Auch Marc Ziegler traut Dennis Seimen vom VfB Stuttgart viel zu. Doch der erfahrene Torwarttrainer mahnt zur Vorsicht bei dem 16-Jährigen – hier seine Einschätzungen.
Mit 19 Jahren stand er selbst im Tor des VfB Stuttgart: Marc Ziegler. Mittlerweile ist er 46 Jahre alt und beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) als Koordinator für die Entwicklung der jungen Torhüter verantwortlich. Auch mit Dennis Seimen, dem Toptalent zwischen den VfB-Pfosten, beschäftigt sich Ziegler intensiv. Zurzeit ist Seimen mit dem Profikader im Trainingslager, um in Weiler-Simmerberg (Allgäu) Erfahrung zu sammeln.
Herr Ziegler, wie schätzen Sie das Potenzial und die Perspektiven von Dennis Seimen vom VfB Stuttgart ein?
Sehr hoch, wir müssen jedoch berücksichtigen, dass wir hier über einen 16-Jährigen sprechen. Neben dem Fußball gibt es da noch andere Lebensbereiche, die wichtig für seine Entwicklung sind. Was die torwartspezifischen Faktoren anbelangt, verfügt Dennis sicher über ein sehr großes Talent. Er hat zuletzt bei der U-17-EM in Israel starke Leistungen gezeigt und hat auch dort zu den Toptorhütern gezählt.
Beim VfB gilt er als Juwel zwischen den Pfosten.
Er hat nicht nur in der Nationalmannschaft, sondern auch im Verein sehr gute Leistungen geboten. Die VfB-Mannschaft ist nicht umsonst in das Finale der deutschen B-Junioren-Meisterschaft eingezogen. Da hatte Dennis seinen Anteil daran. Er hat das Team mit bis dorthin geführt. Grundsätzlich sieht man in seinem Spiel, dass er beim VfB technisch gut ausgebildet wurde. Er ist zudem körperlich robust und beidfüßig. Das macht ihn beim Aufbauspiel flexibel. Sein Offensivspiel als Torhüter ist ohnehin eine große Waffe.
Wie beurteilen Sie ihn in Sachen Ausstrahlung?
Er hat diesbezüglich eine positive Entwicklung genommen. Wir haben beim DFB unter Einbeziehung der Vereine zehn Leitbilder definiert, die für das erfolgreiche Torwartspiel fundamental sind. Wir nennen das die DNA-Bausteine des Torhüterspiels. Da gehört als erstes natürlich dazu, dass man Bälle sicher hält, um Chancen zu vereiteln. Es gehört aber ebenso dazu, dass man wachsam ist. Besonders im Übergangsbereich spielt zudem die sogenannte Quote eines Torhüters eine Rolle – also wie viele Bälle hält er im Verhältnis zu den abgegebenen Torschüssen. Und bei diesen Werten ist Dennis sehr gut. Er ist ein Wettkampftyp, der stets versucht, das Spiel zu lesen. Er verfügt über ein gutes Antizipationsvermögen und coacht seine Mitspieler bereits lautstark und gezielt. Daneben übernimmt er auch Verantwortung für das Team. An diesen Merkmalen lässt sich erkennen, dass er als Persönlichkeit für sein Alter schon weit ist.
An welchen Bereichen muss er verstärkt arbeiten?
Er benötigt vor allem noch Zeit für seine Entwicklung – die bekommt er bei uns im DFB, aber auch beim VfB. Wir fordern und fördern ihn, damit er sich weiter verbessert . Zum Beispiel haben sein U-17-Torwarttrainer Stefan Karow und ich während der U-17-EM sehr detaillierte Videoanalysen und Gespräche mit ihm durchgeführt – zur Spielvor- und –nachbereitung. Da geht es immer um konkrete Situationen, und wie sie als Torhüter zu meistern sind. Ich weiß, dass der VfB das ähnlich handhabt wie wir in der Nationalmannschaft. Wichtig dabei ist, dass sich Dennis offen dafür zeigt. Er nimmt alles auf.
Trauen Sie Dennis Seimen den Sprung in die Bundesliga zu?
Ich weiß, was sie als Journalist gerne hören wollen, aber ich nenne ihnen ein Gegenbeispiel. Wir hatten schon viele junge Torhüter, die in ihren Jahrgängen Toptalente waren, dann aber in ihrer weiteren Entwicklung stagnierten. Das ist eine Gefahr bei jugendlichen Spielern. Dennis bringt alle Voraussetzungen mit – aber um Erstligatorhüter zu werden, muss er noch einige Hürden überspringen.
Äußerst wichtig dürfte der Übergang in den aktiven Bereich sein.
Ja, das ist eine Zäsur. Und vergessen Sie bitte nicht, dass wir immer noch über einen Jugendlichen reden. Dennis muss noch Erfahrungen im Aktivenfußball sammeln, sich an ein höheres Spieltempo und die Härte gewöhnen. Dann kann er weiter reifen. Der Schritt, ins Training der VfB-Profis einbezogen zu werden, ist da eine super Sache für ihn. Auch, weil er es mit besseren und ausgebuffteren Stürmern zu tun bekommt. Dennis wird aber weiter seine Zeit zur Entwicklung benötigen.
Wie war das bei Ihnen selbst, als Sie mit 19 Jahren für den VfB im Tor standen?
Ich war insgesamt 20 Jahre Profi, und schon zu meinen Anfängen hatte sich da viel verändert. Als ich damals Eike Immel verdrängt habe, war natürlich medial einiges los in Stuttgart. In vielen Bereichen stand ich in dieser Zeit relativ alleine da. Heute erhalten die jungen Spieler deutlich mehr Unterstützung durch Spezialisten – von Teampsychologen bis zu eigens geschulten Torwarttrainern. Die Jugendspieler sind somit besser auf den Profifußball vorbereitet. Eines hat sich jedoch nicht verändert: Wenn du auf den Platz gehst, musst du funktionieren.