Allein 2018 stachen über 5,3 Millionen Reisende von Miami aus in See. Foto: prz

In Florida befinden sich die größten Kreuzfahrthäfen der Welt. Die lokale Wirtschaft und die Tourismusindustrie feiern das stetige Wachstum. Umweltschützer sind wenig begeistert.

Miami - Wenn der Alkohol kommt, ist das ein sicheres Zeichen: Bald wird der Anker gelichtet. Bis dahin muss die „Enchantment of the Seas“ nicht nur alle Passagiere und deren Gepäck an Bord haben, sondern auch den Treibstoff, der Karibik-Urlauber in Gang bringt: Budweiser, Corona, Jim Beam. Im Minutentakt schieben Gabelstapler neue Paletten in den Bauch des Kreuzfahrtschiffes, das so groß ist wie eine Kleinstadt: 300 Meter lang, elf Decks, Platz für fast 2500 Passagiere.

Mit diesen Maßen ist das Schiff noch vergleichsweise klein. Am Port Miami, dem größten Kreuzfahrthafen der Welt, knacken viele Schiffe die 4000-Passagier-Marke. Allein im vergangenen Jahr stachen über 5,3 Millionen Reisende von Miami aus in See. Gleich danach folgten Port Canaveral (4,5 Millionen Passagiere) und Port Everglades (3,9 Millionen), beide ebenfalls in Florida gelegen. Selbst für die vom Erfolg verwöhnte Kreuzfahrtbranche stechen solche Zahlen heraus.

In den Häfen selbst bedeutet der Boom vor allem eins: Arbeit. Wie von Geisterhand gesteuert wandern Hunderte von Mitarbeitern von A nach B, verladen Gepäck, entleeren Container, putzen Bullaugen, kontrollieren Bordkarten. Jeden Morgen rückt in Miami eine ganze Lkw-Kolonne an, um Abfall und Fäkalien zu entsorgen – eine eigene Kläranlage, wie in Europa mancherorts schon üblich, gibt es am größten Kreuzfahrthafen der Welt bislang nicht.

Nirgendwo stechen mehr Passagiere in See als in Miami

Richard de Villiers kennt diesen Mikrokosmos seit Jahrzehnten. Der 48-Jährige arbeitet heute im höheren Management des Hafens – 1986 fing er für 5,50 Dollar pro Stunde im Servicebereich an. „Ich habe Beschwerden über verloren gegangenes Gepäck entgegengenommen“, erzählt de Villiers. Nicht gerade der dankbarste Job sei das gewesen, aber ein lehrreicher Einstieg. Dass Miami heute auf Platz eins bei den Passagierzahlen steht, führt de Villiers auf drei Faktoren zurück: die Nähe zur Karibik, die Anbindung an den Flughafen und den Standortfaktor (mehrere große Kreuzfahrtlinien haben ihren Sitz in Miami).

„Wenn wir ehrlich sind, gehört auch Glück dazu“, meint de Villiers. Noch in den 60er Jahren war Miami derart pleite, dass die Stadt den Hafen an den Landkreis verkaufte. Ihm gehört das Gelände bis heute, wobei längst die gesamte Region an einem Strang zieht, um den maritimen Wirtschaftsmotor in Gang zu halten. 2014 wurde ein neuer Autotunnel eröffnet, durch den die staugeplagte Innenstadt entlastet werden soll. Kostenpunkt: eine Milliarde US-Dollar (umgerechnet knapp 876 Millionen Euro). Darüber hinaus sollen zu den bestehenden sieben Terminals nach und nach weitere hinzukommen. Der neueste wird gerade für 247 Millionen Dollar (rund 216 Millionen Euro) von Royal Carribean gebaut.

