Beim Räuchern werden Kräuter, Wurzeln oder Harze verbrannt – sie sollen die Sinne anregen und die Seele öffnen. Foto: behewa - stock.adobe.com

Schon seit Alters her ist die Zeit zwischen den Jahren etwas Besonderes – Geister sind unterwegs, zugleich sind es Tage der Besinnung. Das Räuchern erlebt dabei ein Revival.

Rauhnächte – allein das Wort genügt, damit unsere Fantasie zu tanzen beginnt. Unser Kopfkino führt uns sofort in verschneite Landschaften, über denen ein kalter Mond steht, oder wir sehen Wotan, der den Sagen nach nun in wilder Jagd mit seinen weißen Rössern über den Nachthimmel zieht. Diese Zeit zwischen Weihnachten und Dreikönig bringt selbst in den nüchternsten Menschen etwas zum Schwingen. Warum nur?

 

Es liegt daran, dass diese zwölf Tage und Nächte „zwischen den Jahren“ liegen, in einer Art Niemandsland, in einem Schwebezustand. Es ist auch die Übergangszeit vom alten zum neuen Jahr, und an dieser Schwelle haben die Menschen schon immer zurückgeblickt und zugleich über Wünsche und Vorsätze für die nahe Zukunft nachgedacht. Und die Rauhnächte sind auch eine Zeit des Wandels. Gerade erst seien die letzten Blätter gefallen, nun gingen schon die ersten Knospen auf, so formuliert es die Natur- und Kräuterexpertin Christine Volm aus Sindelfingen: „Wenn es am dunkelsten ist, wendet sich das Blatt.“

Hohe Zeit der Geister und der Seelen

Diese uralten Metaphern von Licht und Dunkelheit, von Leben und Sterben, von Loslassen und Neubeginn berühren uns in dieser Zeit besonders stark. So stark, dass den alten Überlieferungen nach die Trennwände zwischen dem Diesseits und dem Jenseits, zwischen der Realität und dem Magischen, durchlässig werden. Wolfgang Wiedenhöfer aus Waiblingen, der über die württembergischen Bräuche in den Rauhnächten ein Buch geschrieben hat, sagt: „Das war deshalb von alters her die hohe Zeit der Geister und Seelen, des Aberglaubens und des traditionellen Brauchtums.“

Wie weit diese Bräuche zurückreichen, kann niemand mit Sicherheit sagen, aber viele dürften uralt sein. Fassbar werden sie erst um 1500, als etwa erstmals das Ritual des Haus- und Stallräucherns in Quellen aufscheint. Hans Sigl, der Bergdoktor, schwärmte vor kurzem bei einem Auftritt in Stuttgart davon, dass er als Kind in der Steiermark noch selbst solche Räucherungen erlebt habe. Die Erzdiözese München ermuntert die Gläubigen bis heute, bei Räucherritualen den christlichen Schutz und Segen einzuholen. Früher ging es darum, die Räume und insbesondere die Ställe zu desinfizieren, aber eben auch darum, Dämonen, Geister und wilde Gesellen fernzuhalten.

Sehr häufig wollten die Menschen in diesen Rauhnächten auch in die Zukunft schauen. Die Tradition des Bleigießens an Silvester geht darauf zurück. Wolfgang Wiedenhöfer erzählt, dass man sich früher Zettel mit Fragen unter das Kopfkissen gelegt habe und glaubte, die Antworten im Traum zu erhalten.

Die historischen Bezüge und Facetten der Rauhnächte sind also kaum zu überblicken. Da sind Verbote, etwa, dass man keine Wäsche draußen aufhängen darf, weil sonst im nächsten Jahr jemand im Haus stirbt. Es gab Abwehrzauber, damit das Vieh von Krankheiten verschont wird. Oder junge Frauen wünschten sich einen Mann herbei, indem sie nackt die Stube fegten – selbst auf solche heute sexistischen Geschichten ist Wolfgang Wiedenhöfer gestoßen.

Vor allem in Bayern sind auch Rauhnachtsumzüge wieder lebendig geworden, die auf altem Brauchtum gründen. In Sankt Englmar im Bayerischen Wald etwa haben die Rauhwuggerl dieses Jahr am 28. Dezember ihren Auftritt, in Kirchseeon machen die Perchten am 5. Januar ihren Umzug.

