Claudia Kiebele und Georg Bayer haben ihr Restaurant im Heusteigviertel abgegeben. Zwar gibt es längst keinen Vetter mehr, aber der Name überdauert die Betreiber.
Nicht einmal leise haben sie Servus gesagt: Sang- und klanglos beendeten Claudia Kiebele und Georg Bayer am 23. Dezember ihre Ära im Restaurant Das Vetter, bekannter unter Weinstube Vetter. Dabei prägten die beiden mit ihrem Stil und ihrer Küche über mehr als drei Jahrzehnte hinweg die lokale Gastronomie. Wenn Journalisten in die Stadt kamen, wurden sie von der Marketinggesellschaft meistens zu ihnen geschickt. Noch im September lobte ein Vertreter der „Neuen Zürcher Zeitung“, dass das Lokal „beispielhaft für eine in der Tradition verhaftete, aber auch neugierige Küche der Stuttgarter“ stehe.
Seit 2012 war es durchgehend mit einem Bib Gourmand für „bestes Preis-Leistungs-Verhältnis“ vom Guide Michelin ausgezeichnet gewesen. Ohne Reservierung war im Vetter praktisch kein Tisch zu bekommen. Aber es gibt einen Grund für den lautlosen Abschied – und der heißt Vetter. Das Restaurant hat nämlich seit 17. Januar wieder geöffnet und der neue Wirt will „alles beim Alten“ belassen.
Weinstube Vetter – Markenzeichen war die handgeschriebene Speisekarte
Ein paar Zeichen hatten auf ein nahendes Ende hingedeutet: Im Juli tauchte das Lokal am Mozartplatz als „charmantes Restaurant im Herzen des Heusteigviertels“ auf der Plattform Immoscout zur Vermietung auf, im September wunderte sich ein Stammkunde auf Trip Advisor über die Abwesenheit der Chefin und dass das Personal nicht wusste, „ob es über 2025 hinaus weiter geht“.
Claudia Kiebele musste sich aus gesundheitlichen Gründen früher aus dem Geschäft zurückziehen, Georg Bayer machte mit seinem Sous-Chef Sascha Teschner weiter, der seit mehr als zwei Jahrzehnten in der Küche vom Vetter steht. Die handgeschriebene Speisekarte war bis zuletzt ein Markenzeichen des Lokals, die je nach dem Ergebnis des Einkaufs verfasst wurde. Badische Schäufele mit Kartoffel-Gurken-Salat und Meerrettich, Kalbszunge mit Schnittlauchsoße oder Zanderfilet in Butter gebraten standen diesen Herbst darauf.
Auf immer Weinstube Vetter, obwohl längst ein Restaurant
Trotz der gehobenen Küche blieb das Vetter im Volksmund aber stets eine Weinstube wie seit vermutlich 1894, als das Haus in der Bopserstraße fertig gestellt wurde. Rustikal soll sie gewesen sein, mit Butzenfenstern und „Szenen aus weinseligen Zeiten“ an den Wänden schrieb ein Autor dieser Zeitung 1992 zur Übernahme durch Claudia Kiebele und Georg Bayer. Das „zarte Kalbszüngle in Schnittlauchsauce mit Reis und Gemüse“ überzeugte seine „Geschmacksnerven“ schon damals. Mangels Lagerraum müsse sie alle Zutaten täglich frisch einkaufen, verriet ihm Claudia Kiebele auf die Frage, warum „eigentlich alles lecker“ sei.
Damals verirrten sich allerdings noch wenige Gäste ins Vetter: „Der Anfang war hart“, erzählte sie 20 Jahre später für einen Artikel über den Mozartplatz. Die Ecke war eine Durchfahrtsstraße für den Freiersuchverkehr, der Rotlichtbezirk reichte bis ins Heusteigviertel. Ihren Erfolg erklärten die Kompagnons 27 Jahre später mit ihren jeweiligen Qualitäten. „Georg ist sehr innovativ“, befand Claudia Kiebele in einem Sonderheft vom Stadtmagazin „Lift“, „er lässt sich immer etwas Neues einfallen.“
Die acht Quadratmeter große Küche war sein Reich, das er sich mit Sous-Chef Sascha Teschner teilte. „Ohne ihn geht nichts“, betonten beide seine wichtige Rolle. Zwar sei die Salatsoße immer die gleiche geblieben, sagte Claudia Kiebele damals, ansonsten „gab es bei uns nie Stillstand“. Sie nahm die Reservierungen entgegen. begrüßte die Gäste, war für den Service und die Hintergrundarbeit verantwortlich. „Claudia ist die Seele des Betriebs“, sagte Georg Bayer 2019, sie sei „multifunktional“.
Traditionsbewusste Hauseigentümer, die bei Vetter bleiben wollen
Viele Anfragen gingen bei Carsten Scharlemann ein, als er das Lokal zur Vermietung inserierte. Der Verpächter suchte dennoch lange nach einem Nachfolger. „Ich wollte es beibehalten und nicht etwas anderes daraus machen“, sagt er über das Vetter. Dass die Weinstube diesen Namen trägt, geht auf das Traditionsbewusstsein seiner Familie und die Anfänge der Weinstube zurück, weil dort einst Tropfen von einem Weingut Vetter ausgeschenkt wurden. Über die Ursprünge ist ihm zwar nicht viel mehr bekannt, sein Vater erwarb das Gebäude erst in den 1970er Jahren. Dennoch hielten die Scharlemanns immer an dem Namen fest. „Vielleicht bin ich altmodisch“, erklärt Carsten Scharlemann, „aber beim Stammpublikum hat er sicher einen hohen Wiedererkennungswert.“ Denn Claudia Kiebele und Georg Bayer hätten ihre Aufgabe hervorragend gemeistert. Nun freue er sich auf die nächsten 30 Jahre mit ihrem Nachfolger, erläutert der Eigentümer sein Konzept für das Restaurant.
„Das Vetter ist eine Institution“
Tatsächlich müssen sich die Gäste kaum umstellen: „Ich mache eins zu eins weiter“, verspricht der neue Wirt und schickt zur Betonung hinterher, dass „wirklich alles beim Alten“ bleibe. Pablo Fernandez betreibt in Waiblingen das Restaurant Untere Apotheke – und hat sich dafür vom Vetter einiges abgeschaut. Zwischen den Speisekarten sieht er Parallelen, den Testern des Guide Michelin hat es bei dem 39-Jährigen ebenfalls geschmeckt.
Für Kontinuität sorgt außerdem Sascha Teschner, der seine Position in der kleinen Küche behält. Für Georg Bayer kommt Dennis Sudholt, der bisher bei Feinkost Böhm unter Russell Pirrit, dem früheren Sternekoch vom Restaurant 5, gearbeitet hat. „Das Vetter ist eine Institution“, weiß Pablo Fernandez um die Erwartungen, die mit dem Namen des Lokals verbunden sind.