Den Erlachsee bei Denkendorf haben Mönche angelegt, heute brütet hier die Mönchsgrasmücke. Foto: Horst Rudel

Wasser und Wege (5): Rund um den Stuttgarter Flughafen gibt es erstaunliche Naturrefugien zu entdecken. Allerdings ist das Rendezvous mit Suse natürlich auch nicht zu verachten.

Filderstadt - Auf den Fildern gibt es eine Messe, einen Flughafen und jede Menge Filderkraut. Dass die örtlichen Tourismusstrategen nun eine Radwanderstrecke ausgetüftelt haben, die sie als Gewässertour vermarkten, mag im Anbetracht der Wasserarmut auf der Filder­ebene (Kreis Esslingen) überraschen. Und doch: Die Gewässertour führt an drei kleinen, teils idyllischen Seen und etlichen Bachläufen vorbei. Gebadet werden darf allerdings nicht. Wer die Strecke seinem Nachwuchs schmackhaft machen möchte, könnte sie alternativ unter dem Motto „Rund um den Flughafen“ anpreisen. Der wird auf dem 35,9 Kilometer langen Kurs umrundet.

Austreten zur Straßenbahn

Offiziell beginnt die Tour am Tüv im Gewerbegebiet von Filderstadt-Bernhausen. Ulli Schönthal vom Verkehrsverbund Stuttgart (VVS), der sich die Strecke schon mal aufs Smartphone heruntergeladen hat und so trotz teils fehlender Beschilderung ­sicher navigiert, empfiehlt die örtliche ­S-Bahn-Endstation als Startpunkt. Dort vermietet sein Arbeitgeber Pedelecs, aber die beiden Testfahrer haben das nicht nötig. Gemessen an den sonst üblichen Steigungen in der Region sind die Filder flach. Das Gesamtgefälle der Strecke beträgt 130 Meter. Nur wenn der Wind über die Felder pfeift, muss man aus dem Sattel. Wer nicht mehr kann, schert nach der Hälfte der Strecke zur U-Bahn-Haltestelle Plieningen aus. Eine weitere Chance zum Aufgeben ergibt sich im Industriegebiet Fasanenhof.

Vom Bahnhof geht es über die Martin­straße hinunter zum Fleinsbach und dann weiter in Richtung Sielmingen und ­Neuhausen. Während die Räder über eine Betonpiste ruckeln, wie sie auch in der ­Ex-DDR für Feldwege üblich war, reicht der Blick bis zu der Schwäbischen Alb und den Dreikaiserbergen. Dann rückt der sogenannte Filderdom ins Bild. In der angeblich größten Dorfkirche Europas gibt es zwei historische Orgeln zu bewundern.

Lärm ist die einzige Konstante

Auf der abwechslungsreichen Strecke ist der Lärm eine der wenigen Konstanten. Die sechsspurige Autobahn, die Großbaustelle zum Fildertunnel von Stuttgart 21 und der allgegenwärtige Flugverkehr übertönen die Traktoren, die immer noch in großer Zahl knatternd die Felder bestellen. Doch es gibt auch idyllische Flecken wie etwa den Erlachsee, den die Testradler in der Nähe von Denkendorf erreichen. Auch der ist übrigens ein Kunstprodukt. Im Jahr 1129 haben ihn Mönche angelegt, um für die Fastenzeit Karpfen zu züchten. Heute steht der See unter Naturschutz. Hier blühen gelbe Teichrosen, hier schwirren Libellen, hier brütet die Mönchsgrasmücke.

Auch der nächste See ist von Menschenhand gemacht. Nur wenige Meter vom Zaun entfernt, der die Südseite des Stuttgarter Flughafens sichert, ist ein Entwässerungsteich angelegt worden. Hier gibt es eine kleine Aussichtsplattform, von der aus das Flugfeld zu überblicken ist. Kurz vorher führt der Weg an einer Linde vorbei, die auch als Stumpf beeindruckt. All die Jahre war sie grün und vital geblieben, obwohl ein Blitzschlag vor 30 Jahren ihren Stamm ausgehöhlt hatte. Dass die Linde nun ein Torso ist, haben Unbekannte zu verantworten, die das Naturdenkmal im Januar 2015 abgefackelt haben.

Stopp in der Einflugschneise

Wenige Hundert Meter weiter ist Nervenkitzel garantiert, wenn der Weg unterhalb der Einflugschneise vorbeiführt und die Maschinen dicht über die Köpfe der Radler donnern. Weiter geht es auf der anderen Seite der Autobahn in Richtung Abfertigungshalle und Messe. Da naht die nächste Überraschung. Vor wenigen Jahren floss der Rennenbach noch schnurgerade und in Betonschalen in Richtung Längwieser See und galt als trostlosestes Fließgewässer auf den Fildern. Eine Renaturierung hat den Bach in ein mit Schilf umstandenes Naturidyll verwandelt. „Es ist schön bei uns auf den Fildern“, sagt ein hörbar aus Österreich zugewanderter Herr und steigt nach kurzer Rast auf sein Fahrrad. Das Messeparkhaus liegt in Sichtweite.

Durch die Obstbaumwiesen des Körschtals und ein kleines Waldstück am Rande vom Fasanenhof geht es weiter zur Baustelle des Fildertunnels, wo Bohrmeißel Suse an Wochenenden die Schaulustigen anlockt. Um die Ecke bietet sich die Chance zur Einkehr. Den dortigen Biergarten des homöopathischen Vereins hat gerade erst ein Asiate übernommen, der glücklicherweise von homöopathischen Dosen noch nie etwas gehört hat. Stattdessen gibt es „All you can eat“.

Das meiste ist nun geschafft. Nun muss nur noch das Echterdinger Ei hinter sich gelassen werden. In Echterdingen selbst führt die Tour entlang der ehemaligen Straßenbahntrasse. Sie soll nach den Plänen der Stuttgarter Verkehrsbetriebe SSB wieder belebt werden. Auf den Fildern wird eben immer irgendetwas gebaut.

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