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Wegen eines Unfalls verpasste der Radprofi einen Teil der Vorbereitung, mit ihm ist dennoch zu rechnen.

Lüttich/Stuttgart - Es ist schon merk­würdig: Wenn am Samstag in Lüttich die 99. Auflage der Tour de France beginnt, geht es gar nicht so sehr um die Frage, ob Tony Martin während dieser Frankreich-Rundfahrt ins Gelbe Trikot fährt. Sondern fast nur darum, wann er es tut. Schon am Samstag im 6,4 Kilometer langen Prolog? Oder doch erst am 9. Juli, wenn das erste lange Zeitfahren auf dem Programm steht? Dabei ist es schon erstaunlich, dass solche Fragen überhaupt gestellt werden. Am 11. April nämlich deutete rein gar nichts darauf hin.

Damals drehte Tony Martin (27) gerade eine Trainingsrunde in seiner Wahlheimat. Dort, in Kreuzlingen am Bodensee, sind sie deutsche Radfahrer eigentlich gewohnt – Jan Ullrich wohnt in der Nähe, Andreas Klöden und Bert Grabsch ebenso. Eine 70 Jahre alte Dame nahm dennoch keine Notiz von Tony Martin, übersah den Radprofi und nahm ihm die Vorfahrt – was schmerzlich endete. Das Jochbein und ein Teil der Augenhöhle waren nach dem Zusammenprall mit dem Auto der Rentnerin gebrochen, der Kiefer war angeknackst, das Schulterblatt hatte einen Riss. Und das alles drei Monate vor der Tour und vier Monate vor den Olympischen Spielen. Quel Malheur! Oder etwa nicht?

Vorteil Martin – weil er ausgeruht ist

Tony Martin jedenfalls versuchte, diesem Unfall etwas Positives abzugewinnen. Zwar musste er einige Wochen pausieren und verpasste wertvolle Trainingsphasen. Er sagt aber: „So eine Pause ist gar nicht so schlecht, bekommt der Körper doch Erholung, die man ihm freiwillig nicht gönnen würde.“ ­Also: Vorteil Martin – weil er ausgeruht ist.

So stellt sich das der 27-Jährige vor im Jahr 2012, das ein großes für ihn werden soll. Ab Samstag geht er bei der Tour de France an den Start, und tatsächlich: Dass er ins Gelbe Trikot schlüpft, ist gar nicht so unwahrscheinlich. Der Prolog ist zwar etwas kurz für den Top-Zeitfahrer, gewinnen könnte er ihn dennoch. „Die Chance ist definitiv da“, sagt Martin, der, sollte es am Samstag nicht klappen, eine weitere Möglichkeit sieht. Sogar eine größere – „beim ersten langen Zeitfahren“. Wenn Martin in seinem Element ist.

Schon als Junior gehörte der Kampf gegen die Uhr zu den Stärken des ausgebildeten Polizeimeisters. In den vergangenen Jahren hat er seine Qualitäten verfeinert – und 2011 dann seine ersten großen Titel gewonnen. Erst Einzelzeitfahren und Gesamtwertung bei Paris–Nizza, dann eine Etappe der Tour de France (natürlich das Zeitfahren), und im Herbst noch den Weltmeistertitel in Kopenhagen. Klar, auch den in seiner Paradedisziplin. „Das war mein großer Tag“, sagt er. Nun sollen weitere folgen. Wobei die Tour de France trotz der Chancen auf das Gelbe Trikot gar nicht die oberste Priorität genießt.

Tour-Verzicht von ARD und ZDF nennt Martin „eine Frechheit“

„Olympia“, sagt Tony Martin, der am vergangenen Wochenende auch den deutschen Zeitfahr-Titel geholt hat, „ist das größere Ziel.“ Und weil das Zeitfahren in London lediglich eineinhalb Wochen nach dem Ende der Tour stattfindet, könnte man meinen, Martin bestreitet die Frankreich-Rundfahrt mit halber Kraft. Doch der Profi gibt gleich Entwarnung. Er plane, die Tour bis zum Ende durchzufahren, sagt er. Erstens weil er damit gute Erfahrungen gemacht hat – vor dem WM-Titel bestritt er 2011 die dreiwöchige Vuelta. Und weil zweitens ein entsprechender Rat von prominenter Stelle kommt. „Ich würde ihm raten, Vollgas zu fahren“, sagt Jan Ullrich, „er hat genug Substanz, um mit guter Form aus der Tour zu kommen und in London zum Olympiasieg fahren zu können.“

Mit Ullrich verbindet Tony Martin übrigens nicht nur der Wohnort. Die beiden treten hin und wieder gemeinsam in die Pedale, aus seiner Sympathie für den Tour-Sieger von 1997 macht Martin keinen Hehl. Zu all den Dopingdiskussionen um Ullrich sagt er: „Man sollte ihn endlich in Ruhe lassen. Jan ist der Fahrer, der für die ganzen Fehler, die im Radsport passiert sind, am meisten bezahlt hat.“ Und zu noch einer Sache hat Tony Martin eine konkrete Meinung: Den Tour-Verzicht von ARD und ZDF nennt er „eine Frechheit“. Er weiß aber auch: Es liegt mit an ihm, dass sich die Einstellung der öffentlich-rechtlichen Sender zum Radsport wieder ändert. Am besten, er fährt sauber ins Gelbe Trikot – ganz egal, wann.

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