Dem Tourismus im eigenen Land geht es so gut wie nie zuvor. Gäste kommen in großer Zahl.

Die Wirtschaftskrise ist vorüber. Und mit ihr das Gerede, welche Auswirkungen sie auf den Tourismus haben würde. Dazu gehört die Vermutung, dass der Deutschland-Tourismus zu den kurzfristigen Gewinnern der wirtschaftlichen Talfahrt gehören könnte: weil die Deutschen, wenn’s schlechtgeht, lieber im eigenen Lande bleiben und, wenn überhaupt, im Allgäu ihren Urlaub verbringen. Die Deutschen haben sich in ihrem Urlaubsverhalten kaum von der Wirtschaftskrise beeinflussen lassen: So wie der Anteil von Inlands- und Auslandsreisen ungefähr gleich blieb, veränderte sich die Gesamtzahl der Deutschen, die in Deutschland Ferien machen, nur unwesentlich. Weggeblieben sind nur die Ausländer: Rund zehn Prozent kamen im Krisenjahr 2009 weniger nach Deutschland, mehr als zwölf Prozent betrug der Zuwachs 2010. Am Ende der Krise steht der Deutschland-Tourismus besser da denn je.

Die Regeneration des Reiseziels Deutschland ist nachhaltig und eindrücklich an der Bilanz der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (Fur) abzulesen: Die untersucht seit 1970 jährlich das Reiseverhalten der Deutschen und vermeldete mit schöner Regelmäßigkeit einen weiteren Rückgang der Deutschland-Quote bei den Deutschen. Von knapp 50 Prozent zu Beginn der Untersuchung war der Anteil derer, die Urlaub im eigenen Lande machen, auf 29 Prozent im Jahre 1999 gesunken.

Seither ist der Anteil stabil, sogar wieder leicht gestiegen. Zuletzt machten 32,5 Prozent der Deutschen Urlaub in Deutschland. Was kaum einer für möglich gehalten hätte, ist nach der Jahrhundertwende eingetreten: Der Abwärtstrend bei den Haupturlaubsreisen wurde gestoppt und die Zahl der Kurzreisen im Inland gesteigert. Ein Erfolg, der nach Meinung von Martin Lohmann, Tourismusforscher und Fur-Mitglied, nicht von ungefähr kommt: "Die Qualität ist besser geworden." Zahlreiche Hotels, Ferienwohnungen oder Campingplätze hätten den Muff der siebziger Jahre abgelegt, attraktive neue Rad- und Wanderwege zu einer erheblichen Aufwertung des Angebots geführt.

Die großen Gewinner der letzten Jahre sind die Städte. Allen voran Berlin, das jährlich zweistellige Zuwachsraten einfährt: Mit knapp 16 Millionen Übernachtungen liegt es vor Flächenstaaten wie Sachsen und Thüringen und hat mit über 40 Prozent den höchsten Anteil ausländischer Touristen überhaupt in Deutschland. Auch Hamburg boomt, Heidelberg, Karlsruhe oder Baden-Baden: Der Kurztrip innerhalb von Deutschland und in die unmittelbare Umgebung ist so gefragt wie nie zuvor, und das könnte sich noch weiter verstärken: Die neue, ab 2011 gültige Luftverkehrssteuer wirkt sich vor allem auf die Billigfliegerei aus. Ryanair hat bereits angekündigt, 30 Prozent seiner Flüge in Deutschland zu streichen, viele davon Schnäppchenverbindungen ins europäische Ausland.

Haben die touristischen Schwergewichte Baden-Württemberg und Bayern die Rückgänge wegen der Wirtschaftskrise weitgehend wettmachen können, so bleiben vor allem die neuen Länder auf ihren Verlusten sitzen. Nach Jahren des ungebremsten Wachstums musste der Branchen-Primus Mecklenburg-Vorpommern 2010 ein bundesweites Rekordminus von drei Prozent hinnehmen. "Eine natürliche Grenze der Entwicklung", sagt Experte Lohmann, wohingegen Karl Born, ehemaliger Tui-Manager und Tourismusforscher aus Wernigerode, das Potenzial der neuen Länder nicht ausgeschöpft sieht: "Viele Ausländer kennen die Städte im Osten Deutschlands nicht." Mit knapp zehn Prozent liegt der Anteil ausländischer Übernachtungen in den neuen Ländern klar unter dem bundesweiten Durchschnitt von 16 Prozent.

Zuständig für die Auslandswerbung ist die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT). Die setzt 2011 ganz auf Wellness- und Gesundheitstourismus. In einer großangelegten Kampagne sollen Heilbäder, Wellnesshotels und Kliniken beworben werden. Eine richtige Entscheidung, wie Born findet. Wellness ist immer noch ein Trend und das Angebot vielfältiger geworden: Zu den klassischen Verwöhneinheiten kommen Aktivangebote, Naturerlebnisse, Balance- und Selfnesskonzepte, die auf den ganzen Menschen statt auf einzelne Körperpartien zielen. Ein anderer Trend der letzten Jahre scheint hingegen zum Auslaufmodell zu werden: Vorbei die Zeiten, als jedes Wochenende ein neuer Nordic-Walking-Park eröffnet wurde und alte Trimm-dich-Pfade reihenweise zu Nordic-Fitness-Trails mutierten. "Eine Modeerscheinung", nennt Lohmann das Gehen mit den Stöcken, während Born nicht einmal ausschließen will, dass in zehn Jahren überhaupt keiner mehr von Nordic Walking spricht.

Gute Chancen räumt Karl Born all jenen ein, die den klassischen Deutschland-Tourismus mit Erlebnisangeboten auffrischen: Die Zeit staubtrockener Kulturführungen und "Bitte nicht berühren"-Schilder in den Museen ist vorbei. Wer die Leute für sich gewinnen will, lässt sie mitmachen und möglichst viel anfassen: "Vieles ist noch viel zu langweilig, da gibt es Nachholbedarf."

Sowohl Born als auch Lohmann warnen davor, den demografischen Wandel als selbstverständlichen Erfolgsfaktor für den Deutschland-Tourismus zu betrachten. Zwar sind nahe Ziele im höheren Lebensalter tendenziell gefragter, doch lassen sich heutige und künftige Generationen nicht mehr mit den Rentnern vor 20 Jahren vergleichen: Wer ein ganzes Leben lang in den Urlaub geflogen ist, tut das auch im Alter so lange es nur eben geht. "Deutschland profitiert von der alternden Gesellschaft nur dann," so Born, "wenn auch die Leistung stimmt."

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