Vor einem Ausflug ins Gelände müssen die Packsättel auf dem Rücken der geduldigen Vierbeiner gut austariert werden. Foto: Michael Steinert

Als Geheimtipp kann man die Trekkingtouren für Mensch und Esel im Schurwald nicht mehr bezeichnen – dafür sind sie viel zu beliebt und bekannt.

Adelberg - Wir laufen ja auch nicht einfach durch Ihr Wohnzimmer“, steht auf dem kleinen Schild am Eselstall, das verbietet, bei den Grautieren mit der Tür ins Haus zu fallen. Die Viertklässler, die sich gerade zwischen den Vierbeinern der Zachersmühle tummeln, stören sich nicht weiter daran. Logisch, denn sie sind ja auch ganz offiziell zum Eseltrekking angemeldet und gerade mit Feuereifer damit beschäftigt, die Grautiere für die gemeinsame Wanderung zu rüsten. Bereits seit zehn Jahren bietet das Adelberger Ausflugslokal solche Entschleunigungs-Trips für Mensch und Tier durch den Schurwald an. Gebucht werden sie von Familien, Geburtstagsgesellschaften, Belegschaften auf Betriebsausflug – und eben auch immer wieder von Schulklassen.

Zur Luxusversion des Esel-Kurzurlaubs gehört eine Übernachtung im Tipi

„Gestern waren wir am Wasserfall, und heute steuern wir den Waldspielplatz in Oberwälden an“, erläutert die Eselführerin Jana das zweitägige Programm der Gäste, die die Luxusversion des Eselkurzurlaubs, das Eselcamp mit einer Übernachtung im Tipi, gebucht haben. „Heute Morgen sind wir mit frischen Brötchen verwöhnt worden, und am Lagerfeuer gab es gestern Abend knuspriges Stockbrot“, schwärmt die Lehrerin Veronika Schwabendissen, die ihre Klasse bei dem zweitägigen Abschlussausflug begleitet. Und der soll das Ende der Grundschulzeit regelrecht krönen.

„Die Esel hatten bei den Kindern auf Anhieb die Nase vorn.“ Ein Ausflug zu den unlängst zum Weltkulturerbe ausgerufenen Eiszeithöhlen beim archäologischen Themenpark Vogelherdhöhle im Lonetal auf der Schwäbischen Alb sei bei der Erwähnung des Themas Eseltrekking von der Klasse gar nicht erst in Erwägung gezogen worden, berichtet die Pädagogin aus Nellingen (Alb-Donau-Kreis).

Der Eselführerschein ist Teil des Pflichtprogramms

Schmunzelnd beobachtet sie, wie sich Franziska und Katharina um die Eseldame Concita bemühen, die schon etwas ungeduldig ausschlägt. „Denkt dran, ihr sollt nicht hinter den Tieren stehen“, erinnert auch Eselführerin Jana die Gruppe aufs Neue. Alle Regeln im Umgang mit den sanftmütigen Langohren, die wichtig sind für den so genannten Eselführerschein, hat die junge Frau den Kindern bereits am ersten Eselcamp-Tag beigebracht. Demnach sollten die drei Kommandos: „Komm!“, „Aus!“ und „Steh!“ genügen, um die Tiere durch das Gelände zu dirigieren.

Trotzdem habe der freche Mojito Sarah gestern durch die Brennnesseln gezogen, so eilig habe er den Rückweg in den heimischen Stall angetreten, berichten Jana und Mike ein wenig aufgebracht, um im nächsten Moment wieder ihre Wangen an den weichen Eselhals zu pressen. Wirklich böse kann hier sowieso niemand dem zweijährigen Jungtier sein, das noch zu klein ist, um einen eigenen Packsattel zu tragen. „Ihr müsst das Gewicht schön gleichmäßig verteilen“, fordert Jana die Kinder außerdem auf, die schon beim Frühstück Vesperbrot und Trinkflasche in ihren Rucksäcken verstaut haben.

Im Hof locken kulinarische Genüsse

Auch Silas und Leon sind endlich fertig. Ausgiebig haben sie ihrem Esel die letzten Reste des Winterfells ausgebürstet. Dann geht es endlich los. Acht Esel mit jeweils zwei Kindern setzen sich in Bewegung. Schon im Hof der Zachersmühle heißt es erstmals, Eselsgeduld mit den Vierbeinern zu beweisen, wenn die Schützlinge auf kulinarische Entdeckungstour gehen wollen.

Als Wüstentiere legten die Esel ursprünglich bei der Suche nach Futter täglich 20 bis 30 Kilometer zurück, gibt Jana soeben Auskunft. Da ertönt ein Ruf: „Vorsicht, Lilly hat Dünnpfiff.“ Und auch für solche Verdauungsprobleme hat Jana eine Erklärung: Die Tiere, für die Heu und Stroh bekömmlicher seien, hätten nachts auf der Weide zu viel frisches Gras genascht.

Die Kinder nehmen automatisch das Eseltempo auf

Schließlich muss nur noch die Landstraße überquert werden, und schon sind alle in dem Waldstück angelangt, das es heute zu durchstreifen gilt. Ganz automatisch nehmen die Buben und Mädchen schon nach wenigen Metern das Eselstempo auf. Und das sind die Momente, die Jana so genießt: „Für mich ist das wie eine Therapie“, beschreibt die Industriemechanikerin die wohltuende Wirkung dieser Harmonie von Mensch und Tier. Ihren Job beim größten schwäbischen Autobauer habe sie vor ein paar Jahren dafür ohne lange zu fackeln an den Nagel gehängt.

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