Konrad Zepter in seinem Ausstellungsraum in der Claudiusstraße im Stuttgarter Westen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Seit über 40 Jahren betreibt Konrad Zepter die Raumausstattung Konzept in Stuttgart. Im vergangenen Jahr bekam der 63-Jährige die Diagnose Hirntumor. Nun muss er das Geschäft abgeben.

„Der Betrieb ist mein Baby“, sagt Konrad Zepter. Für den Raumausstattermeister aus dem Stuttgarter Westen ist das Handwerk mehr als nur ein Beruf. Es ist seine Berufung, seine Leidenschaft. Mit nur 23 Jahren übernahm der gebürtige Stuttgarter im Jahr 1985 den Betrieb an der Bebelstraße. Seit mehr als 40 Jahren ist er mit „Konzept“ erfolgreich im Geschäft.

 

Bis vor Kurzem sei sein Leben sehr geradlinig verlaufen, erzählt Konrad Zepter bei unserem Besuch im Ausstellungsraum in der Claudiusstraße. Dass er Raumausstatter werden wollte, das wusste der heute 63-Jährige bereits zu Schulzeiten, er absolvierte ein Schulpraktikum in dem Bereich. Es folgten die Ausbildung, mehrere Anstellungen, die Meisterprüfung, anschließend die Geschäftsübernahme. „Bis heute ist das mein Traumberuf“, sagt Zepter und lächelt.

Hart gearbeitet hat er, um sich in Stuttgart einen Namen zu machen. „Ich sage immer: In einem schwäbischen Handwerksbetrieb musst du mindestens eine Generation überlebt haben, damit du in der Branche anerkannt bist.“ Das ist dem Raumausstatter gelungen.

Diagnose Hirntumor – Stuttgarter Raumausstatter muss Betrieb abgeben

Ein breites Netzwerk und ein treuer Kundenstamm in Stuttgart sind das Ergebnis. Zu seinen Auftraggebern gehören Privatkunden ebenso wie Großkonzerne und Immobiliengrößen – viele davon vertrauen Konzept seit Jahren und über Generationen hinweg ihre eigenen Vier Wände, Ferienwohnungen, Stadtvillen oder gar die Ausstattung des Geschäftsjets an.

Seit über 40 Jahren betreibt Konrad Zepter seinen Raumausstatter-Betrieb in Stuttgart-West. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Bis zu seiner Rente in wenigen Jahren hätte der 63-Jährige diese Arbeit gerne weitergeführt. Doch dann kommt alles anders. Am 30. Dezember 2025 gerät Zepters Welt ins Wanken. Ärzte entdecken bei einer OP ein sogenanntes Glioblastom, der häufigste und bösartigste primäre Tumor im Gehirn bei Erwachsenen. Diese Art von Tumor entsteht meist innerhalb weniger Monate aus den Stützzellen des Nervensystems, den Gliazellen. Nach der Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Tumoren des Nervensystems entspricht das Glioblastom dem Grad 4. Das bedeutet: Der Tumor verhält sich biologisch bösartig, wächst schnell – und ist unheilbar.

Nach der Operation an der rechten Gehirnhälfte und einer Bestrahlungstherapie ist Konrad Zepter heute arbeitsunfähig. Durch den Eingriff ist seine linke Körperhälfte taub, auch das Sprechen bereitet ihm zum Teil noch Schwierigkeiten.

„Die Arbeit hat mir immer viel Spaß gemacht – und dann kommt dieser Tumor und macht mir alles kaputt“

Anstatt sich die letzten Jahre seiner Berufskarriere weiter ins Geschäft zu stürzen, pendelt der 63-Jährige nun mehrmals pro Woche zwischen ambulanten Reha-Terminen für ergo- und physiotherapeutische Anwendungen und Behandlungen.

Gleichzeitig ist er in großer Sorge um sein Geschäft. Denn das muss trotz allem erst einmal weiterlaufen. „Ich versuche, den Überblick zu behalten, damit uns nicht sämtliche Fälle davon schwimmen – solange bis eine Lösung gefunden ist“, sagt Zepter. Die Verzweiflung, die den 63-Jährigen jeden Tag umtreibt, ist bei diesen Worten spürbar. „Die Arbeit hat mir immer so viel Spaß gemacht – und dann kommt dieser Tumor und macht mir alles kaputt.“

