Gut eingespieltes Tandem: Katrin Hörber (links) und Katharina Bleck Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Sie leben das, wovon viele Frauen und auch immer mehr Männer träumen: Katharina Bleck und Katrin Hörber verzichten weder auf Familie noch auf Karriere. Die zwei Daimler-Managerinnen teilen sich eine Führungsposition.

Stuttgart - Katrin Hörber ist etliche Zentimeter kleiner als Katharina Bleck. Ansonsten haben die beiden Frauen vieles gemeinsam. Beide sind Anfang 40, Sternzeichen Fische, beide haben zwei Kinder – und beide sind Managerinnen bei Daimler. Ihr Arbeitsmodell heißt Topsharing, ein „Jobsharing“ in Spitzenposition. Seit 2014 teilen sich die Frauen eine Abteilungsleiter-Stelle und gehören damit zu den Pionieren in dem Automobilkonzern. Welche Erfahrungen haben sie damit gemacht?

 

Wie haben Sie sich kennengelernt?

Katharina Bleck Wir sind uns erstmals 2014 bei einem Lunch in der Kantine begegnet. Das ist die Kurzversion. Die Geschichte, wie es dazu kam, ist etwas länger: Wir waren beide bereits Führungskräfte in Teilzeit in unterschiedlichen Bereichen – ich war im Projektmanagement Vans, Katrin im Accounting. Und wir wollten beide Abteilungsleiterinnen werden. Das ist ein großer Schritt, mit deutlich mehr Verantwortung, strategischem Anspruch – und in Teilzeit eine Herausforderung. Zufällig wandten wir uns beide zur selben Zeit an die Personalabteilung mit der Frage, ob es möglich wäre, sich so eine Stelle zu teilen.

Katrin Hörber Ich hatte ein konkretes Angebot von meinem damaligen Vorgesetzten, der offen war für eine Teilung der Stelle. Also schickte ich die Stellenbeschreibung an die Personalabteilung in der Hoffnung, über die Jobsharing Community einen Stellenpartner zu finden. Allerdings wurden meine Erwartungen gleich gedämpft: Bundesweit und über alle Bereiche hinweg gab es damals nur wenige in Teilzeit arbeitende Personen, die eine Abteilungsleitung übernehmen wollten. Auf meine Anfrage meldete sich dann tatsächlich auch nur ein Mensch – und der sitzt neben mir.

Bleck Wobei die Geschichte noch einige Wendungen nahm. Als ich die Stellenbeschreibung las, war schnell klar, dass diese konkrete Stelle nicht auf uns beide passte. Aber da es offenbar nur die eine Person gab, die das gleiche wollte wie ich, verabredete ich mich trotzdem mit ihr, nach dem Motto: Wer weiß, wofür es gut ist.

Und es hat sofort gefunkt?

Hörber Ja. Noch am selben Abend haben wir uns in mein Büro gesetzt, unsere Lebensläufe nebeneinandergelegt, eine Power-Point-Präsentation über uns erstellt und fünf Stellen identifiziert, auf die wir uns als Tandem bewerben könnten. Wie bei einer Road Show wollten wir durchs Haus tingeln. Noch während wir planten, fiel mir dann ein, dass mir ein Kollege, der eine dieser Stellen inne hatte, erzählt hatte, er wolle in Rente gehen. Ich rief gleich am nächsten Tag an und erfuhr, dass die Stelle noch frei sei, der Chef aber das Auswahlverfahren schon gestartet hatte.

Wie haben Sie sich beworben? Es gab ja keine Vorbilder.

Bleck Wir entschieden uns für ein gemeinsames Anschreiben, wir brachten unsere Lebensläufe ins selbe Format und sendeten die Bewerbung von unseren jeweiligen E-Mail-Accounts in derselben Sekunde ab. Daraufhin erhielten wir von der Sekretärin einen 15-minütigen Telefontermin am übernächsten Tag. Was für uns so viel hieß wie „kein Interesse“.

Hörber Tatsächlich brachte der Vorgesetzte dann im Telefonat sämtliche Bedenken an, die man so haben kann – Fragen wie: „Reisen und kleine Kinder – wie soll das gehen?“ Das Tandemmodell war ja damals auf Führungsebene auch noch nicht verbreitet. Wir hatten allerdings die passenden Antworten, wir hatten ja bereits ein Konzept entwickelt. Am Ende des Gesprächs sagte er: „Dann schicken Sie mir halt das Konzept.“ Das war dann wenige Sekunden später in seinem Posteingang. Das muss ihn beeindruckt haben.

