Der Torturm ist ein Wahrzeichen der Schillerstadt Marbach (Kreis Ludwigsburg). Der touristische Geheimtipp droht aber nun zeitweise auszufallen.
Der Obere Torturm gehört zu Marbach wie Schiller auf den Sockel. Seit Jahrzehnten ist er fester Bestandteil des Stadtbildes, ein markantes Wahrzeichen, das sich über der Marktstraße erhebt und Besucher wie Einheimische gleichermaßen anzieht. Doch wie steht es heute um die touristische Nutzung des historischen Turms – und vor allem: Bekommt das Denkmal genügend Aufmerksamkeit?
Lange Zeit war der Zugang denkbar unkompliziert. Wer den Turm besteigen wollte, holte sich den Schlüssel kurzerhand in der Eisdiele gegenüber ab – ein niederschwelliger Modus, der sich bewährt hatte. Mit dem Wegzug der Gelateria-Betreiber nach Benningen ist diese Praxis nun jedoch ins Wanken geraten.
Es gibt aber noch eine zweite Stütze: „Zum Glück hat die Buchhandlung Taube schon seit langer Zeit einen Schlüssel“, sagt Julia Essig-Grabnar, Geschäftsführerin der Tourismusgemeinschaft Marbach-Bottwartal. In der Taube könne der Schlüssel während der Öffnungszeiten weiterhin ausgeliehen werden, ein Pfand in Form eines Ausweisdokuments genüge.
Schlüssel an Fremde – das ist ein Vertrauensvorschuss
Den Schlüssel unverändert an Fremde auszugeben, ist nicht selbstverständlich. „Es bedeutet immer einen Vertrauensvorschuss“, betont Julia Essig-Grabnar, auch wenn es bislang keinerlei Vandalismus gab. Kontrollgänge morgens und abends sicherten ab, dass im Turm alles in Ordnung bleibe.
Die Zahlen zeigen, dass der Turm durchaus gefragt ist: 282 Entleihvorgänge verzeichnete allein die Buchhandlung Taube zwischen April und Oktober diesen Jahres. Da die Eisdiele den Besuch nie statistisch erfasst hat, schätzt die Stadt das Aufkommen auf ein zusätzliches Drittel. Für ein kleines Bauwerk wie den Torturm ist ein jährlicher Schnitt von etwa 400 Gästen beachtlich – und zugleich ein Hinweis darauf, dass hier kein Massentourismus stattfinden muss, um ein authentisches Erlebnis zu bieten. Denn genau das macht die Attraktion aus: Stille, Individualität, Niederschwelligkeit – und freier Eintritt.
Wer sich auf eigene Faust auf die fünf Stockwerke wagt, wird reich belohnt: Stadtgeschichte auf mehreren Ebenen, Anekdoten aus vergangenen Jahrhunderten, Einblicke in prominente Besuche – etwa den der Queen im Jahr 1965 –, zwei Videos, ein Blick hinter das historische Ziffernblatt und schließlich der atemberaubende Ausblick auf Altstadt, Neckartal und Schillerhöhe. Vom kleinen Balkon hoch über der Marktstraße schweift der Blick weit, und nur Schwindelfreie wagen es, sich nah an das Geländer zu stellen.
Doch die Frage nach der Zukunft drängt. Erst 2024 waren die Wochenenden wieder durchgängig mit Personal besetzt gewesen – ein Service, den viele Gäste schätzten. In dieser Saison war das aufgrund der Haushaltslage nicht möglich. „Mehr betreute Öffnungszeiten wären wünschenswert“, sagt Julia Essig-Grabnar mit Blick auf den Saisonbeginn im kommenden Frühjahr. Rückfragen zur Ausstellung, Hinweise auf weitere Sehenswürdigkeiten oder einfach ein freundlicher Ansprechpartner an der Schwelle des Wahrzeichens – all das entfällt, wenn der Zugang ausschließlich unbegleitet möglich ist.
Der Torturm hat mit dem Museumsquartier Potenzial
Veranstaltungen finden zwar statt – Trauungen, vereinzelt Vereinsnutzungen –, doch der steile Aufstieg und die begrenzten Räume setzen Grenzen. Von steigenden Nutzungszahlen kann keine Rede sein. Auch neue Projekte sind derzeit nicht absehbar. Finanzielle Spielräume fehlen. Dabei hätte der Torturm Potenzial: Als Teil des Museumsquartiers könnte er um wechselnde Ausstellungsbereiche erweitert werden, als authentischer Museumsraum noch stärker ins städtische Kulturangebot eingebunden werden.
Viel spricht dafür, dass der Obere Torturm mehr Betreuung verdient hätte – nicht, um mehr Besucher anzulocken, sondern um das Erlebnis zu vertiefen. Denn das Wahrzeichen ist kein Massenmagnet, sondern ein „Geheimtipp“, wie es die Stadtverwaltung selbst ausdrückt. Eines dieser Kleinode, das gerade dadurch glänzt, dass man es entdecken darf. Und vielleicht ist es das, was den Marbacher Torturm ausmacht: ein Ort, der Ruhe belohnt und Neugier schätzt – und der dennoch etwas mehr Fürsorge gebrauchen könnte.