In drei Höhentrainingslagern bereitete sich Buchmann auf den Ernstfall vor. Foto: dpa

Die Tour de France entscheidet sich ab Donnerstag in über 2000 Meter Höhe. Emanuel Buchmann und Co. steht eine Alpen-Trilogie bevor, welche die Radprofis ans Limit führt.

Gap - Emanuel Buchmann jagt in luftiger Höhe dem Traum vom Tour-Podest hinterher, die Ineos-Armada um Titelverteidiger Geraint Thomas plant den Großangriff, und ganz Frankreich hofft auf ein Sommermärchen in Gelb: Zweieinhalb Wochen ist die Tour de France bereits alt, doch erst ab dem viertletzten Tag erlebt sie in den Alpen ihren rauschenden Höhepunkt. Drei monströse Hochgebirgsetappen trennen die Sieganwärter von der finalen Lustfahrt nach Paris - und schon die erste am Donnerstag verspricht ein episches Spektakel.

„Ich bin zuversichtlich. Die Ausgangslage ist super“, sagt Buchmann. Als Sechster mit 2:14 Minuten Rückstand auf den französischen Überraschungs-Leader Julian Alaphilippe ging der Bora-Kapitän in die letzte Tour-Woche, nur 27 Sekunden betrug der Rückstand auf Platz drei. Doch auch Buchmann weiß, dass die qualvolle Trilogie in den Bergen rund um die Olympiastädte Grenoble und Albertville alles durcheinanderwirbeln kann.

Radsport am Limit

„Keiner ist mehr frisch, jeder wird am Limit sein“, sagt der 26-Jährige: „Und dann kommt die Höhe hinzu.“ Sechs Anstiege an drei Alpentagen enden über der 2000-Meter-Marke, das Siegel „Königsetappe“ könnte auf jedem Hochgebirgs-Teilstück kleben - der Auftakt aber auf den 208 km nach Valloire ist eine selbst für Tour-Verhältnisse außergewöhnliche Schinderei: Gigantische 5215 Höhenmeter, mit dem mythischen Galibier (2642 m) und dem Izoard (2360) zwei Berge der höchsten sowie mit dem Col de Vars (2109) ein Berg der ersten Kategorie. 

„Man hat da oben einfach weniger Sauerstoff zur Verfügung, manche kommen damit besser klar, manche schlechter“, sagt Buchmann: „Wenn man einen Einbruch hat, verliert man richtig Zeit. So hohe Bergankünfte bin ich noch nicht oft gefahren.“

In drei Höhentrainingslagern bereitete sich Buchmann auf den Ernstfall vor. Andere haben es da leichter. Der kolumbianische Ineos-Jungstar Egon Bernal beispielsweise. „Meine Familie und ich wohnen seit jeher in solchen Höhen, das sollte mir liegen“, sagt der derzeitige Gesamtfünfte. Ob Bernal auf eigene Rechnung fahren darf, ist fraglich: Sein Kapitän Thomas liegt als Zweiter noch voll auf Titelverteidigungskurs. 

Eine kleine Sensation

„Es juckt mich sehr, jetzt in den Alpen zu fahren. Die liegen mir besser als die Pyrenäen“, sagt der Waliser: „Der Schlüssel wird sein, dass Egan und ich nicht gegeneinander fahren, wir ehrlich kommunizieren. Es bringt nichts, wenn ich einen schlechten Tag habe, Egan bei mir bleibt und wir beide eine Minute verlieren.“ 

Die Hauptkonkurrenz der britisch-kolumbianischen Allianz fährt unter der Tricolore. Dass in Alaphilippe kein ausgewiesener Bergspezialist als Führender ins Endspiel geht, ist eine kleine Sensation, und 95 Sekunden Polster auf Thomas wollen dem zähen „Loulou“ erst einmal abgeknöpft werden. „Ich weiß nicht, ob der Tour-Sieg realistisch ist, weil ich mich mit der Frage nicht beschäftige. Aber ich werde bis zum Ende alles geben“, sagt Alaphilippe.

Dass Alaphilippe oder Landsmann Thibaut Pinot den ersten Heimsieg seit 34 Jahren feiern, scheint Emanuel Macron ein so realistisches Szenario, dass sich der Staatspräsident den Sonntagabendtermin in Paris freigehalten hat. Und der viertplatzierte Pinot flirtet mit der historischen Chance: „Die drei Alpen-Etappen sind wunderschön. Wenn meine Beine gut sind, werde ich am Galibier attackieren.“

Dass dort eine (Vor-)Entscheidung fallen wird, glaubt Buchmann nicht, er rechnet mit der Götterdämmerung am allerletzten Schlussanstieg am Samstag nach Val Thorens, einem 33,4-km-Biest: „Der ist extrem schwer und ewig lang -  das wird der Showdown.“

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