Die Spurensicherung am Tatort im Pragfriedhof ist abgeschlossen – die Ermittlungen dauern an. Foto: Lichtgut/Volker Hoschek

Der Mord an einer 21-Jährigen auf dem Pragfriedhof ist offenbar geklärt: Am Freitag erließ ein Richter Haftbefehl gegen einen 29-Jährigen. Eine schillernde Figur mit Vorstrafen.

Stuttgart - Man kann sagen, dass Lena W. eine bildhübsche junge Frau gewesen ist. 21 Jahre alt, lebenslustig, in den Clubs dieser Stadt zu Hause, Modellfigur. „Sie hatte viele Freunde“, sagt ein Bekannter, „und sie wird eine große Lücke hinterlassen.“ Und alle fragen sich: Wer bringt eine solche nette und zierliche Person um, mitten auf dem Pragfriedhof, noch dazu mit dermaßen massiver Brutalität? Die junge Frau war am Donnerstagmorgen ermordet zwischen Grabsteinen gefunden worden. Etwa ein Eifersuchtsdrama nach häufig wechselnden Männerbeziehungen?

Die Stuttgarter Kripo glaubt den Täter zu kennen. Am Freitag wurde ein 29-Jähriger dem Haftrichter vorgeführt. Der schickte den Beschuldigten am Nachmittag in Untersuchungshaft. „Schon bei einer ersten Befragung haben sich Verdachtsmomente gegen ihn ergeben“, sagt Polizeisprecher Thomas Geiger. Weitere Details nennt er nicht. Denn der Verdächtige schweigt zu den Vorwürfen, und die 40-köpfige Sonderkommission um Kripochef Rüdiger Winter muss sich darauf einstellen, dass sie ihn allein mit Sachbeweisen überführen müssen. Deshalb bleibt auch das Ergebnis der Obduktion vorerst Geheimsache: „Multiple Gewalt“ habe zum Tod geführt, sagt der Polizeisprecher. Erstochen oder erschlagen: Wie genau, könne nur der Täter wissen.

Koch, Pianist – und auch Mörder?

Auch zum Verdächtigen macht die Polizei keine näheren Angaben. Dabei ist der 29-Jährige­ offenbar eine schillernde Figur, die nicht zum ersten Mal mit der Polizei zu tun bekommen hat. Diejenigen, die ihn kennen, berichten von einem, der sich immer irgendwie­ durchs Leben geschlagen hat, aber stets auf Kosten von anderen. Der gelernte Koch bezeichnet sich als selbstständigen Unternehmer, der für Events kocht, und präsentiert sich gern auch als Pianist. Die, die ihn kennen, bezeichnen ihn aber eher als schrägen Vogel, der reichlich Geldschulden anhäuft, die unbezahlt bleiben. Stapelweise Mahnbriefe bleiben ungeöffnet. Er ist auch wegen Gewaltdelikten polizeibekannt.

Der 29-Jährige ist Deutscher, mit Wurzeln im Rheinland, zeitweise aufgewachsen in einem Jugendheim. Vor Jahren wohnte er in Bad Cannstatt, wo er Tausende Euro Mietschulden hinterlassen haben soll. Zuletzt hatte er im Bereich der Nordbahnhofstraße seine Wohnadresse. Zum Tatort, dem Grabfeld 62 im Pragfriedhof, sind es zu Fuß nur zwölf Minuten.

Die Beziehung der Frau zu dem 29-Jährigen ist nicht eindeutig – aber sie hat eine bemerkenswerte Vorgeschichte. Lena W. hatte nach einer Trennung von ihrem damaligen Freund eine Bleibe gesucht – und war nach Umfragen in ihrem Bekanntenkreis bei dem 29-Jährigen gelandet. In dessen Wohnung an der Langenburger Straße in Zuffenhausen. Es heißt, dass sich die junge Frau dabei über den Tisch gezogen gefühlt habe, weil die Räumlichkeiten nicht dem entsprochen hätten, was zugesagt war.

Opfer war Untermieterin – bis zu einem großen Brand

Jedenfalls hätte der 29-Jährige wohl auch gar nicht untervermieten dürfen, heißt es. Er selbst habe die Wohnung vom Sozialamt bezahlt bekommen. Das Ganze fiel offenbar nicht weiter auf – bis die Zweckgemeinschaft in der Nacht zum 4. August spektakulär endete. In jener Nacht, gegen 0.30 Uhr, ging das Dachgeschoss des Mehrfamilienhauses in Flammen auf. Als die Feuerwehr am Brandort eintraf, schlugen die Flammen bereits meterhoch aus dem Dachstuhl. Die 15 Bewohner konnten sich selbst nach draußen retten und blieben unverletzt. Das Haus, an dem mehrere Hunderttausend Euro Schaden entstanden waren, konnte vorerst nicht mehr bewohnt werden.

Nach mehrmonatigen Ermittlungen steht fest: Das Feuer war nicht durch einen technischen Defekt entstanden. „Wir ermitteln wegen Brandstiftung gegen unbekannt“, sagt ein Polizeisprecher. Inwieweit der 29-Jährige­ hier eine Rolle gespielt haben könnte, bleibt unbeantwortet. Klar ist, dass sich die Wege der beiden auf diese Weise wieder trennten – sofern sie je überhaupt gemeinsam beschritten worden waren.

21-Jährige wollte Erzieherin werden

Der 29-Jährige fand in Verwandt­schaftskreisen eine Bleibe im Nordbahnhofsviertel – gleich beim Pragfriedhof. Lena W. hatte sich inzwischen nach Degerloch orientiert. Nach den Sommerferien wollte sie eine Ausbildung zur Erzieherin beginnen. Warum sie sich in der Nacht zum Donnerstag auf dem Pragfriedhof mit ihrem Mörder traf, ist unklar. Eine schwarze Messe, wie es in manchen Gerüchten vermutet wird, kann es nach Ansicht ihrer Freunde nicht gewesen sein: „Sie war sehr lebenslustig und eine Frohnatur“, heißt es. In ihrer neuen Wohnung in Degerloch wollte Lena W. demnächst eine Einweihungsparty steigen lassen. Dazu wird es nicht mehr kommen. Der große Freundeskreis wird sie stattdessen auf einem Friedhof besuchen – zu einer bewegenden Trauerfeier.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: