Stadt und Kreis Ludwigsburg bemühen sich, den Tourismus in der Region zu stärken. Im Gegensatz zum Rest von Baden-Württemberg ist man aber weit entfernt vom Vor-Corona-Niveau. Das hat auch mit Stuttgart zu tun.
„Die Fußball-EM war für unser Hotel und das ganze Team ein tolles Erlebnis“, sagt Dario Tolksdorf, Direktor des Harbr.-Hotels in Ludwigsburg. Die vielen internationalen Gäste, vor allem aus Schottland und Dänemark, hätten das Geschäft belebt und eine besondere Stimmung im Hotel verbreitet. „Es war toll, zu sehen, wie sich die Nationalitäten bei uns begegnen.“ Dennoch guckt Tolksdorf mit gemischten Gefühlen auf das bisherige Geschäftsjahr seines Harbr.-Hotels. Die Belegungszahlen seien etwas rückläufig, „nicht im erschreckenden Bereich, aber es könnte noch mehr gehen“.
Damit steht das Harbr.-Hotel sinnbildlich für das erste Tourismushalbjahr 2024 im Kreis Ludwigsburg. Die Branche feierte Erfolge während der Fußball-Europameisterschaft und ist auch ansonsten engagiert. Kongresse werden in die Region gelockt, neue Radwege gebaut, die Steillagen-App bewirbt den Tagestourismus und das Landratsamt rührt die Werbetrommel auf großen Messen. Dennoch scheint der Tourismus im Landkreis der Branche im restlichen Land hinterherzuhinken.
Entgegen positivem Landestrend
In den ersten sechs Monaten des Jahres zählte das Statistische Landesamt rund 210 000 touristische Ankünfte im Kreis Ludwigsburg, das sind 10 Prozent der gesamten Ankünfte in der Region Stuttgart. Im Vergleich zum Vorjahr gingen die touristischen Ankünfte im Landkreis um 1,4 Prozent zurück, zum Vor-Corona-Jahr 2019 ist es sogar ein Rückgang von mehr als 10 Prozent.
Ähnliche Einbußen sind auch bei den touristischen Übernachtungen im Landkreis zu erkennen. Während im ersten Halbjahr 2023 noch rund 498 000 Übernachtungen gebucht wurden, waren es in den ersten sechs Monaten dieses Jahres nur 479 000 – ein Rückgang von 4 Prozent. Im Vergleich zu 2019 liegt der Rückgang bei 6 Prozent.
Und das alles, obwohl sich die Europameisterschaft sichtlich positiv auf die Auslastung der Betriebe im Kreis ausgewirkt hat. Fast 30 000 Übernachtungen ausländischer Gäste zählt das Statistische Landesamt im Juni, das sind 33 Prozent mehr als im Vorjahresjuni. Zudem sprang die Auslastung der Hotels im Landkreis von einem Monat auf den anderen um fast 10 Prozentpunkte an.
Laut Landratsamt erholt sich der Tourismus immer noch von der Pandemie, nicht nur im Kreis, bundesweit versuche die Branche vergeblich, die Zahlen von 2019 zu erreichen. Doch stimmt das? Mit Blick auf ganz Baden-Württemberg übertreffen die Übernachtungszahlen der ersten Hälfte 2024 bereits die des Vor-Corona-Jahr 2019. Der Tourismus im Kreis scheint ein besonderes Problem zu haben, in Fahrt zu kommen.
Die Suche nach Antworten führt in die Stadt Ludwigsburg, wo sich rund ein Drittel aller 7800 Betten im Landkreis befinden. Elmar Kunz von Tourismus & Events Ludwigsburg nennt drei Gründe für das dürftige erste Halbjahr in der Region. „Zum einen war das Wetter ein Flop, der Mai war total verregnet“, sagt Kunz. Kurzfristige Wochenendreisen seien immer wieder abgesagt worden, sagt auch Hotelmanager Dario Tolksdorf.
