Marc-André ter Stegen saß am Mittwoch in Frankfurt auf dem Presseodium. In unserer Bildergalerie beleuchten wir ihn und seine Torhüterkollegen Kevin Trapp und Bernd Leno genauer. Foto: AFP/Daniel Roland

Der starke Marc-André ter Stegen erhält in der Nationalmannschaft das Trikot mit der Nummer eins – vorerst nur ein Fingerzeig, aber dem verletzten Stammtorwart Manuel Neuer droht die Wachablösung.

Endlich. So muss sich das für Marc-André ter Stegen anfühlen. Selbst wenn er diese Form der Genugtuung nie öffentlich zugeben würde. Doch der 30-jährige Torhüter kann sich an einem wichtigen Etappenziel eines langen Weges wähnen. Schier endlos erschien ihm ja die Zeit, in der ter Stegen immer nur die Ersatzrolle blieb. Als ewiger Kronprinz wurde er schon bezeichnet, weil es an König Manu im Kreis der deutschen Nationalmannschaft kein Vorbeikommen gab. Doch nun könnte eine Zeitenwende anstehen. Bekanntlich fällt Manuel Neuer seit vergangenem Dezember mit Beinbruch aus, für ein halbes Jahr mindestens – und das eröffnet dem Mann vom FC Barcelona die Chance, den Posten zwischen den Pfosten für sich zu beanspruchen.

 

Als Nummer eins ist ter Stegen in Frankfurt angereist, wo die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) vor den Testländerspielen am Samstag (20.45 Uhr/ZDF) gegen Peru und am Dienstag (20.45 Uhr/RTL) gegen Belgien trainiert. Hansi Flick hat ihm diesen Status zuerkannt – und jetzt erhält er auch die Rückennummer. Zunächst nur ein symbolischer Akt. „Ich wurde gefragt, ob ich sie haben will, und habe ‚Okay‘ gesagt“, erklärt ter Stegen, der nicht zu viel daraus schließen will. „Am Ende entscheiden die Leistungen.“

Genesungswünsche an Manuel Neuer

Der Bundestrainer sieht hinter ter Stegen im Moment die ebenfalls routinierten Kevin Trapp (32/Eintracht Frankfurt) und Bernd Leno (31/FC Fulham). Gut besetzt ist diese Paradeposition schon immer gewesen im Torwartland Deutschland. Wenngleich sie beim DFB das Projekt N_28 ausgerufen haben: N für Nationaltorhüter und 28 für 2028. Ein Ausbildungskonzept, da nach dieser Ära eine Lücke erkannt wurde.

Die Gegenwart gehört ter Stegen, eventuell sogar die nahe Zukunft in der Nationalelf. Bei der Heim-EM 2024 will er in 15 Monaten im Tor stehen. „Ich habe mein Ziel immer klar formuliert“, sagt der Torhüter. Trotz der vielen Turniere, die er auf der Bank verbringen musste. Seit der WM 2010 hielt Neuer bei Großereignissen stets die Bälle im Trikot mit dem Bundesadler, weil ihm erst Joachim Löw und danach Hansi Flick vertraute. Oft ging der Profi des FC Bayern dabei voraus, buchstäblich. Als Kapitän und als Stammkeeper.

Wenn Neuer auf den Trainingsplatz marschiert, lässt er die Konkurrenten gerne hinter sich: Brust raus, Kinn leicht nach oben, federnder Schritt. Das Tor und der Strafraum (manchmal auch mehr) sind sein Revier – oder waren es? Nun macht sich ter Stegen darin breit. Ohne Triumphgeheul. Das entspricht nicht seinem Naturell. „Ich wünsche Manu, dass er schnell zurückkommt und sich trotzdem die Zeit nimmt, um hundert Prozent fit zu werden“, sagt der Rivale.

In Barcelona schätzen sie den Schlussmann nicht nur wegen seiner Paraden und präzisen Pässe von hinten heraus, sondern ebenso wegen seiner Bodenständigkeit. Starallüren sind dem gebürtigen Mönchengladbacher fremd. Er fährt Metro, kurvt mit seinem Roller durch die Stadtviertel und sitzt für die Fans nah- und greifbar in Cafés.

Seit bald zehn Jahren spielt ter Stegen für Barça, hat mit dem Club 15 Titel gewonnen und bringt nun eine Statistik aus La Liga mit, die viel über seine aktuelle Form aussagt: 19-mal hat der Torhüter in der laufenden Saison zu null gespielt, in 26 Partien erst neun Gegentore zugelassen. Der Torhüter steuert damit auf einen historischen Rekord zu – und der FC Barcelona auf die Meisterschaft.

Natürlich sind die hervorragenden Zahlen das Verdienst der kompletten katalanischen Defensive, aber ter Stegen zieht daraus neues Selbstvertrauen – und die Sicherheit, im deutschen Tor eine ähnlich starke Rolle einnehmen zu können. Bisher war ihm das im DFB-Team nicht vergönnt. Auf 30 Länderspiele bringt es ter Stegen seit seinem Debüt im Mai 2012. Nicht immer machte er dabei eine glückliche Figur, und nur mit dem Confed-Cup-Gewinn 2017 gibt es einen Ausschlag nach oben. „Es sind aber nicht immer die Erfolge, die einen Spieler groß machen“, sagt ter Stegen.

Eine besondere Wertschätzung

Aus leidvollen Erfahrungen hat er gelernt und es selbst in der Hand, sich die Schlüsselposition zu erhalten. Denn diesmal wird es kaum so kommen wie vor der WM 2018, als Neuer nach einem Mittelfußbruch und monatelanger Zwangspause ohne größere Diskussion ins DFB-Tor zurückkehrte. Zwar gilt Flick nach wie vor als Befürworter des bald 37-Jährigen und will den Genesungsprozess abwarten, aber auch dem Bundestrainer ist nicht verborgen geblieben, dass der fünfmalige Welttorhüter bei der WM in Katar nicht mehr die Aura des Unüberwindbaren ausstrahlte, die seinen Ruf begründet hat.

Neuer war Weltklasse, ter Stegen ist Weltklasse, heißt es deshalb in Spanien. Schon seit Jahren wundern sie sich auf der Iberischen Halbinsel, dass es in Deutschland nicht zur Wachablösung kommt. Santiago Cañizares, einst beim FC Valencia und bei der spanischen Nationalelf im Tor, urteilt: „Ter Stegen dominiert alle Facetten eines Torwartspiels. Er ist ein Messi des Tors.“ Jetzt muss es der Hochgelobte in Handschuhen nur noch in Neuers Reich beweisen.