Vor dem Landgericht Stuttgart läuft derzeit der Prozess gegen eine 62-Jährige, die im Rems-Murr-Kreis eine Seniorin umgebracht haben soll. Foto: Weingand / STZN

Dass eine psychisch kranke Frau im Januar in Großerlach eine Seniorin brutal umgebracht hat, ist unstrittig. Beim zweiten Prozesstag geht es vor allem darum, wie es zu dem tragischen Ereignis kommen konnte – und ob es vorhersehbar gewesen wäre.

Stuttgart/Großerlach - Dass die 62-jährige psychisch kranke Frau, die sich derzeit vor dem Landgericht Stuttgart verantworten muss, eine alte Dame getötet hat, ist unstrittig. Sie hat die Tat detailliert gestanden, wurde am Tatort aufgegriffen, und durch DNA-Spuren im Wahrscheinlichkeitsbereich von eins zu vielen hundert Quadrilliarden identifiziert. Die Umstände aber, die im Januar 2018 im Alexanderstift Großerlach zum grausamen Tod der 91-jährigen Witwe geführt haben, rücken immer mehr in den Fokus des Gerichtsverfahrens.

So auch die Frage, ob es vorhersehbar war, dass die 62-Jährige, die an paranoider Schizophrenie leidet, Anderen Gewalt antun könnte. Die Frau ist auch heute noch überzeugt, dass die Stasi ihr nach dem Leben trachte und die alte Dame von einem Dämon besessen gewesen sei. Diesen hatte sie „bannen“ wollen, indem sie die alte Frau mit einem Schlüssel grausam zurichtete und der unter Kurzatmigkeit leidenden Seniorin mit der Bettdecke die Luft abdrückte.

Die damalige Heimleitung sagt im Zeugenstand aus

Am Montag sagte unter anderem die ehemalige Heimleiterin des Alexanderstifts Großerlach im Zeugenstand aus. Sie erzählte, wie die Feuerwehr die Türe der 91-Jährigen aufbrach – sie habe damals vermutet, dass die alte Dame eines natürlichen Todes gestorben sei, sagte sie. Doch dann habe eine panische Mitarbeiterin sie angerufen: „Sie war fix und fertig. Da ist jemand im Zimmer, hat sie gesagt.“ Als die Ex-Heimchefin erzählte, wie der Sohn der Getöteten über den gewaltsamen Tod seiner Mutter informiert wurde, brach sie in Tränen aus. „Er durfte nicht hinein“ – denn die Wohnung seiner Mutter war ein Tatort.

Die ehemalige Leiterin des Heims musste sich auch kritischen Fragen stellen. „Ist Ihnen denn nie die Idee gekommen, dass es da eine problematische Mitbewohnerin gibt?“ fragte die Vorsitzende Richterin. Immerhin hatte sich die 62-Jährige, die jetzt auf der Anklagebank sitzt, über Jahre immer wieder in psychiatrischer Behandlung befunden. Im Jahr 2017 hatte sie sich ein Hotelzimmer in Backnang genommen und war dort – durch ihre paranoide Schizophrenie in Panik – aus dem Fenster gesprungen.

Die Angeklagte galt nicht als gewalttätig

„Sie ist mir gegenüber nie auffällig geworden“, erklärte die Ex-Heimleiterin. Die 62-Jährige sei selbst einkaufen gegangen und Bus gefahren. „Sie wollte eben ihre Ruhe haben, deswegen ist sie zu uns gezogen.“ Auch andere Zeugen beschrieben die Frau als verschlossen und misstrauisch, jedoch nicht gewalttätig. Eine Putzfrau, die an jenem Morgen im Alexanderstift ihrer Arbeit nachging, hatte dennoch ein schlechtes Gefühl an jenem Morgen. Nachdem sie Geräusche gehört hatte, spähte sie durch den Türspalt ihrer Putzkammer und sah die Silhouette der 62-Jährigen auf dem Weg ins Obergeschoss – dass sie dort in die Wohnung der 91-Jährigen eindringen würde, war der Putzfrau freilich nicht klar.

Der Alexanderstift wurde vier Tage vor dem Todesfall zu einem normalen Mietshaus

Die Angeklagte, so die ehemalige Heimleiterin, sei rund vier Jahre vor dem Tod der alten Dame ins Alexanderstift gezogen – „das lief über den sozialen Dienst.“ Die 62-Jährige wohnte zwar in einem Haus für Betreutes Wohnen, lebte dort aber als normale Mieterin. Laut der Ex-Heimchefin war das keine Seltenheit. Erst zum 1. Januar, vier Tage vor dem grausamen Vorfall, war das Wohnheim endgültig in ein normales Mietshaus umgewandelt worden – wer von den Bewohnern Unterstützung brauchte, musste seitdem einen mobilen Dienst und Essen auf Rädern beauftragen. Inzwischen ist der Alexanderstift Großerlach an einen Investor verkauft worden.

Darauf, dass sich die Täterin und das Opfer näher kannten, hat es im Prozess bislang keine Hinweise gegeben. Alles sieht danach aus, dass die 91-Jährige zufällig ausgewählt wurde. Der Schlüssel im Schloss ihrer Wohnungstür steckte außen, nachdem ihr das Frühstück gebracht worden war – viele Bewohner des Alexanderstifts handhabten dies offenbar so.

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