Heidnisches und Christliches, Brauchtum und Esoterik

Dabei geht es bei all diesen Traditionen und Ritualen kunterbunt durcheinander. Bedrohliches wie Besinnliches findet sich. Und heidnische Ursprünge, christliche Traditionen, Volksbrauchtum, psychologische Aspekte und esoterische Intentionen fließen ineinander. So kann sich jeder ein Stück weit das herauspicken, was ihn anspricht.

In Sankt Englmar im Bayerischen Wald lebt die Tradition der Rauhnacht-Umzüge fort – finstere Gesellen sind dort unterwegs. Foto: Armin Weigel/dpa

Angesichts dieser Offenheit – oder auch Beliebigkeit – ist es kein Wunder, dass die Rauhnächte seit einigen Jahren ein kräftiges Revival erleben. Judith Bodendörfer von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen sieht den Erfolg der Rauhnächte tatsächlich auch in ihrer neutralen Prägung; deshalb seien sie „anschlussfähig für verschiedene Weltanschauungen“. Die Rauhnächte-Führungen von Wolfgang Wiedenhöfer in Waiblingen in der Vorweihnachtszeit waren zum Beispiel alle schnell ausverkauft. Einen Vortrag am 4. Januar – allerdings im Rahmen einer Wahlkampfveranstaltung – gibt es noch.

Der zentrale Treiber dieser Renaissance der Rauhnächte sind aber esoterische und spirituelle Strömungen. Es scheint eine große Sehnsucht zu geben nach Besinnung und Orientierung. Unzählige Bücher, Videos und Podcasts zum Thema findet man im Internet, viele bieten Seminare, Livecalls oder Coachings für die Zeit zwischen den Jahren an. Darin wird etwa empfohlen, in den Rauhnächten täglich Tagebuch zu schreiben, Orakelkarten zu ziehen oder an einem kleinen Altar ein 13-Wünsche-Ritual durchzuführen. So könne eine energetische Reinigung gelingen.

Claudia Jetter, die an der Humboldt-Universität in Berlin praktische Theologie lehrt, kann gut nachvollziehen, warum die Rauhnächte wieder so populär geworden sind. Das einstmals Magische werde nun psychologisch umgedeutet und für die eigene Psycho-Hygiene genutzt, sagte sie kürzlich. Auch Judith Bodendörfer ist der Ansicht, dass der Wunsch, sich in hektischer Zeit eine echte emotionale Auszeit zu gönnen, zu den Haupttriebfedern für die Rituale der Rauhnächte gehört. Interessant laut Bodendörfer: die Rauhnächte seien in erster Linie ein deutschsprachiges Phänomen.

Besonders beliebt bei allen diesen Ritualen ist das Räuchern. Christine Volm, die als promovierte Gartenbauwissenschaftlerin ein Buch über das Räuchern geschrieben hat und der Esoterik unverdächtig ist, findet trotzdem, dass Gerüche, etwa die beim Essen, den „direktesten Zugang zum Gehirn“ bieten. Beim Räuchern könne klar werden, was uns unbewusst im Kopf herumschwirre, sagt sie. Oft werde Weihrauch empfohlen, aber Volm findet Wurzeln besser, etwa die vom Alant, weil er ein sehr fruchtiges Aroma habe. Aber auch Holunderblüten oder Mädesüß passten gut: „Das weckt schon Vorfreude auf den Sommer.“

Die Rauhnächte ganz ohne Brimborium erleben

In einem Punkt ist sich Christine Volm übrigens einig mit Christine Fuchs, die in Magstadt lebt und sich als Räucherexpertin einen Namen gemacht hat. Beide möchten in den Rauhnächten ganz ohne Zwang und ohne vorgegebene Rituale ins Zwiegespräch mit sich selber gehen: Was macht mich wirklich glücklich, wie kann ich noch freier werden – das seien Fragen, denen man sich zwischen den Jahren stellen könne. Und dafür brauche es kein Brimborium, sondern nur ein stilles Plätzchen, einen warmen Tee – und den Willen, sich nicht sofort wieder ablenken zu lassen.