Idylle pur: Der in Blau gekleidete Gewässerführer Clemens Luber zeigt Besuchern die auf 1,1 Kilometern renaturierte Rems.Foto:Stoppel Foto:  

Wo im vergangenen Jahr noch Bagger und Lastwagen zugange waren, fühlen sich nun Tiere und Pflanzen wohl. Ein Rundgang mit dem Gewässerführer Clemens Luber zwischen Winterbach und Remshalden

Winterbach - Die Idylle beginnt gleich hinter der Kläranlage. Kaum hat der Gewässerführer Clemens Luber seine Besucher um das abgezäunte Grundstück herumgeführt, steht die kleine Truppe da und staunt. Rechts und links Wiesen und Felder, dazwischen macht sich die Rems breit. Und zwar gewaltig: Bis zu 90 Meter darf sich der Fluss auf einer Länge von gut einem Kilometer zwischen Winterbach und Remshalden ausdehnen. Darf hier kleine Inselchen auftürmen und dort an der Uferzone Material abknabbern. Blauschillernde Libellen schweben über dem Wasser, das an manchen Stellen hörbar plätschert und der Rems, die sonst überwiegend in einem vom Menschen verordneten Korsett träge dahinfließt, einen ganz anderen Charakter gibt.

„Dieses bewegte Wasser brauchen manche Tiere dringend, zum Beispiel die Wasseramsel, die an flachen Stellen auf Beutefang geht. Als einziger Singvogel taucht und läuft sie unter Wasser“, erklärt Clemens Luber den Teilnehmern der Führung. Seit dem vergangenen Herbst dürfen er und 23 weitere Frauen und Männer sich nach einer Schulung Gewässerführer nennen und Besuchern die Augen für den Fluss und seine Be- und Anwohner öffnen. Der Eisvogel mit seinem bunten Gefieder gehört dazu, aber auch die unscheinbare Eintagsfliegenlarve, von der sich viele Fische ernähren.

Auch der Biobauer musste Land abtreten

Der Bereich zwischen Winterbach und Remshalden ist ein besonders interessantes Terrain, denn er ist erst im vergangenen Jahr für rund 3,5 Millionen Euro aufwendig renaturiert worden. Hier wurde fleißig gebaggert und gebuddelt, ein Teil des Remsdamms abgetragen und das Gelände neu modelliert. Rund 125 000 Kubikmeter Erde mussten bewegt werden. Ungefähr 8000 Kubikmeter Mutterboden wurden abgetragen und nach Manolz­weiler gebracht, wo der wertvolle Boden auf Feldern verteilt wurde.

„Auch ich habe so rund 1,5 Hektar bestes Ackerland, das 40 Jahre biologisch bewirtschaftet worden ist, verloren“, sagt Clemens Luber. Bedauerlich für den Biobauern vom Engelberg, der jedoch sagt: „Die Fläche ist weg, aber immerhin für eine Renaturierungsmaßnahme. Das ist besser, als wenn zum Beispiel eine Messe darauf gebaut werden würde.“ Fleißig gebaut hätten die Menschen an der Rems schon seit langer Zeit, sagt Clemens Luber: Bereits im Mittelalter wurden Wehre gebaut, um Mühlen zu betreiben und den Fluss für die Scheitholzflößerei zu nutzen. Die erste Begradigung im großen Stil sei man ab 1928 angegangen, berichtet der 51-Jährige. Im Zuge der Notstandsgesetze konnten sich Helfer melden und mit anpacken. „Sie haben 17 Pfennig pro Stunde dafür bekommen.“

Rems hat 20 Kilometer eingebüßt

„Schätzen Sie mal, wie lang die Rems in den 1950er-Jahren vor einer weiteren Begradigung war“, fordert Clemens Luber die Teilnehmer auf – und verrät dann, dass der Fluss damals stattliche 20 Kilometer länger war. Erstaunlich auch, wie hoch der Anteil an Wasser aus Kläranlagen ist. „50 bis 60 Prozent bestehen aus geklärtem Abwasser, im vergangenen Jahr bei Niedrigwasser waren es sogar mehr als 60 Prozent“, berichtet Clemens Luber und sagt, man könne heilfroh sein, dass es Kläranlagen gebe: „Zeitzeugen erzählen, dass die Rems in den 1960er-Jahren jeden Tag eine andere Farbe hatte.“ Seitdem habe sich viel getan, ein wichtiger Schritt sei die 2000 verabschiedete Europäische Wasserrahmenrichtlinie gewesen, die den ökologischen Zustand der Gewässer und beispielsweise ihre Durchgängigkeit für Fische verbessern soll. Der europäische Aal etwa muss zur Fortpflanzung in den Atlantik gelangen, scheitert aber an Wehren und Schleusen und ist inzwischen vom Aussterben bedroht. „Das ist ein Fisch, der es dringend nötig hat, dass man ihm wieder eine Heimat gibt.“

Fürsprecher der Rems

Fortbildung:
Gewässerführer werden seit dem Jahr 2002 ausgebildet, es gibt mittlerweile mehr als 100 dieser Führer im Land. Sie sind abgesehen vom Remstal auch im Raum Freiburg, am Neckar, am Rhein, am Fluss Alb, an der Brenz und der schwäbischen Donau aktiv. Derzeit werden neue Führer für den Bereich Wutach und Quellregion Donau ausgebildet.

Führungen:
Im Auftrag des Umweltministeriums sind 2018 24 Gewässerführerinnen und -führer an der Rems ausgebildet worden. Sie bieten während der Gartenschau und danach Geländeführungen an, auf Anfrage sind auch Vereins- und Betriebsführungen sowie Touren mit Schulklassen und Kindergärten möglich. Vorsitzender des Vereins der Gewässerführer ist Udo Keppler (0 71 51/ 994 74 94).

Renaturierung:
Clemens Lubers nächste Touren an der Remsrenaturierung sind am 8. und 22. September jeweils um 14 Uhr. Für Kinder ab sieben Jahren bietet er das Thema „Entdecke den Lehenbach“ am 10. und 24. August an. Anmeldung per E-Mail an bauer-luber@gmx.de.

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