Im Schwarzwald waren dieses Jahr viele Wanderer unterwegs. Foto: dpa/Franziska Kraufmann

Die klassischen Urlaubsregionen im Land verzeichnen schon wieder starke Gästezahlen. Doch das war wohl nur eine Verschnaufpause. Die Branche fürchtet einen harten Winter.

Stuttgart - Kaum Touristen aus Übersee, dafür viele Buchungen aus dem Inland: Nach dem Lockdown im März und dem damit einhergehenden Absturz ins Bodenlose hat sich das Geschäft der baden-württembergischen Tourismusbetriebe in den Sommerferien deutlich besser entwickelt als befürchtet. Der Tourismusminister Guido Wolf (CDU) sprach in einer ersten Einschätzung von einer „Verschnaufpause“ für die angeschlagene Branche. In vielen Bereichen habe er ein Aufatmen vernommen, sagte der Minister. Offizielle Zahlen liegen noch nicht vor. Doch der Trend sei klar: Viele Menschen hätten ihre Heimat neu entdeckt. „Man verpasst nicht Mallorca, Ibiza oder Adria, man gewinnt Kaiserstuhl, Taubertal oder Schwäbische Alb“, sagte Wolf.

 

Vor allem die klassischen baden-württembergischen Urlaubsregionen konnten schon wieder starke Gästezahlen melden. „Aus unserer Sicht war der Sommer sehr erfolgreich“, sagte Herbert Kreuz von der Hochschwarzwald Tourismus GmbH. „Die Hotels waren über die gesamte Ferienzeit sehr gut gebucht.“ Viele ausländische Kunden seien fortgeblieben, allerdings habe sich das Publikum deutlich verjüngt. „Wir haben viele junge Pärchen mit Wanderrucksack gesehen“, sagte Kreuz.

Die Hotspots waren teilweise überfüllt

Unter dem Eindruck der Corona-Pandemie habe es die Menschen in die Natur gezogen. Hier habe der Schwarzwald mit seinen zahlreichen Outdoor-Attraktionen und Wanderwegen punkten können. Anders als in der Vergangenheit hätten viele Menschen ihren Haupturlaub im Schwarzwald verbracht. An den Hotspots wie der Wutachschlucht seien die Wanderparkplätze vor allem an Wochenenden bereits überfüllt gewesen. „Wir müssen uns Gedanken machen, wir wir es entzerren können“, sagte Kreuz.

Am Bodensee sieht die Bilanz ähnlich aus. Vor allem am westlichen Ende des Sees, wo es viele Tagesgäste hinzieht, mussten die Ufer wegen Überfüllung geschlossen werden. Die Summe der Gästeankünfte habe in den Sommerferien schon wieder im Bereich der Vorjahre gelegen. „Diese Zahl wage ich zu bestätigen“, sagte Markus Böhm von der Internationalen Bodensee Tourismus GmbH.

Schon an Pfingsten deutete sich die Entwicklung an

Auch hier seien Aktivitäten in der Natur besonders gefragt gewesen. Der Radtourismus habe einen starken Boom erlebt. Besonders die Campingplätze rund um den See waren ausgebucht. Aber auch um ein freies Zimmer zu bekommen, mussten manche bis in den Raum Ravensburg ausweichen. „Viele Hoteliers hatten es sich schlimmer vorgestellt“, sagte Katja Böhmer von der Ravensburger Tourismusgesellschaft. „An manchen Tagen war es fast schon zu voll.“

Am Bodensee und im Schwarzwald hatte sich die positive Entwicklung schon an Pfingsten angedeutet. Das belegen die Zahlen des Statistischen Landesamts, die bis Juni vorliegen. Während landesweit immer noch 45 Prozent der Gäste fehlten, betrug das Minus im Bodenseekreis nur noch 23,6, in Konstanz 20,7 und im Schwarzwald zwischen 30 und 35 Prozent.

Der Städtetourismus erlebt ein Desaster

Desaströs sei die Entwicklung aber nach wie vor in den Ballungszentren, sagte Wolf. Es fehlten Geschäftsreisen und Kongresse. So betrug der Rückgang in Stuttgart im Juni immer noch 70 Prozent, in Heidelberg lag er bei 63, in Heilbronn bei 73,2 Prozent. „Die Medizintouristen aus Russland und den Golfstaaten fehlen komplett“, sagte Thomas Vennen von der Heidelberger Tourismus-Gesellschaft. Häuser, die auf diese zahlungskräftige Kundschaft setzten, hätten teilweise gar nicht wieder eröffnet. Allerdings ziehe mittlerweile auch der Städtetourismus wieder an. „Bei uns verdoppeln sich die Ankünfte von Monat zu Monat“, sagte die Baden-Badener Tourismus-Verantwortliche Nora Waggershauser.

Die guten Sommerwochen dürften aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Lage in der Tourismusbranche immer noch prekär sei, sagte Wolf. Die Milliardenverluste aus dem Frühjahrseien nicht verdaut. „Mit dem Herbst müssen wir uns auf eine Durststrecke einstellen.“ Von der Normalität sei man noch weit entfernt, sagte Daniel Ohl vom baden-württembergischen Hotellerie- und Gaststättenverband. In einer Umfrage sahen sich Anfang August 56 Prozent der Mitgliedsbetriebe in ihrer Existenz bedroht.

Die Gäste sitzen lieber draußen

Die Außengastronomie sei gut angenommen worden. Doch ob sich die Gäste wieder in die Gasträume setzen werden, wenn es kälter werde, sei ungewiss. Reservierungen für Weihnachtsessen, die teilweise im August bereits eingingen, fehlten völlig. „Wir stehen von dem härtesten Winter, den die Branche je erlebt hat.“