Konrad Zepter in seinem Geschäft in Stuttgart-West: Der 63-Jährige ist Raumausstatter mit Leidenschaft. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Für sich selbst hat der 63-Jährige entschieden, den Raumaustatter-Betrieb baldmöglichst in neue Hände abzugeben. Vor der Diagnose sei er davon ausgegangen, noch mindestens fünf, sechs Jahre arbeiten zu können. Nun ist alles anders. „Bei einem Glioblastom liegt die Lebenserwartung im Durchschnitt bei bis zu drei Jahren“, so Zepter. „Einen Fünfjahres-Pachtvertrag brauche ich hier nicht mehr machen.“ Derzeit sei er in Gesprächen mit einem Mitarbeiter, noch sei jedoch nichts spruchreif. „Sollte sich kein Nachfolger finden, werde ich das Unternehmen in der zweiten Jahreshälfte liquidieren und die Immobilie verkaufen müssen.“

Stuttgarter pendelt zwischen Reha und Betrieb – Nachfolger dringend gesucht

Trotz der Reha- und Behandlungstermine versucht Konrad Zepter, täglich zumindest ein paar Stunden im Geschäft zu sein, „um das Allernötigste in die Wege zu leiten“, wie er selbst sagt. „Kollegen und freie Mitarbeiter unterstützen mich so gut es geht, damit nicht alles zusammenbricht.“

Im Rahmen der Studie muss Konrad Zepter das onkomagnetische System in Form eines Helms täglich für sechs Stunden tragen. Foto: Scheffel

Sein ständiger Begleiter: Eine Art Magnethelm, den er täglich für sechs Stunden tragen muss. Denn über das Klinikum Stuttgart hat der 63-Jährige es als einer von insgesamt 15 Probanden deutschlandweit in eine US-amerikanische Studie des Houston Methodist Research Institute in Texas geschafft. Ziel der Studie ist es, die Ausbreitung des Tumors mithilfe eines oszillierenden Magnetfelds am Kopf, einem sogenannten onkomagnetischen System, einzudämmen. Dabei rotieren drei große Magnetfelder auf dem Kopf. Die spezielle Therapieform soll den Stoffwechsel des Tumors quasi „verhungern“ lassen, wie Konrad Zepter erklärt. „Ich habe als einer der wenigen das Glück gehabt, dort reinzukommen“, so der 63-Jährige. „So wie jemand der zeitlebens zur Dialyse muss, werde ich wohl zeitlebens diesen Helm tragen müssen.“

Während der Behandlungszeit ist Zepter dabei stundenlang den brummenden Geräuschen der Apparatur ausgesetzt. „Auf der einen Seite ist die Behandlung eine Chance, aber es ist natürlich auch lästig“, so der 63-Jährige. Trotz der Situation scherzt er: „Als Handwerker bin ich Lärm ja gewohnt.“

„Wie viele Bonus-Jahre ich jetzt noch bekomme, das weiß ich nicht“

Konrad Zepter versucht, gefasst zu bleiben, doch man spürt, welche Last er nun schon seit Monaten mit sich herumträgt. Der 63-Jährige macht sich große Sorgen – doch viel mehr um sein Geschäft und seine Familie als um sich selbst. „Ich bin relativ resilient, viel schlimmer ist es für meine Frau – zu wissen, er ist nicht mehr lange da“, sagt Konrad Zepter und ringt sichtlich um Fassung. „Wie viele Bonus-Jahre ich jetzt noch bekomme, das weiß ich nicht. Ich hoffe nur, noch ein paar schöne Sommer erleben zu können.“

Der 63-Jährige und seine Frau – beide aktiv und als Trainer engagiert in Stuttgarter Sportvereinen – hatten große Pläne für die Zeit nach der Berufstätigkeit. Gemeinsam wollten sie sich etwa den langersehnten Traum einer Reise auf die Malediven zum Tauchen erfüllen. „Wir haben immer viel gearbeitet und uns gesagt, sowas machen wir später. „Jetzt ist es vielleicht zu spät.“

Für sein Unternehmen hofft Konrad Zepter, dass eine Übernahme klappt und sein Lebenswerk weitergeführt werden kann. In den vergangenen Jahren seien viele traditionsreiche Handwerksbetriebe geschlossen worden, neue rückten kaum nach. „Reine Vollsortimenter, die das Rundum-Berufsbild eines Raumausstatters abdecken, gibt es kaum mehr.“ Auch das Interesse am und das Wissen über das Berufsfeld schwinde. Erst kürzlich kündigte Raumausstatter Andreas Kohlstetter, ein Kollege Zepters aus Berufschulzeiten an, seinen Betrieb in der Schlossstraße nach 24 Jahren zu schließen.

Entwicklungen wie diese bedauert Konrad Zepter. Er wünscht sich, dass traditionelle Handwerksberufe auch bei jungen Berufseinsteigern wieder mehr an Attraktivität gewinnen und die Handwerkskunst sowie das Wissen, das damit einhergeht mit der Schließung von Traditionsunternehmen nicht verloren gehen. Damit Herzensprojekte wie das seine weiterlaufen.