Eine 63-Jährige ist angeklagt. Sie lebte ebenfalls neben dem Opfer. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Das Landgericht versucht, den brutalen Tod einer 81-Jährigen aufzuklären. Das Opfer lebte zurückgezogen und galt als freundlich. Zwei Nachbarinnen sagen aus.

Sindelfingen - Sie wäre besser gleich zu ihren Bekannten gezogen. Als Heike K. am späten Abend des 29. Juni 2018 auf dem Flur vor ihrer Wohnungstür fragen wollte, ob bald Ruhe sei, sicherte die Kriminalpolizei noch immer die Spuren. Sie fragte einen der Ermittler, warum es so unangenehm rieche im Gang. „Das ist schon der Leichengeruch“, sagte der Mann.

Das Landgericht Stuttgart versucht, den brutalen Tod einer 81-Jährigen aufzuklären. Heike K. gehört zu den Nachbarn, die am dritten Prozesstag aussagten. Das Opfer war erst niedergeschlagen worden. Als die betagte Frau am Boden lag, stach der Täter elf Mal mit einem Messer auf sie ein. Die Klinge drang durch das Gesicht, einer sogar durch die Zunge, weitere durch die Brust. Die 81-Jährige erstickte an ihrem Blut in der Lunge oder verblutete. Dieses Detail ist ungeklärt. Auf der Anklagebank sitzt ebenfalls eine Nachbarin, 63 Jahre alt, von Beruf Altenpflegerin. Sie beteuert ihre Unschuld. Der Tatort war der fünfte Stock eines Hochhauses in Sindelfingen.

Wasser war das erste Zeichen eines Unglücks

Gianna N. hatte den Tag begonnen wie jeden anderen. Sie hatte Frühstück gemacht, war mit ihrem Mann zum Einkaufen gefahren und nach dem Mittagessen mit dem Hund spazieren. Als sie zurückkam, „war alles im Flur voller Wasser“, sagt sie. Sie klingelte an der Tür des Opfers, unter der das Wasser hervorquoll. Niemand öffnete. Sie klingelte an der Tür der Angeklagten. Die 63-Jährige trug eine Jogginghose und ein T-Shirt. Sie wirkte verschlafen. Mit einem Besen versuchten die Frauen zu verhindern, dass die Nässe unter anderen Türen eindringt, vergeblich. Gianna N. wollte den Hausmeister holen, der im siebten Stock wohnt. Er war nicht da.

Als sie zurückkehrte, kam nicht der Hausmeister, sondern die Polizei, die Feuerwehr, der Notarzt samt Rettungssanitätern. Ihre Nachbarin war an der Türschwelle zusammengesackt. Ihr Mann hatte ihr sein Kopfkissen gebracht und einen Stuhl aus dem Esszimmer. Die Polizei schickte alle in ihre Wohnungen. Sanitäter versorgten die 63-Jährige. Sie ist herzkrank, sie stammelte nur wenige Worte, aber die Ersthelfer stellten nichts Besorgniserregendes fest, nur, dass die Frau offenkundig aufgeregt war.

Das Opfer „war eine sehr nette Frau“, sagt Gianna N., „und sie hat sehr liebe Musik gespielt“. Das Piano war wohl der letzte Freund der 81-Jährigen. Sie lebte allein. Niemand sah Besucher kommen oder gehen. Nachbarn ließ sie nicht ein, aber sie fragte immer wieder, ob ihr Klavierspiel störe. Laut Anklageschrift war die Musik der Grund, aus dem die Angeklagte zustach.

Der leblose Körper lag unter blutbefleckten Laken

Heike K. erinnert sich ausgezeichnet an jenen Dienstag im Juni. Es war der erste Tag ihres Ruhestands. Den Vormittag verbrachte sie mit ihrer Mutter. Als sie zurückkam, kurz nach 14 Uhr, „war Halligalli im Gang“, sagt sie. Rettungskräfte und Polizisten stapften durchs Wasser. Auf dem Boden lag ein lebloser Körper, bedeckt mit blutbefleckten Laken. Sie glaubte, ihre Nachbarin zu erkennen. Sie fragte einen Arzt. Er antwortete nicht, aber nickte. Die Polizei versperrte ihr den Weg zur Wohnung.

Heike K. beschreibt das Opfer als damenhaft, „Typ Nana Mouskuri, schwarze Haare, Mittelscheitel, Brille, meistens schwarz gekleidet“. Dieses Bild brachte sie nicht in Einklang mit dem, was sie im Jahr vor der Tat sah. Der Schlüssel der 81-Jährigen steckte außen. Sie öffnete nicht. Heike K. ging in die Wohnung, um zu helfen. Die Zimmer waren abgedunkelt, ihre Nachbarin lag im Unterhemd auf dem Sofa, ein Fernseher erleuchtete die Szene. Überall lag Müll.

Am Tattag umging Heike K. die Polizeisperre zu ihrer Wohnung durch eine Brandschutztür im Nachbartrakt. Als sie am Abend ihre Wohnungstür öffnete, lag die Leiche noch immer im Gang. Als sie die Tote roch, wurde ihr wohl bewusst, dass sie besser nicht zuhause übernachtet hätte. Die nächsten drei Wochen verbrachte sie bei ihren Bekannten, danach fuhr sie in den Urlaub. Es half nicht. Die Polizei fragte, ob sie Hilfe brauche. Heike K. sagte ja. Sie bekam Psychopharmaka verschrieben.

(Der Text beruht auf den Aussagen der Frauen, ihre Namen sind geändert.)

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