Kreuze? Betonpfosten von Straflagern? Foto: Gottfried Stoppel

Auf der Tour von Bietigheim nach Waiblingen braucht es schon einen festen Willen, wenn man sich spontan zu tiefschürfenden Gedanken anregen lassen will. Aber es geht. Und der Bittenfelder Besinnungsweg animiert schließlich mit Kunst und tiefsinnigen Texten, über die Grundfragen des Lebens zu philosophieren.

Bietigheim-Bissingen/Waiblingen - Eine Tour zur inneren Einkehr? Nun ja, zum Ende hin schon, wenn man die Mühe nicht scheut, dem acht Kilometer langen Bittenfelder Besinnungsweg zu folgen. Abgesehen davon allerdings muss man sich am Bahnhof in Bietigheim-Bissingen (Kreis Ludwigsburg) schon mit dem festen Vorsatz zur Versenkung auf den Weg nach Waiblingen machen, um schon vorher einen kontemplativen Geisteszustand zu erreichen. Denn zunächst findet der Radler wenig Anlass, in sich zu gehen. Es sei denn, er ist bereit, vielleicht im Hinblick auf den Kirchentag, Erbauung auch aus anderen als künstlerischen oder sakralen Quellen zu schöpfen.

Zunächst aber gilt es, den Weg aus Bietigheim hinauszufinden: am Bahnhof über die Gleise, dann die Freiberger Straße entlang stadtauswärts bis zum Hotel Alka, dahinter nach links in einen Feldweg der passenderweise Im Feldle heißt. Man verlässt ihn gleich wieder nach rechts, um am Waldrand entlangzuradeln vorbei an dem Hemdenhersteller Olymp, der trotz seines Namens so gar nichts Mythologisches hat.

Götter und Planeten

Dahinter heißt es aufpassen, damit man nicht an der falschen Stelle nach rechts abbiegt. Ist man, um es passend auszudrücken, auf dem rechten Weg, findet man, kaum dass man sich nun auf der bis dahin weitgehend ebenen Strecke halbwegs warmgestrampelt hat, noch vor dem Schloss Monrepos am Wilhemshof tatsächlich Kunst und und eine Art Bildstöckchen: Metallskulpturen und Plastiken, die den sogenannten Planetenweg markieren.

Schüler hatten die Idee dazu, er bildet das Sonnensystem nach und stellt mythologische Beziehungen zur Welt der antiken Götter her. Die Skulpturen sind nicht nur hübsch anzuschauen und mit Informationen etwa über die Größe des jeweiligen Himmelskörpers und seinen Abstand zur zur Sonne angereichert. Wenn man sich darauf einlässt, regen sie den Betrachter an, darüber nachzudenken, wie klein der Mensch doch ist angesichts der Weite des Weltalls. Oder über skulpturale Ästhetik und die kulturtheoretische Frage, welchen Sinn Kunst in der freien Landschaft haben kann.

Neue Quellen der Inspiration

Sonst aber findet sich auf der weiteren Strecke über Hoheneck an den Neckar und am Ufer entlang bis Hochberg, schließlich über Bittenfeld, Schwaikheim und Hohenacker bis zum Waiblinger Bahnhof nicht gar zu vieles, das den Geist beflügelt. Natürlich hat jedes Dorf an der Strecke eine Kirche und einen Friedhof, wer also partout klassische Kristallisationspunkte für spirituelle Gefühle braucht, wird fündig. Wer sich aber von derlei Prägungen frei macht, der entdeckt ganz neue Quellen geistiger Inspiration.

Ganz wörtlich kann man das am Schloss Monrepos nehmen, wird dort doch Wein verkauft. Wenn es stimmt, dass darin die Wahrheit liegt, so verspricht es erhellende Einsichten, wenn man ihn gleich im Schlosspark unter den alten Kastanien genießt. Angesichts des Ensembles aus Gemäuer, Garten und See hat man die beste Gelegenheit, über die Schönheit repräsentativer Architektur zu sinnieren oder über die Vergänglichkeit von Macht und Pracht.

Golfer ziehn über das Green

Der schwäbische Grübler könnte kurz darauf am Golfplatz, den die Tour streift, darüber philosophieren, wie schwäbisch es ist, dass dort am helllichten Werktag zahllose Golfer gemächlich über das Green ziehn. Den Freidenker gemahnt der Blick auf den Hohenasperg in der Ferne, dass die Gedanken keineswegs immer frei waren. Dem Kunstfreund drängen sich später zwischen Hoheneck und Neckarweihingen Gedanken über die kühle Ästhetik von Umspannwerken und Hochspannungsleitungen auf, den Sinnsucher erinnern Schrotthaufen am Neckarufer an die Nichtigkeit aller vom Menschen geschaffenen Dinge, und das strömende Wasser des Flusses lehrt den Philosophen, etwa beim Blick vom Aussichtsturm in den Ludwigsburger Zugwiesen, dass alles fließt. Inspiration für Tiefsinn gibt es zuhauf – aber man muss schon sehr bereit sein, sie wahrzunehmen.

Ganz anders ist das auf dem Besinnungsweg zwischen Bittenfeld und dem Weiler Siegelhausen. Der Rundkurs beginnt an der evangelischen Kirche und hat zwölf Stationen, die Titel tragen wie „Raum und Zeit“, „Freiheit“, oder „Grenzen“. Sein Ziel ist, durch die Verbindung von Natur, Kultur und Spiritualität den Wanderer zum Räsonieren anzuregen, wobei dem Denken nicht nur künstlerisch gestaltete Symbole auf die Sprünge helfen, sondern auch Texte historischen und erbaulichen Inhalts.

Die App weist den rechten Weg

Spätestens hier kommen alle Selbst-, Sinn- und Wahrheitssucher auf ihre Kosten, und sie steigen hoffentlich erbaut und klüger als zuvor in Waiblingen wieder in die Bahn. Für alle anderen war es halt nur eine Fahrradtour, bei der es, wie im richtigen Leben, nicht immer ganz leicht ist, auf dem rechten Weg zu bleiben. Mag im Leben Gott helfen, so hilft hier die VVS-App. Die Strecke ist, wenn man halbwegs fit ist, auch ohne Elektrorad zu schaffen – mit Strom­antrieb allerdings besinnt es sich leichter.

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