Brutale Szenen: Ein Massensturz bei der Tour de France Foto: Getty

Knochenbrüche, Schürfwunden, blutige Nasen: Das medizinische Bulletin ist bei der Tour de France manchmal fast so lang wie die Ergebnisliste. Die Profis ändern ihre Fahrweise trotzdem nicht – weil enorm viel auf dem Spiel steht. Doch der Preis kann hoch sein. Am Donnerstag erwischte es Tony Martin.

Cambrai - Räder am Boden, Fahrer im Straßengraben, manch einer ist im hohen Bogen über die Böschung geflogen – das sind Bilder von der Tour de France, die sich tief ins Bewusstsein einprägen. Seit Donnerstag gehört auch Tony Martin zu den Opfern der Grand Boucle. Ausgerechnet der Mann in Gelb stürzte im Finale der sechsten Etappe, rollte mit Verdacht auf einen Schlüsselbeinbruch zwar noch ins Ziel, ob er am Freitag wieder an den Start stehen kann, ist fraglich. Auch die schrecklichen Szenen vom Montag gehören dazu, als einige der bei hohem Tempo Gestürzten sogar gegen einen Betonmast prallten und liegen blieben. Zum Glück ging es für diese Profis glimpflicher aus als vor fast genau 20 Jahren für Fabio Casartelli.

Der Italiener war bei der Abfahrt vom ­Col d’Aspin in den Pyrenäen in einen Sturz mehrerer Fahrer verwickelt. Sie lagen nahe am Abgrund, zwischen ihnen mächtige Granitbrocken, welche die Straße begrenzten. Am Fuße eines dieser Brocken breitete sich eine Blutlache aus. Sie stammte von Fabio Casartelli, der zuerst mit seinem Kopf an diesen Felsen geprallt und dann den Abhang hinuntergestürzt war. Der Körper des Radprofis wurde geborgen, Casartelli aber starb noch am selben Tag. Die Etappe wurde regulär zu Ende gefahren. Am nächsten Tag ließ das Peloton als Abschiedsgruß an Casartelli dessen Motorola-Teamgefährten geschlossen als Erste die Ziellinie passieren.

Als Lehre aus Casartellis Sturz wurde die Helmpflicht im Profiradsport eingeführt. Und seitdem werden bei großen Rundfahrten auch Begrenzungssteine von Straßen sowie Kreisverkehren mit Strohballen abgesichert. Ein hochgefährliches Unternehmen bleibt der Radsport dennoch. „Wer nichts riskiert, der kann auch nichts gewinnen“, sagte Tony Martin, der am Montag beinahe in den Massensturz verwickelt gewesen wäre und hinterher von einem „glücklichen Tag“ sprach, obwohl er das Gelbe Trikot um die Winzigkeit einer Sekunde verpasst hatte.

Bei der Tour kann sich die Gefahr auszahlen

Allerdings nehmen die Radprofis bei der Tour ein noch höheres Risiko in Kauf, als sie es ohnehin immer tun. Der Grund liegt auf der Hand: Bei der Tour kann sich die Gefahr auszahlen. Ein Etappensieg verspricht einen besseren Vertrag, Einladungen zu lukrativen Rennen, neue Sponsoren. Kurz: Ruhm, Geld und Bestätigung für die eigene Arbeit. Welches Risiko die Fahrer bereit sind einzugehen, zeigt sich vor allem beim Bremsen. „Bei der Tour bremst jeder vier bis sieben Meter später als anderswo“, meinte Tony Martin.

Über die Sturzhäufigkeit bei der Großen Schleife gibt es sogar Statistiken. 2,2 Stürze pro Fahrer bis zum ersten Ruhetag, insgesamt 2,7 pro Fahrer bis zum Ende der Rundfahrt in Paris, zählte Helge Riepenhof, Mannschaftsarzt von Martins Rennstall Etixx Quickstep, in seiner Dissertation mit dem Titel „Verletzungen und Überlastungsschäden im Profiradsport“. Das ist ein statistischer Wert, der für Riepenhof wichtig ist, wenn er den Medizinkoffer für drei Wochen Frankreich mit neun Rennfahrern packt. Da geht es ihm wie einem Mechaniker, der ausrechnet, wie viele Sätze Laufräder er im Materialwagen unterbringen muss.

Die Fahrer gehen meist gelassen mit Stürzen um – die Angst vor einer Verletzung kann sie nicht schrecken. „Aufstehen, abputzen, gucken, ob noch alles da ist, schnell weiterfahren“ – das war einst nicht nur das Motto von Jens Voigt, der jetzt für das US-Fernsehen die Tour live von der Strecke kommentiert. Es gilt für die jetzige Rennfahrer-Generation nicht weniger. Wer irgendwie aufs Rad steigen konnte, war auch am Dienstag beim Start in Seraing wieder dabei. Selbst Fabian Cancellara.

„Die Tour ist größer als ihre Fahrer.“

Der Schweizer, der am Montag durch den Massensturz das Gelbe Trikot verloren ­hatte, saß aber nicht im Sattel. Er nahm Abschied. Und erzählte von dem Malheur, bei dem er sich zwei Rückenwirbel gebrochen hatte: „Ich habe mich ein- oder zweimal überschlagen.“ Ihm war aber auch schon wieder zum Scherzen zumute. „Eigentlich habe ich ja einen Monat Frankreich gebucht. Nun komme ich viel früher nach Hause als geplant“, meinte Cancellara lächelnd. Wenn es seine Gesundheit erlaubt hätte, wäre der Radprofi mit dem Spitznamen Spartacus am liebsten erneut in den Kampf gezogen.

Eigentlich kommt Veranstaltern in diesem Risikosport die Aufgabe zu, bei der Streckenauswahl das Sturzrisiko zu mindern. Zudem könnten sie gefährliche Stellen noch besser absichern und vor allem die Sturzzone bei Massensprints endlich von drei auf zehn Kilometer ausdehnen, um das Gedränge am Ende zu entschärfen. Bei der Frankreich-Rundfahrt wird darüber nachgedacht, doch meist im Sinne des Spektakels entschieden. „Die Tour“, heißt es dann, „ist größer als ihre Fahrer.“

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