Fliegen für Deutschland: Marc-André ter Stegen beim Training der Nationalmannschaft in Herzogenaurach Foto: imago//Frank Hoermann

Marc-André ter Stegen hat jahrelang darauf gewartet, die Nummer eins im deutschen Tor zu werden. Jetzt ist es so weit – und der 32-Jährige gibt Einblicke in sein Seelenleben.

Das lange Warten ist vorbei. Endlich. So muss es Marc-André ter Stegen vorkommen, nachdem er Jahre buchstäblich im Schatten von Manuel Neuer saß – auf der Ersatzbank der deutschen Nationalmannschaft. Seit 2010 hat Neuer jedes große Turnier im Tor bestritten. Acht sind es im Laufe von 124 Länderspielen geworden, und ter Stegen blieb trotz seiner Klasse nur die Rolle dahinter. Er kommt auf jeweils zwei Teilnahmen bei Welt- und Europameisterschaften, aber null Einsätze.

 

Neuer bot bis zu seinem Rückzug keinen Raum für Rivalen. Dabei wähnte sich ter Stegen bereits vor knapp eineinhalb Jahren am Ziel. Hansi Flick hatte ihn aufgrund von Neuers Verletzungspause zur Nummer eins ernannt, ter Stegen erhielt auch die gewünschte Rückennummer. Doch es war nur ein symbolischer Akt von begrenzter Dauer. König Manu kehrte noch einmal für die Heim-EM zurück in sein Reich zwischen Torlinie und Strafraumgrenze. Jetzt ist die Wachablösung vollzogen. Der ewige Kronprinz Marc-André besteigt 4487 Tage nach seinem Länderspieldebüt 2012 den Torhüterthron.

Keine Genugtuung

Genugtuung verspürt ter Stegen jedoch nicht. Freude schon nach all der Frustration. „Es gab Momente, in denen es enttäuschend war, wieder einen Schlag hinnehmen zu müssen. Es gab auch viele Gespräche, aber ich habe nicht aufgegeben“, sagt der Mann, der seit mehr als zehn Jahren das Tor des FC Barcelona hütet. Mit glanzvollen Paraden und präzisen Pässen. In Spanien gilt der 32-Jährige als Weltklasse und schon seit geraumer Zeit besser als Neuer. Als Messi mit Handschuhen sehen ihn die Experten wie der frühere Nationaltorhüter Santiago Cañizares.

In Deutschland gab es bislang eine andere Wahrnehmung. Auch, weil die Primera Division nicht genau verfolgt wird und die Champions League mit Barça nur punktuell in den Fokus rückt. Zudem hat der Keeper in seinen bislang 40 Länderspielen vor allem zu Beginn nicht immer glücklich agiert. „Es gab ja dann jemanden, der es geschafft hat, sich immer wieder vor mich zu drängen“, spricht ter Stegen anerkennend über Neuer.

Doch die Ära des Weltmeister ist zu Ende. Ter Stegen bringt nun das Selbstvertrauen und die Sicherheit eines Keepers mit, der mit seinem Club bereits 16 große Titel gewonnen hat, in der Saison 2022/2023 zum besten Spieler in La Liga gekürt wurde und den seine Vereinskollegen zuletzt zum Barça-Kapitän wählten. Reichlich Erfolg und viel Wertschätzung. Nur nicht wie es sich ter Stegen im Kreis des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) schon früher erhofft hatte. Zuletzt musste er seinen Ärger kräftig hinunterschlucken, als ihm der Bundestrainer Julian Nagelsmann im Vorfeld der Euro im eigenen Land mitteilte, dass Neuer erneut den Posten zwischen den Pfosten erhalten werde.

Ter Stegen hat jedoch nicht aufbegehrt. Trotz seines hohen Anspruchs. Er hat sich in die Gruppe eingefügt. Wie immer. Um die Mannschaft uneingeschränkt zu unterstützen und für seinen Moment bereit zu sein. Das gehört zum Selbstverständnis des Musterprofis. „Ich habe jetzt das gleiche Ziel wie vorher: Ich möchte mit der Mannschaft erfolgreich sein. Das ändert sich nicht“, sagt ter Stegen, der in der Nations League die Begegnung mit den Ungarn an diesem Samstag (20.45 Uhr/ZDF) in Düsseldorf mit dem ersehnten Status angeht. Dahinter hat Nagelsmann Oliver Baumann (TSG Hoffenheim) und Alexander Nübel (VfB Stuttgart) positioniert, im Konkurrenzkampf. Dazu erwähnte der Bundestrainer noch Kevin Trapp (Eintracht Frankfurt) und Bernd Leno (FC Fulham).

Mit Ausnahme von Nübel (27) sind jedoch alle anderen Toptorhüter jenseits der 30. Das eröffnet dem Stuttgarter Perspektiven beim DFB. Die Gegenwart bestimmt jedoch ter Stegen – mit Blick auf die WM 2026. Viel Zuspruch erhält er dazu aus dem Team. „Ich bin mir sicher, dass er den Job gut ausführen und uns viel Qualität und Charakter auf dem Platz geben wird“, sagt Stürmer Niclas Füllkrug. Auch der neue DFB-Kapitän Joshua Kimmich lobt: „Man muss schon sagen, dass Marc das herausragend gemacht hat die ganzen Jahre über. Er hat sich immer in den Dienst der Mannschaft gestellt. Gerade als zweiter Torwart ist das sehr schwierig.“ Balsam auf ter Stegens Seele sind diese Worte, wie er zugibt.