Mit gutem Blick auf die Stadt sind Touristen im Doppeldeckerbus unterwegs. Die aktuellen Problemthemen wie Feinstaub spielen für die meisten keine Rolle. Foto: Lichtgut/Verena Ecker

Bei vielen wächst die Angst, dass Stuttgart für Touristen zunehmend unattraktiv wird. Doch die Zahlen belegen etwas Anderes. Wir waren an einem Samstag dort unterwegs, wo man viele Touristen antrifft – und haben mal nachgefragt.

Stuttgart - Langsam fährt der rote Doppeldeckerbus um die Kurve, dann vorbei am Cannstatter Wasen, der Mercedes-Benz-Arena und dem Mercedes-Museum. Im Obergeschoss des Busses mit offenem Verdeck genießen die Fahrgäste das frühlingshafte Wetter. Einer der Fahrgäste ist Michael Leposa. Der aus Dresden stammende 43-Jährige ist zum ersten Mal in Stuttgart. Er besucht gemeinsam mit Frau und Tochter Freunde. Die Bustour, bei der man an verschiedenen Sehenswürdigkeiten zu- und aussteigen kann, ist für die kleine Familie ideal, um viel zu sehen.

Während der Tour erfahren die Fahrgäste in zehn verschiedenen Sprachen – plus Schwäbisch sowie einem Kinderkanal – allerlei Historisches und Wissenswertes über die Landeshauptstadt. In der Nebensaison von Januar bis Ende März fährt der rote Bus vier Mal täglich. Wenn im April die Sommersaison beginnt, werden sogar zehn Touren am Tag angeboten. Die Nachfrage scheint da zu sein – bei der Fahrt am Samstagmittag blieb kein einziger Platz frei.

„Wenn über Stuttgart berichtet wird, geht es meist um Feinstaub oder S 21“

Nach einer halben Stunde Fahrt durch Stuttgart hat sich der Dresdner Michael Leposa bereits ein Urteil gebildet: „Stuttgart ist echt schön“, sagt er. Überrascht scheint er nicht zu sein, trotzdem gibt er zu: „In Dresden bekommt man zwar viel aus Stuttgart mit – aber es geht meist um Feinstaub oder Stuttgart 21.“ Wobei das Bauprojekt mit ein Grund war, warum er sich auf den Besuch gefreut hat. „Ich komme aus der Baubranche und möchte gerne die Stuttgart-21-Ausstellung besuchen“, sagt er.

Sein Gastgeber und Kumpel, Matthias Kießling, wohnt seit 1997 in Stuttgart. Er ist sich sicher, dass der derzeit oft ausgerufene Feinstaubalarm Auswirkungen hat. „Auf Touristen wirkt das abschreckend.“ Die Zahlen belegen etwas Anderes: Noch nie verzeichnete Stuttgart so viele Übernachtungen von Besuchern wie im vergangenen Jahr. Genau 1 998 477 Gäste buchten 3 706 017 Übernachtungen. Das waren rund 100 000 Gäste mehr als 2015 und beinahe eine Verdoppelung zum Jahr 2000.

Internationale Gäste wissen meist nichts von den Problemthemen

Der Geschäftsführer von Stuttgart-Marketing, Armin Dellnitz, sagt: „Bei Gästen aus dem Ausland spielt das Thema Feinstaub eine untergeordnete Rolle.“ In internationalen Medien werde nur selten darüber berichtet. „Nationale und insbesondere regionale Gäste fragen allerdings häufiger nach“, gibt Dellnitz zu.

Etwa eine Stunde vorher auf der „Free Walking Tour“: Bei der offenen Stadtführung leiten Einheimische Touristen zu Fuß durch ihre Stadt. Die Teilnehmer bezahlen am Ende so viel, wie die Führung aus ihrer Sicht „wert“ war. Mit dabei ist Shachar Avivi aus Australien. Der 37-Jährige lebt und arbeitet seit Kurzem im schweizerischen Bern und besichtigt am Wochenende gerne Städte in der Umgebung.

Nun ist Stuttgart dran. Der Australier hat sich in einem Hotel nahe dem Hauptbahnhof einquartiert und möchte die Grabkapelle auf dem Württemberg, den Bahnhofsturm und einige Museen besuchen. Von Feinstaub hat er noch nie gehört. Als ihm der Begriff erklärt wird, meint er nur: „Ich habe lange in Santiago de Chile gelebt. Dort war die Luft sicherlich schlechter.“

Die beliebteste Sehenswürdigkeit ist das Mercedes-Benz-Museum

Wer sich mit Touristen unterhält, gewinnt zunehmend den Eindruck: Die Stuttgarter fürchten unbegründet um ihr Image. Der Feinstaub oder der zweifelhafte Titel als Stauhauptstadt tragen nicht dazu bei, dass weniger Besucher kommen. Grund dafür sind unter anderem die großen Zugpferde – die Automuseen. „Von den Sehenswürdigkeiten steht bei Touristen, die zum ersten Mal kommen, das Mercedes-Benz-Museum ganz oben. Dahinter folgt das Porsche Museum“, sagt der Tourismuschef Dellnitz. Aber auch die Staatsgalerie, Wilhelma, Markthalle und der Fernsehturm seien Besuchermagneten.

Deutlich erkennbar sind die Unterschiede im Verhalten von Touristen, die zum ersten Mal kommen und jenen, die schon mal da waren. „Bei einem weiteren Besuch rücken auch die kleineren Institutionen fernab des Mainstreams in den Vordergrund“, sagt Dellnitz. Und wer beispielsweise mal das Teehaus im Weißenburgpark besichtigt, durch die Weinberge spaziert oder einen Ausflug in die höher gelegenen Stadtbezirke macht, der kann zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Er muss sich nicht in lange Warteschlangen vor den beliebten Sehenswürdigkeiten einreihen – und entgeht zugleich dem Feinstaub.

Man kann Stuttgart zu Fuß oder im Touristenbus entdecken

Doppeldeckerbus:
Seit Juli 2014 fährt ein Doppeldecker-Bus mit offenem Verdeck durch die Landeshauptstadt. An neun Haltepunkten kann man ein- oder aussteigen.
Der Ticketkauf ist im Bus oder im i-Punkt, Königstraße 1 A, möglich. Es kostet 15 Euro für einen Erwachsenen, zwei Kinder können umsonst mitfahren. Man kann nicht reservieren.

Neue Tour
: Wenn im April die Sommersaison beginnt, fährt ein Bus auf einer zweiten Route, genannt die grüne Tour. Sie führt von April bis Oktober durch den Stuttgarter Süden und Westen. Die Seilbahn und die Zacke werden ­unter anderem passiert, und man fährt hinauf zum Fernsehturm. An acht Stationen kann man ein- und aussteigen.

Free Walking Tour: Wer gerne zu Fuß unterwegs ist, kann an einer offenen Stadtführung teilnehmen. Diese finden jeden Samstag und Sonntag statt, jeweils um 11 Uhr. Treffpunkt ist die pinkfarbene Telefonzelle am i-Punkt. Man bezahlt am Ende so viel, wie man es für angemessen hält. Üblicherweise sind die Führungen auf Englisch.

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