Konkurrenz aus der Landeshauptstadt
Zweitens sei das erste touristische Halbjahr in Ludwigsburg traditionell von Geschäftsreisenden geprägt, die jedoch immer weniger werden. „Während Firmen ihre Mitarbeiter früher zwei oder drei Nächte auf eine Fortbildung oder einen Kongress geschickt haben, ist es heute häufig nur noch eine Nacht.“ Dass Unternehmen aktuell sparen, merkt also auch die Tourismusbranche. Ein dritter Grund für die vergleichsweise schlechten Zahlen findet sich in Stuttgart. Laut Tourismusexperte Kunz habe die Hotellerie der Landeshauptstadt im vergangenen Jahr ordentlich Betten aufgestockt. Im Oktober 2023 eröffnete beispielsweise das Hotel Rioca mit 152 Zimmern, im November folgte das auffällige Radisson Blu im Porsche Tower am Pragsattel mit 168 Zimmern und Tagungsräumen. Im Mai dieses Jahres folgte dann das Ruby Hotel in bester Stuttgarter Innenstadtlage. Und damit nicht genug: Weitere tausend Betten sollen in den kommenden zwei Jahren folgen.
„Unsere Hotelbetreiber spüren diese neue Konkurrenz“, sagt Kunz – beispielsweise während großer Messen wie der CMT. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten hätten viele Aussteller und Besucher in Ludwigsburg übernachtet, das sei wegen der neuen Konkurrenz jedoch rückläufig. Zudem löse der Stuttgarter Hotel-Boom einen Preiskampf in der ganzen Region aus, sagt Kunz.
Die Branche steckt jedoch nicht den Kopf in den Sand, es gebe viele Gründe zur Zuversicht. Laut Kunz verzeichnet die Stadt Ludwigsburg im ersten Halbjahr beispielsweise einen großen Zuwachs an Gästen aus Italien – plus 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr – und aus Spanien – plus 25 Prozent.
Zudem seien die Radwege im Landkreis zurzeit stark nachgefragt, sagt Landratsamt-Sprecherin Franziska Schuster. „Auch die Steillagen-App als smarter Begleiter für Ausflüge in die terrassierten Weinsteillagen und die Dachmarke „Echt.Schön.Schräg.“ werden positiv wahrgenommen.“ Das Jahr sei noch nicht verloren, die Hoffnung ruht auf dem Herbst, so die Botschaft.
Die Attraktivität der Stadt, der Steillagen und der Landschaft sei jedenfalls gegeben, sagt Hotel-Direktor Dario Tolksdorf. Man sei zwar ein kleiner, ausgewählter Markt, könne aber gleichzeitig Freizeittouristen und Geschäftsreisende anziehen. Die Tourismusregion müsse sich nicht verstecken, es gebe viel Potenzial, sagt Tolksdorf – das man mit mehr Marketing auch besser heben könnte.
Die Tourismuszahlen für Baden-Württemberg
Das Land
Der Tourismus in Baden-Württemberg verzeichnete laut Statistischen Landesamt in den ersten sechs Monaten 2024 insgesamt 10,8 Millionen Ankünfte sowie 26,8 Millionen Übernachtungen. Das entspricht einem Zuwachs gegenüber den bereits sehr starken Vorjahreswerten von 4,5 Prozent bei den Ankünften und 3,5 Prozent bei den Übernachtungen. Auch im Vergleich zum starken Jahr 2019 sind die Übernachtungen um 3,8 Prozent gestiegen.
Die Regionen
Die Region Stuttgart ist einer der Erfolgsgaranten im Land. Hier stiegen die Übernachtungen im Vergleich zum ersten Halbjahr 2023 um 11,3 Prozent an, auch weil die Zahl der ausländischen Gäste wegen der EM um 14,3 Prozent anstieg. Weitere Gewinnerregionen im bisherigen Jahr sind der Nordschwarzwald, Allgäu-Oberschwaben und der Hegau.