Umweltschützer machen Ausbau des Hafens für Korallensterben verantwortlich

Nach dem Flughafen ist der Hafen der wichtigste Wirtschaftsfaktor der Region. Doch was für die Wirtschaft gut ist, macht der Natur noch lange keine Freude. 2014 kam es zu einem massiven Korallensterben vor der Küste Miamis. Eine Studie, an der Wissenschaftler der US-Meeresschutzbehörde NOAA gearbeitet hatten, benannte den Hafen als Verursacher. Genauer gesagt: die Vertiefung des Zufahrtskanals, durch die der Meeresboden über zwei Jahre hinweg aufgewirbelt worden war.

Auch die Kreuzfahrtunternehmen agieren nicht immer so umweltbewusst, wie sie es in ihren Hochglanzbroschüren behaupten. 2016 wurde das Unternehmen Princess Cruise Lines von einem Gericht in Miami zu einer Strafe von 40 Millionen Dollar verurteilt. Die Schiffe hatten mit Öl verunreinigtes Wasser illegal im Meer entsorgt und Berichte gefälscht.

„Wir haben seit 1970 über 80 Prozent unserer Korallen verloren“, sagt Rachel Silverstein, Direktorin der Umweltorganisation Miami Waterkeeper. Der Schlamm und die kontaminierte Erde, die beim Hafenausbau entstanden seien, hätten viele Korallen regelrecht begraben. „Dabei ist dieses Riff nicht nur extrem wichtig für unser Ökosystem, sondern auch ein großer Wirtschaftsfaktor“, betont Silverstein. Immerhin kämen viele Touristen nach Florida, um eine intakte Natur vorzufinden. „Die Leute wollen surfen, tauchen, schwimmen. Sie wollen und brauchen ein lebendes Ökosystem.“

Allein in Port Everglades werden derzeit 374 Millionen Euro verbaut

In den betreffenden Häfen wiegeln die Verantwortlichen ab. „Wir geben zehn Prozent unseres gesamten Baubudgets für Umweltschutz aus“, sagt Richard de Villiers. Die „Sache mit den Korallen“ sei traurig, aber vielleicht auch auf andere Faktoren zurückzuführen, zum Beispiel auf den Anstieg der Meerestemperatur.

Während Miami seine Vertiefung schon hinter sich hat, steht dies anderswo in Florida noch bevor. Längst haben auch die Wettbewerber angekündigt, nachziehen zu wollen: mehr Terminals, mehr Schiffe, mehr Passagiere. So plant Port Everglades ein eigenes Bauprojekt für 374 Millionen Dollar (knapp 304 Millionen Euro). Rachel Silverstein schwant nichts Gutes. „Wir müssen endlich aus unseren Fehlern lernen“, sagt die Umweltschützerin. „Es kann nicht sein, dass sogar staatliche Behörden vor den Folgen solcher Bauarbeiten warnen und sie trotzdem einfach so durchgezogen werden.“ Wer am Ende recht behält, ist offen. Fest steht nur: Die Kreuzfahrtbranche wächst weiter. 2018 rechnet sie mit einem neuen Passagierrekord.

Der Kreuzfahrthafen von Miami

Wirtschaft: In Florida schafft die Kreuzfahrt-Industrie laut Branchenverband CLIA knapp 150 000 Jobs. Je nach Rechenart sind es sogar noch mehr. So nimmt allein der Hafen von Miami für sich in Anspruch, für den Erhalt von 324 000 Arbeitsplätzen verantwortlich zu sein, worunter aber auch Branchen gefasst werden, die nur indirekt am Hafen hängen.

Sicherheit: Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 sind die Sicherheitsvorkehrungen verschärft worden. Die Polizei patrouilliert mit Spürhunden auf dem Gelände und hält Ausschau nach Schmugglern und illegalen Einwanderern. Fast alle Ecken des riesigen Geländes sind kameraüberwacht.

Einblick: Wer den größten Kreuzfahrthafen der Welt erleben möchte, muss dafür nicht nach Miami reisen. Per Webcam kann man das Gelände in Echtzeit beobachten.

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