Auch künftig entscheidet nicht die Technik, sondern das Auge über Tor – oder nicht Tor. Foto: dpa

Der deutsche Fußball setzt weiter auf Tradition: Neun Bundes- und 15 Zweitligisten stimmen gegen die Einführung der Torlinientechnologie. Die Auswirkungen dieser Entscheidung könnten noch Jahre spürbar sein. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Der deutsche Fußball setzt weiter auf Tradition: Neun Bundes- und 15 Zweitligisten stimmen gegen die Einführung der Torlinientechnologie. Die Auswirkungen dieser Entscheidung könnten noch Jahre spürbar sein. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Frankfurt/Main. - Entsteht der Bundesliga durch die Ablehnung der Torlinientechnologie ein Imageschaden?
Christian Seifert, Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL), verneint einen negativen Effekt. „Ich sehe keinen Nachteil für die Wahrnehmung der Bundesliga. Der Grad der Professionalisierung steht und fällt nicht mit der Torlinientechnik. Wichtig ist auf dem Platz.“ Dennoch wirkt die Entscheidung rückschrittlich. Und: Selbst Traditionalisten wie Heribert Bruchhagen, Vorstandschef von Eintracht Frankfurt, rechnen mit neuen Kontroversen bei der nächsten gravierenden Fehlentscheidung.
Was gab den Ausschlag für die Ablehnung der Torlinientechnologie?
Vor allem die Kosten. Ein Kamerasystem wie Hawk Eye oder GoalControl würde jeden Verein rund 500 000 Euro für drei Jahre kosten. Der Chip im Ball wird für denselben Zeitraum mit 250 000 Euro veranschlagt. Zu viel, sagen etliche Vereine – vor allem aus der zweiten Liga. „Die Kosten sind so exorbitant, dass sie für viele nicht tragbar sind“, meint Jörg Schmadtke, Geschäftsführer des 1. FC Köln, der allerdings selbst für die Technik gestimmt hat. „Wir diskutieren über ein, zwei oder drei Entscheidungen in der Saison. Das rechnet sich nicht“, erklärt Oliver Kreuzer, Sportdirektor des Hamburger SV.
Ist die Torlinientechnik endgültig vom Tisch?
In „naher Zukunft“ erwarte er nicht, dass das Thema wieder auf der Tagesordnung stehe, sagt DFL-Präsident Reinhard Rauball. Ausgeschlossen ist indes nicht, dass günstigere Systeme oder neue Fehlentscheidungen für ein Umdenken sorgen werden. „Ich glaube nicht, dass es ein Nein für alle Zeiten war“, sagt Eintracht-Boss Bruchhagen.
Wie stimmte der VfB Stuttgart ab?
Der VfB gehört wie der FC Bayern München, Bayer Leverkusen, Werder Bremen, Borussia Mönchengladbach, 1899 Hoffenheim oder der FSV Mainz zu den Befürwortern der Torlinientechnologie. „Wenn es so eine Technik gibt“, sagt VfB-Präsident Bernd Wahler, der bei der Sitzung in Frankfurt/Main am Montag vor Ort war, „dann sollte man sie auch nutzen.“ Für die Einführung der technischen Hilfsmittel wäre eine Zwei-Drittel-Mehrheit nötig gewesen. Die Abstimmung unter den Bundesligisten endete 9:9, unter den Zweitligisten 3:15.
Wer sind die Leidtragenden der Ablehnung?
Vor allem die Schiedsrichter, die sich vehement für die Einführung der Torlinientechnologie ausgesprochen haben. „Ich hoffe, dass sich der eine oder andere nach dieser Abstimmung künftig etwas schwerer tut, die Schiedsrichter für eine falsche Entscheidung öffentlich zu kritisieren“, sagt Schiedsrichter-Boss Herbert Fandel. Und Karl-Heinz Rummenigge, Vorstands-Chef des FC Bayern, meint: „Wir werden weiter mit Fehlentscheidungen leben müssen. Diejenigen, die gegen die Torlinientechnik gestimmt haben, sollten dann aber auch nicht mehr lamentieren.“
Steht die Bundesliga alleine?
Von einer einheitlichen Lösung ist der internationale Fußball weit entfernt. In der englischen Premier League kommt das Hawk-Eye-System seit dieser Saison zum Einsatz – und funktioniert reibungslos. Die italienische Serie A setzt auf zwei Unparteiische an den Torauslinien, so wird auch bei der EM, in der Champions League und der Europa League gespielt. Bei der WM 2014 kommt das System GoalControl zum Einsatz: Der Ball wird durch 14 Kameras kontrolliert, die auf beide Tore gerichtet sind.
Sind Torrichter jetzt auch in der Bundesliga eine Option?
Nein. „Die DFL hat ein klares Votum dage- gen abgegeben“, sagt Geschäftsführer An- dreas Rettig. Frankreich und Italien werden dagegen wohl weiter auf Torrichter setzen.
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