Manuel Neuer (li.) tritt ab, Marc-André ter Stegen (Mi.) gilt als sein Nachfolger im DFB-Team, aber auch Alexander Nübel hat gute Perspektiven. Foto: IMAGO/NurPhoto/IMAGO/Jose Breton/Baumann

Manuel Neuer beendet eine herausragende Karriere in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Es gibt einen logischen Nachfolger – aber auch einen Stuttgarter mit glänzender Perspektive.

Der Satz, mit dem Manuel Neuer am Mittwochnachmittag das Ende seiner Karriere in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zu verkünden begann, hätte so auch zu Beginn dieser außergewöhnlichen Laufbahn fallen können. „Irgendwann“, sagte der mittlerweile 38-Jährige, „musste der Tag ja kommen.“ Nun, dass er eben nicht mehr das Trikot mit dem Bundesadler überstreift. Damals, dass er es irgendwann ganz sicher tun wird.

 

Natürlich: Zunächst war es die Verletzung eines Kollegen, die den damals noch jungen Manuel Neuer im Jahre 2010 zum Stammkeeper der deutschen Mannschaft werden ließ. In der Qualifikation zur WM in Südafrika hatte René Adler noch mit teils überragenden Leistungen geglänzt. Doch der damalige Leverkusener musste seine Teilnahme kurzfristig wegen einer Rippenverletzung absagen. Neuer übernahm den Nummer-1-Posten – und gab ihn fast 15 Jahre lang nicht mehr ab.

Nicht nur, weil er sich als zuverlässiger Mann zwischen den Pfosten erwies. Sondern auch, weil er das Spiel der Torhüter anders, moderner, zeitgemäßer interpretierte, als es seinerzeit noch üblich war. Spielerisch stark, präzise im Aufbauspiel, im Prinzip eine Art erster Spielgestalter – und dennoch absolut stark im eigentlichen Torwartspiel auf der Linie und im Strafraum.

So prägte Manuel Neuer das an starken Vertretern nicht arme deutsche Torwart-Genre auf besondere Art und Weise. Und war maßgeblich beteiligt am bis heute letzten großen Erfolg des deutschen Teams. „Wir konnten uns am 13. Juli 2014 unseren großen Traum erfüllen“, erinnert er im August 2014 an den Gewinn des WM-Titels in Brasilien. Vor allem das Achtelfinale gegen Algerien hatte er der deutschen Mannschaft beinahe im Alleingang gerettet und damit den Fortgang der Reise zum ersehnten Triumph ermöglicht.

Kaum Chancen für Herausforderer

Das Beispiel von 2014 zeigt auch: Manuel Neuer war wie gemacht für schwierige Situationen. Auch persönliche. Dass er bei den Fans des FC Bayern nach seinem Wechsel vom FC Schalke 04 nach München nicht willkommen war („Koan Neuer“) ließ ihn ebenso kalt wie manche brenzlige Strafraumszene. In den vergangenen Jahren kämpfte er sich dann nach teils schweren Verletzungen wieder zurück. In der Gewissheit um seine eigene Stärke ließ er potenziellen Herausforderern beim Rekordmeister und im Nationalteam aber auch wenig Möglichkeiten.

Das wird sich nun ändern.

Nach 124 Spielen im Nationaltrikot – davon 61 als Kapitän („eine Ehre, die ich jedes Mal aufs Neue zu schätzen wusste“) – macht Manuel Neuer den Platz zwischen den Pfosten nun also frei. Bei der Heim-EM, die für den 38-Jährigen „ein weiterer Höhepunkt“ war, gehörte ihm der Nummer-1-Status noch ein letztes Mal. Es hatte Diskussionen über diese Entscheidung des Bundestrainers gegeben, Neuer bestätigte Julian Nagelsmann („Sein Abschied ist ein großer Verlust, sportlich und menschlich“) dann aber mit seinen Leistungen. Nun schlägt die Stunde der bisherigen Schattenmänner.

Durch die lange DFB-Karriere Neuers sind allerdings auch die bisherigen Vertreter des gebürtigen Gelsenkircheners nicht mehr im Talente-Alter. Marc-André ter Stegen ist nun zwar der logische Nachfolger – er litt ja schon seit Jahren unter dem ewigen Neuer –, doch der Keeper des FC Barcelona ist immerhin schon 32 Jahre alt. Oliver Baumann (TSG Hoffenheim/34), Bernd Leno (FC Fulham/32) und Kevin Trapp (Eintracht Frankfurt/34) spielen auch nicht mehr ewig.

Sicher, für Torhüter, das beweist Manuel Neuer ja selbst, ist auch jenseits der 30 Lebensjahre noch einiges möglich. Dennoch wird der Bundestrainer Julian Nagelsmann auch jüngere Kandidaten in den Fokus nehmen. Und dabei ziemlich sicher nach Stuttgart blicken.

Für Alexander Nübel sprechen Leistung und Alter

Alexander Nübel gehörte ja schon zum erweiterten Aufgebot der EM 2024, wurde dann aber doch noch aussortiert. Nach einer starken Saison beim VfB sprechen Leistung und Alter – Nübel ist 27 Jahre alt – für den Mann, der wie Neuer einst beim FC Schalke 04 Profikeeper wurde. Aus Stuttgarter Sicht könnten aber auch jenseits der Torhüterposition noch Spieler von der Rücktrittswelle der DFB-Routiniers profitieren.

Deniz Undav, schon bei der EM im Kader, ist nach dem Rückzug von Thomas Müller der vielleicht einzige Offensivmann, mit einem speziellen Profil. Und weil im Mittelfeld Toni Kroos und Ilkay Gündogan nicht mehr dabei sein werden, öffnet sich womöglich für Angelo Stiller die Tür zur Nationalmannschaft.

„Wenn ich heute zurückblicke, fühle ich Stolz und Dankbarkeit“, sagt derweil Manuel Neuer. Bernd Neuendorf, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), würdigte den Keeper als „große Persönlichkeit“ und ergänzte: Was Neuer „für den Fußball in Deutschland und für den DFB geleistet hat, lässt sich nur schwer in Worte fassen“.

Dem FC Bayern bleibt der Torhüter übrigens noch erhalten. Sein Vertrag läuft bis 2025 – sein Nachfolger könnte der gleiche sein wie in der Nationalmannschaft: Alexander Nübel ist derzeit vom Rekordmeister an den VfB ausgeliehen. Und man muss kein Prophet sein, um zu wissen: „Irgendwann wird der Tag kommen.“