Das kleine Slowenien ist die neue Macht im Radsport: Primoz Roglic führt nach der ersten Woche die Tour de France an, einer seiner größten Konkurrenten ist Tadej Pogacar. Sportlich ist das eine schöne Geschichte, doch das eine oder andere Kapitel wirft Fragen auf.
Marennes/Stuttgart - Das Muster ist nicht neu: Je kleiner ein Land, umso größer der Stolz auf sportliche Erfolge. „Slowenien ist Gelb! Bravo, Rogla!“, postete Staatspräsident Borut Pahor, nachdem Primoz Roglic am Sonntag bei der Tour de France ins Maillot jaune gefahren war. Und in seiner Begeisterung vergaß der Politiker natürlich auch Tadej Pogacar nicht, den zweiten Slowenen, der das Rennen bisher geprägt hat: „Bravo, Pogi!“ Gut möglich, dass Pahor bald weitere Gelegenheiten erhält, seiner Verzückung Ausdruck zu verleihen. Denn Slowenien ist die neue Macht im Radsport. Wenn auch keine gänzlich unumstrittene.
Was Roglic und Pogacar bei der Tour leisten, ist gigantisch, herausragend, sensationell. Ihr Weg in die Weltspitze ist märchenhaft, ungewöhnlich, skurril. Dies sind allerdings genau jene Attribute, bei denen Experten hellhörig werden. Zumal Slowenien, was Doping angeht, eine Geschichte hat. Doch zuerst zu den sportlichen Kapiteln.
Pogacar gilt als künftiger Tour-Sieger
Roglic (30) geht an diesem Dienstag als Führender in die zweite Tour-Woche, weil er bisher keine Schwäche gezeigt hat. Nicht am Berg, nicht im Wind, nicht bei den Attacken der Konkurrenz. Titelverteidiger Egan Bernal, der zweite Topfavorit, der aktuell 21 Sekunden hinter Roglic auf Rang zwei liegt, lobt den Slowenen: „Er ist zuletzt geflogen.“
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Der Satz passt auch deshalb perfekt, weil Roglic früher Skispringer war, mit den slowenischen Junioren sogar Team-Weltmeister wurde. Vor vier Jahren wagte er den Sprung in die erste Liga des Profi-Radsports, seither fliegt er die Berge hinauf. Leicht, locker, ohne groß zu leiden. 2019 gewann Roglic vier der fünf Etappenrennen, an denen er teilnahm, auch die Vuelta. „Ich wollte der beste Skispringer der Welt werden. Dieser Traum hat sich nicht erfüllt“, sagt der Star des Teams Jumbo-Visma, „deshalb habe ich umgedacht. Es ging alles sehr schnell im Radsport, aber ich versuche trotzdem, keine Lernschritte auszulassen.“
Zu denen, die nicht lange brauchen, um zu begreifen, wie es läuft, gehört auch Tadej Pogacar (21). In den Pyrenäen nahm er am Samstag den großen Favoriten 40 Sekunden ab, am Sonntag gewann er das neunte Teilstück nach Laruns. Hätte Pogacar, der bei der Vuelta 2019 als jüngster Radprofi überhaupt drei Etappen bei einem Grand-Tour-Rennen gewann, am Freitag auf der Windkante nach Lavaur nicht 1:21 Minuten eingebüßt, weil vor ihm ein Kollege gestürzt war, wäre er in den Pyrenäen ins Gelbe Trikot gefahren. Aktuell ist der Hochbegabte, in dem viele Experten einen künftigen Tour-Sieger sehen, 44 Sekunden hinter Roglic Siebter. Weshalb er seine Jagd auf weitere Siege (vorerst) einstellen will. „Ab sofort“, sagt der Kapitän vom UAE Team Emirate, „geht es um die Gesamtwertung.“
Im Schnee beginnt das weniger positive Kapitel
Was sich anhört wie eine Kampfansage, ist auch so gemeint. Bisher gab es schon zwei slowenische Doppelsiege (erst gewann Roglic bei der Bergankunft am Dienstag in Orcieres-Merlette vor Pogacar, dann am Sonntag in Laruns Pogacar vor Roglic), und es wäre keine Überraschung mehr, wenn auch am Ende in Paris auf dem Podium zwei Slowenen stehen würden. Es würde den vorläufigen Höhepunkt ihrer Erfolgsstory bedeuten.
Nun aber zum zweiten Teil der Geschichte. Slowenien ist ein Land mit nur zwei Millionen Einwohnern, in dem sportliche Talente gewöhnlich Fußball und Basketball spielen und sich im Winter im Schnee tummeln. Dort beginnt das weniger schöne Kapitel.
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2019, während der nordischen Ski-WM in Seefeld, flog bei der Operation Aderlass das Blutdoping-Netzwerk des Erfurter Mediziners Mark Schmidt auf. Schnell war klar: Es geht nicht nur um Langläufer, und es gibt Spuren, die nach Slowenien führen. Mittlerweile sind die (Ex-)Radprofis Kristijan Koren und Borut Bozic (zu jenem Zeitpunkt Sportdirektor beim Team Bahrain-Merida) als mutmaßliche Kunden von Mark Schmidt gesperrt worden. Auch zuvor schon hatte es im slowenischen Radsport Unregelmäßigkeit gegeben, unter anderem war Janez Brajkovic, ein ehemaliger Teamkollege von Lance Armstrong, positiv getestet worden.
Der Prozess gegen Mark Schmidt beginnt in der letzten Tour-Woche
Was das alles mit Roglic und Pogacar zu tun hat? Vordergründig nichts. Sie sind auch nicht mehr oder weniger verdächtig, als andere Fahrer, die bei der Tour de France Top-Leistungen zeigen. Doch im Radsport ist es nie ein Fehler, zwischen den Zeilen zu lesen – dachte sich zumindest der Weltverband UCI und leitete noch im Jahr 2019 eine Doping-Untersuchung ein. „Es gibt in Slowenien Fahrer und Manager, deren Situation wir eng verfolgen“, sagte UCI-Präsident David Lappartient. Was bei den Ermittlungen herauskam, ist bisher nicht bekannt. Sicher ist nur: Am 16. September, während der letzten Woche der Tour, beginnt in München der Prozess gegen Mark Schmidt. Und auch dort dürfte das kleine Slowenien eine große Rolle spielen. Allerdings eher nicht mit Nachrichten, die Staatspräsident Borut Pahor hinterher begeistert posten wird.