Sie soll den Mann bedienen, eine gute Mutter sein und zu Hause in Ordnung halten: Die Tradwife-Bewegung will das Hausfrauendasein aufwerten. Dahinter steckt mehr als eine Inszenierung in den sozialen Medien.
Stuttgart - Einkaufen, staubsaugen, bügeln, kochen, sich hübsch machen und dem Ehemann die Jacke abnehmen, sobald er abends von der Arbeit nach Hause kommt: Was klingt wie eine Reise ins Haufrauendasein der 1950er Jahre, ist für Alena Kate Petitt tägliche Realität oder „ihr absolutes Märchen“, wie die 34-Jährige verklärt lächelnd in einem Fernsehbeitrag des britischen Senders BBC verkündet. Dann erzählt sie, während sie zwischendurch Tee aus ihrer Blümchentasse nippt, dass ihre Lebensaufgabe als „Tradwife“ – also als traditionelle („traditional“) Ehefrau („wife“) – darin besteht, sich ihrem Ehemann unterzuordnen und ihn zu verwöhnen, „als wäre es 1959“.
Wie dieses Hausfrauenmärchen zwischen Küche, Gemüsegarten und Bügelbrett im Alltag aussieht, kann man auf unzähligen Instagram-Bildern und Youtube-Videos verfolgen – zusammen mit Zehntausenden Followern. Denn Alena Kate Petitt ist mit ihren antiquiert wirkenden Hausfrauenansichten längst nicht allein.
Unter dem Hashtag „Hausfrau“ bei Instagram findet man Tausende von Bildern
Die „#tradwives“-Bewegung erfreut sich in den sozialen Medien seit einiger Zeit großen Zuspruchs. „Herausgebildet hat sich das Phänomen in den vergangenen Jahren vor allem in den USA und in Großbritannien, von dort wurde es offenbar auch nach Deutschland importiert“, sagt Birgit Pfau-Effinger, Professorin für Soziologie des Kultur- und Institutionenwandels an der Universität Hamburg.
Und so kann man sich auch unter dem Hashtag „Hausfrau“ bei Instagram staunend durch Tausende von Bildern klicken, die zeigen, was man so alles machen kann, wenn die Erwerbsarbeit wegfällt: den Tannenbaum selber schlagen, Familienmittagessen wie im Drei-Sterne-Restaurant zaubern oder das Bettenmachen zur schlank machenden Sportübung ausweiten. Die Botschaft hinter all diesen Bildern: „Schaut her, so schön kann das Hausfrauenleben sein.“
Sie ist stolz auf ihr Leben als „Stay-at-home-mum“
Aber warum machen sich Frauen plötzlich stark für eine Karriere am Herd – statt für eine bessere Kinderbetreuung und Chefposten in Teilzeit zu kämpfen? Liest man die Biografien einiger Tradwives, so fällt auf: Hausfrau zu sein war durchaus nicht immer ihr Traumjob. Viele haben es versucht mit der Vereinbarkeit von Familie und Karriere – sind aber an der Doppelbelastung gescheitert. Alena Kate Petitt arbeitete viele Jahre in London im Marketingbereich, bevor sie mit Mann und Sohn aufs Land zog und Hausfrau wurde. Die US-Amerikanerin und Bloggerin Lilian Sediles war lange als Musiklehrerin und klassische Sängerin erfolgreich. Jetzt schreibt sie stolz über ihr Leben als „Stay-at-home-mum“: „Nie fallen am Wochenende noch Hausarbeiten an, ich kann mich ausruhen, während die Kinder Mittagschlaf halten, und abends bin ich nie zu müde für Zweisamkeit mit meinem Ehemann.“ Und die deutsche Instagramerin Valeria aus Koblenz bebildert ihren Weg „von der Unternehmerin zur Hausfrau“ mit sehr viel Familienidylle und fröhlichen Kaffeepausen.
„Ein solches Leben ist für die allermeisten Frauen ökonomisch gar nicht machbar“
„Tatsächlich sind die Probleme der Doppelrolle oder die Betreuungsdefizite in unserer Gesellschaft noch kein bisschen gelöst, und das führt zu einer großen Verunsicherung beim Rollenverständnis der Frauen“, sagt Ute Gerhard, Soziologin und emeritierte Professorin für Frauen- und Geschlechterforschung an der Goethe-Universität Frankfurt. Sie könne durchaus verstehen, dass bei einem Teil der Frauen ob der täglichen Überlastung der Wunsch wächst, sich nur noch auf eine Lebensaufgabe zu konzentrieren: auf die Rolle als Hausfrau. „Nur ist ein solches Leben für die allermeisten Frauen in Deutschland ökonomisch gar nicht machbar, weil es die Versorgungsehe auch rechtlich nicht mehr gibt“, sagt Ute Gerhard – weshalb sie die Frauen und Männer in der Pflicht sieht, sich für bessere Vereinbarkeit einzusetzen. „Noch immer meint jede Frau, ihr Schicksal privat durchwursteln zu müssen, statt dass Familien sich mal organisieren und begreifen, dass das Private immer noch politisch ist.“
Knapp der Hälfte der Familien mit Kindern unter 18 Jahren lebt die Hausfrauen- oder Teilzeithausfrauenehe
Dazu passt auch folgende Zahl: In Deutschland wird die Hausfrauen- oder Teilzeithausfrauenehe zwar von knapp der Hälfte der Familien mit Kindern unter 18 Jahren gelebt, so eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach aus dem Jahr 2019. „In der medialen und politischen Öffentlichkeit aber kommt dieses Familienbild kaum vor“, sagt Birgit Pfau-Effinger, Soziologin an der Universität Hamburg. Hier dominiere seit Jahren ein Familienideal, bei dem Frauen wie Männer gleichermaßen voll erwerbstätig sind und Karriere machen sollen.
Das Tradwife-Phänomen sieht Birgit Pfau-Effinger als Versuch, dieser Diskrepanz zwischen politischem Anspruch und Wirklichkeit ein Ende zu bereiten, indem sie die Hausfrauenrolle sichtbar machen. „Es geht diesen Frauen auch darum, die traditionelle Hausfrauenehe aufzuwerten und die Entscheidung für diese Familienform selbstbewusst zu vertreten.“
Diese Frauen sind Unternehmerinnen
Für diese Inszenierung eignen sich die sozialen Medien nicht nur perfekt. Sie verschaffen so mancher Tradwife gleich auch noch ein neues Einkommen. Denn es gibt viele Firmen, die sich auf Werbefiguren aus dem wahren Leben stürzen und hoffen, so ihre Produkte wie Küchengeräte, Inneneinrichtung oder Bekleidung an die Frau zu bekommen.
Mit echtem Hausfrauenleben zwischen vollen Windeln und Wäschebergen haben die inszenierten Bilder bei Instagram aber nichts zu tun. Das bestätigt auch die schwedische Soziologin Magdalena Petersson McIntyre. Sie hat für eine Studie Interviews mit vielen Bloggerinnen geführt, die als Hausfrauen unterwegs sind, und auch ihre Accounts beobachtet. Ihr Fazit: Diese Frauen sind Unternehmerinnen, ihr Geschäftsmodell ist der perfekt inszenierte Tradwife-Lebensstil.
Damit haben die traditionellen Hausfrauen am Ende dann doch etwas sehr Modernes erreicht: Sie verdienen sich durch ihr Haufrauendasein ihren Lebensunterhalt. Davon konnten die Vorbilder aus den 1950er Jahren nur träumen.