Brigitte Kunath Scheffold (l.) führt Werner Wölfle (2. v. r.) durch den Bezirk. Foto: Sägesser

Der Bürgermeister Werner Wölfle ist jüngst durch Degerloch spaziert. Er hat das Kinderhaus, das Hospiz und das Jugendhaus besucht.

Degerloch - In Degerloch ist die Welt in Ordnung. Das dürfte der Eindruck gewesen sein, den der Bürgermeister von seinem Spaziergang in dem Bezirk unterm Fernsehturm mit ins Rathaus genommen hat. Keine Klagen, keine Sorgen, keine Nöte, dafür jede Menge warme Worte fürs gute Degerlocher Miteinander.

Dass der Rundgang mit dem Stuttgarter Verwaltungschef Werner Wölfle so verlaufen würde, galt indes nicht von vornherein als ausgemacht. Immerhin waren zwei der drei besuchten Stationen solche, die gemeinhin eher mit Unglück denn mit Glück verbunden werden.

Die Gruppe um Wölfle und die Bezirksvorsteherin Brigitte Kunath-Scheffold hat ihre Tour am vergangenen Dienstag im Kinderhaus Degerloch begonnen, war anschließend beim katholischen Hospiz Sankt Martin zu Besuch, um nach mehr als zwei Stunden den Schlusspunkt im Jugendhaus Helene P. zu setzen. Dass Wölfle in Degerloch war, hatte keinen besonderen Anlass. Der Verwaltungsbürgermeister hat sich auferlegt, den Stuttgarter Stadtbezirken im Abstand von zwei Jahren seine Aufwartung zu machen.

Kinder, die nicht mehr zu Haue leben wollen oder können

Im Kinderhaus hat Martin Ortelt die Gäste begrüßt. Er leitet die Einrichtung, die im älteren Sprachgebrauch Kinderheim heißen würde. Sprich, in dem hübschen Altbau an der Jahnstraße leben 18 Kinder und Jugendliche, die nicht mehr zu Hause bleiben konnten oder wollten. An sich also eine traurige Angelegenheit.

Wölfle und sein Gefolge zeigten sich beeindruckt von dem aufgeräumten, sauberen und gemütlichen Haus. „Wir haben hier kaum Vandalismus“, sagte der Leiter Ortelt. Und auch sonst „kann ich mich nicht beklagen“. Blieb für den Bürgermeister die Frage: „Wo sind denn jetzt alle?“ Denn diejenigen, für die das Kinderhaus Herberge ist, waren offensichtlich allesamt ausgeflogen. Oder aber sie hatten die Zimmertür hinter sich zugezogen.

Zur nächsten Station hatten es die Spaziergänger nicht weit. Einmal die Reutlinger Straße gequert – und schon wartete eine freundliche Angelika Daiker, um dem Bürgermeister und den anderen ihre Wirkungsstätte zu zeigen. Für die Besucher war die Stunde im katholischen Hospiz ein Ausflug in eine andere Welt. Der Autolärm der Jahnstraße war vergessen, die Alltagssorgen wahrscheinlich auch. Wer die Tür des im Januar 2007 eingeweihten Sterbehauses öffnet und die Stimmung auf sich wirken lässt, der spürt die Besinnlichkeit und Besonderheit des Orts.

Die Degerlocher fürchten sich nicht vor dem Hospiz

„Es ist für mich ein großes Glück, dass wir in Degerloch so gut integriert sind“, sagte die Hospiz-Leiterin Angelika Daiker. So ein Satz lässt sich in diesem Fall nicht einfach so dahin sagen, dahinter steckt mehr. Angelika Daiker wollte sagen: Die Leute machen keinen Bogen um das Gebäude, weil sie sich vor dem Tod fürchten. „Die Menschen nehmen Anteil“, berichtete sie. Im Fenster steht eine Kerze, die immer dann angezündet wird, wenn jemand stirbt. Und sie brennt so lange, bis der Bestatter den Toten abgeholt hat.

Nachdem Werner Wölfle und seine Begleiter ein paar Minuten in der hauseigenen Kapelle verweilt haben, etwas über die verschiedenen Trauergruppen und das ehrenamtliche Engagement erfahren und Angelika Daiker ihre Anerkennung ausgesprochen haben, ist die Karawane weitergezogen. Um zum Kinder- und Jugendhaus Helene P. zu gelangen, waren etwas mehr als ein paar Schritte nötig. So hatten die Spaziergänger aber auch die Gelegenheit, das bisher Erlebte sacken zu lassen.

Terje Lange, der Hausleiter, hat sich sodann hinter die Bar gestellt, dem Bürgermeister ein Bier aufgemacht und in der kurzen Zeit, die Wölfle noch übrig hatte, die wichtigsten Eckpunkte angerissen – während Jugendliche nebenan für ein Zirkusprojekt geübt haben. Lange hat vom Biobrunch geschwärmt, den es im Helene P. sonntags gibt, von einer Rave-Party, die hier neulich gestiegen ist, und der Hausleiter hat gesagt, dass ihm die Zivis fehlen.

Ha, also doch eine klitzekleine Sorge im ansonsten so idyllischen Degerloch. Trotzdem wird der Stadtbezirk dem Bürgermeister mutmaßlich als einer im Gedächtnis bleiben, in dem es kaum Klagen gibt, in dem die Bezirksvorsteherin den Jugendhausleiter duzt und die Hospizleiterin zum Abschied umarmt.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: