In Israel bleiben die Massen an Pilgern auch in diesem Jahr wieder aus. Foto: Schumacher

Der Tourismus in Jerusalem wird sich nach der Coronapandemie verändern, glaubt die Tourismusexpertin Noga Sher-Greco.

Jerusalem -

Noga Sher-Greco, 54, ist Direktorin für religiösen Fremdenverkehr im israelischen Tourismusministerium. Sie stammt aus einer Jerusalemer Familie in 18. Generation und wuchs in Afrika und Paris auf. Sher-Greco hat Islam- und Middle Eastern Studies sowie Business studiert. Für das Ministerium arbeitete sie auch schon in Mailand. Die Tourismusexpertin glaubt, dass sich der Tourismus in Jerusalem nach der Corona-Pandemie stark verändern wird.

Frau Sher-Greco, welche Bedeutung hat der Pilgertourismus für Israel?

2019, im Jahr vor der Pandemie, kamen 4,55 Millionen ausländische Touristen ins Land, 2020 waren es nur 832 000. Mitte März 2020 wurde das Land für sie bis heute geschlossen. 54 Prozent gaben an, Christen zu sein. Wer Pilger und wer eher kulturell interessierter Tourist ist, ist hier manchmal schwer zu trennen, da beide oft die gleichen heiligen und historischen Stätten besuchen.

Wie sind die Aussichten für 2021?

Wir haben eine Einschätzung für 2021, die alle zwei Monate aktualisiert wird. Wir gehen im Moment von 1,1 Millionen Touristen aus.

In Israel wurden prozentual mehr Menschen geimpft als in jedem anderen Land der Erde. Viele Hotels und touristische Einrichtungen stehen Israelis wieder offen. Wann erwarten Sie eine Öffnung für ausländische Touristen?

Wir hoffen, zu Beginn des Sommers. Aber das kommt natürlich auch auf die anderen Länder an.

Wird das Land sich dann zuerst nur für Geimpfte öffnen?

Ich nehme an, so werden es die meisten Länder handhaben. Ich denke, dass die ersten Touristen sowohl einen Test als auch einen Impfnachweis für die Einreise brauchen werden, so wie es aktuell auch für Israelis ist.

Für viele Pilger ist es wichtig, die heiligen Orte zu berühren und zu küssen. Sie kommen in großen Gruppen. Wie wird sich der Glaubenstourismus durch die Pandemie verändern?

Die Gruppen, die die heiligen Stätten besuchen, werden in Zukunft sicher kleiner sein und sich gegebenenfalls vorab registrieren müssen. Vor der Klagemauer beten jetzt schon Gläubige in abgetrennten Einheiten.

Wie wird Ostern in diesem Jahr in Jerusalem ablaufen?

Ich gehe davon aus, dass die Feierlichkeiten einigermaßen regulär – natürlich mit den geltenden Hygienevorschriften – ablaufen können. Auch die Karfreitagsprozessionen sollten unter Einhaltung der Abstandsregeln möglich sein.

Wie sehen Sie die Zukunft des Pilgertourismus?

Die Pilger werden sicher zu den Ersten gehören, die zurückkehren. Viele Gruppen haben ihre Reisen nicht abgesagt, sondern nur verschoben. In Zukunft werden Freiluftgottesdienste eine viel wichtigere Rolle spielen. Auch Pilgerwege wie der Jesus-Trail oder der Emmaus-Trail und Besuche von Nationalparks werden an Beliebtheit gewinnen. Es geht bei diesen Wanderungen in der Natur um eine ganz andere Glaubenserfahrung, gerade für junge Menschen. Fragen zu Nachhaltigkeit werden ebenfalls bedeutender sein.

Glauben Sie, Israel wird bald wieder die enormen Touristenzahlen von 2019 verzeichnen?

Ich glaube ja. Es werden neue Hotels gebaut. Es gibt verschiedene Einschätzungen, aber wir denken, am Ende werden sogar mehr Touristen kommen. Aber das wird Zeit brauchen.

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