2020 breitet sich weltweit die Corona-Pandemie aus – kostet Menschenleben und zerstört Existenzen. Das bekommt auch Brinner zu spüren. Plötzlich werden binnen zwei Wochen all ihre freiberuflichen Projekte auf Eis gelegt. Die Rutesheimerin verliert erneut den Boden unter den Füßen und sucht wieder Halt in der Therapie.
Doch der Rückschlag hält sie nicht davon ab, ihren Traum, kreativ zu arbeiten, zu verfolgen. Während der Corona-Pandemie beginnt sie als Ablenkung wieder zu zeichnen. „Es konnte gar nicht schlimmer werden – also hab ich es versucht“, sagt Brinner heute. Die Stadt Rutesheim fragt sie an, Tafeln für einen Wanderweg zu gestalten. Ab dann geht es mit ihrer kreativen Arbeit voran. Zusammen mit lokalen Kreativen eröffnet sie einen Pop Up-Laden, in dem sie selbstgezeichnete Postkarten und ein Malbuch verkauft. Auch wirtschaftlich merkt sie, dass es vorangeht.
Vorzeitiges Weihnachtsgeschenk
Eine Woche vor Weihnachten, im Jahr 2022, geht sie den entscheidenden Schritt in Richtung kreativer Selbstständigkeit: Sie gründet ihren eigenen Verlag. Heute erzählt die 31-Jährige sie habe damals nicht sonderlich viel darüber nachgedacht und einfach gegründet. Bereits ein Jahr später erscheint ihr erstes Buch: „Das Rutesheimer Wimmelbuch“.
Die damals 29-Jährige lässt keine Zeit vergehen. Kurz nach der Präsentation des Buches plant sie das nächste Projekt. 2024 ist das Kinderbuch „Grüner Wasserstoff für Anfänger“, das sie mit ihrem Vater umgesetzt hat, auf dem Markt.
Die 31-Jährige möchte das Wissen ihres Vaters, der inzwischen in Pension ist, nicht ungenutzt lassen. Sie beschließt, seine Expertise in Elektrotechnik und Maschinenbau kindgerecht in ihr Buch einfließen zu lassen – ein Herzensprojekt für sie.
Die 31-Jährige lebt ihren Traum
Heute arbeitet Brinner als Illustratorin und Verlegerin – und lebt ihren Traum. Mit ihren Kinderbüchern möchte sie zeigen, dass alles möglich ist: dass jeder Mensch werden kann, was er möchte und die Gesellschaft vielfältig und bunt ist. Auch Nachhaltigkeit liegt ihr am Herzen – nicht zuletzt zeigt das ihr Kinderbuch über Wasserstoff.
Die Rutesheimerin will ihren Verlag ausbauen, neue Bücher umsetzen – und dabei das Handwerk bewahren. „KI ist für mich keine Option. Ich will die Bücher noch 40 Jahre aus eigener Kraft zeichnen“, sagt sie heute. Inzwischen arbeitet sie an ihrem dritten Kinderbuch – „Feuerbach wimmelt“ – und dokumentiert ihren Prozess fleißig auf ihrem Instagram-Kanal:
Der Mut hat sich also ausgezahlt. Brinner lebt ihren, wie sie sagt, „absoluten Traum“, kreativ arbeiten zu dürfen. Früher hätte sie nie gedacht, dass ihre Arbeit „brotloser Kunst“ gefragt sein wird und sie damit Geld verdienen kann. Was würde die heute 31-Jährige also der damaligen Studentin sagen, die den vermeintlich sicheren Weg gewählt hat?
Worte an ihr Früheres Ich
„Einfach loslassen und gehen“, so die heute 31-Jährige. Sie hätte sich gewünscht, diesen Schritt früher gegangen zu sein. „Gesellschaftliche Erwartungen, wie das Leben auszusehen hat, machen es schwer“, sagt sie. Doch inzwischen weiß sie, dass kreatives Arbeiten kein „brotloses“ Unterfangen ist, sondern ihr Einkommen sichert.
Brinner ist überzeugt: Entscheidungen, die Angst machen, sind meist die richtigen. Ihr Rat an alle Zweifelnden: „Nicht darüber nachdenken, was andere machen und sagen – Verurteilung vergessen.“ Trotz der Rückschläge hat es sich für die Rutesheimerin ausgezahlt, nach vorne zu schauen: Schon bald wird sie die Druckprobe ihres dritten Kinderbuchs in den Händen halten.