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Bleck Jedenfalls folgten daraufhin drei weitere Vorstellungsgespräche – zuerst nur mit dem Vorgesetzten, dann gemeinsam mit dem Stelleninhaber, schließlich mit Kollegen und der Personalabteilung. Unser damaliger Chef brauchte einfach eine Bestätigung von mehreren Stellen, um den Mut zu fassen, sich für uns zu entscheiden.

Hörber In den Gesprächen lernten wir beide uns auch besser kennen. Ich war sehr beeindruckt von Katharinas Schlagfertigkeit. Auf den wiederholten Hinweis, wir würden in große Fußstapfen treten, sagte sie: „Ich habe Schuhgröße 44. Ich denke das reicht.“

Was hat den Vorgesetzten am Ende wohl überzeugt, Sie beide einzustellen?

Hörber Das Zünglein an der Waage war wahrscheinlich, dass wir gemeinsam ein breites Erfahrungsspektrum mitbringen – ein Mensch allein kann gar nicht so viel gemacht haben wie wir. Unser damaliger Chef registrierte natürlich auch, wie intensiv wir uns sowohl mit dem Stellenprofil als auch mit dem angestrebten Arbeitsmodell auseinandergesetzt hatten. Aber abgesehen davon hatte Daimler schon damals ein großes Interesse daran, Frauen in Führungspositionen zu halten und starke Anreize gesetzt: Stellen dürfen im Jobsharing mit einer Personalkapazität von 1,5 Stellen besetzt werden.

Wie sah Ihr Konzept aus?

Bleck Wir hatten alles runtergebrochen bis ins kleinste Detail: Wer arbeitet wie viele Stunden an welchem Tag? Wer ist Ansprechpartner für welches Thema? Welche Themen bearbeiten wir zusammen, welche getrennt? Was bedeutet das Jobsharing für die Zusammenarbeit mit unseren Vorgesetzten, Kollegen und Mitarbeitern? Wir haben klargemacht, dass wir uns in Urlauben, bei Krankheit, bei Reisen vertreten. Alles war wasserdicht. So minutiös würden wir das heute nicht mehr aufschreiben.

Hörber Die Bewerbungsvorbereitung war zugleich eine erste Bewährungsprobe für unsere Zusammenarbeit. Wir arbeiteten an besagtem Abend wie im Flow, ergänzten und beflügelten uns. Als ich nach Hause ging, war ich zwar platt, aber zugleich total glücklich.

Wie sind Sie gestartet?

Hörber Mit einer gewissen Ehrfurcht. Bei der Verabschiedung des Vorgängers fiel mir erstmals auf, dass der Mann den Job länger gemacht hatte, als ich alt war: 37 Jahre lang.

Bleck Wobei der Wechsel inhaltlich keine Probleme bereitete. Viel mehr Sorge bereitete uns der Kulturschock. Auf den Vorgänger, der Termine in den Papierkalender eintrug, folgten zwei junge Frauen, auf deren digitalen Terminplaner jeder Mitarbeiter Zugriff haben kann. Wenn jemand mit uns sprechen will, darf er oder sie sich einfach einbuchen. Nicht jeder kam damit gleich zurecht.

Wie teilen Sie sich die Aufgaben auf?

Bleck Diese Frage wird uns häufig gestellt. Die Antwort lautet: gar nicht. Jeder ist für alles zuständig, es gibt keine aufgeteilten Bereiche. Wir sind für die Außenwelt sozusagen eine Person. So haben die Mitarbeiter immer zwei potenzielle Ansprechpartner.

Hörber Das bedeutet natürlich mehr Aufwand, aber wir haben nun mal den Anspruch, dass wir immer beide aussagefähig sind darüber, was in unserem Verantwortungsbereich passiert.

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Bleck Außerdem sind wir dadurch flexibler in der Planung unserer freien Tage. Ich möchte nicht sagen müssen: „Oh, dafür ist Katrin zuständig, die hat aber heute frei.“ Und ich möchte auch nicht Katrins freien Tag verplanen.

Hörber Den Fehler haben wir nur ein Mal gemacht, Aufgaben aufzuteilen. Prompt kamen immer an meinem freien Tag Termine und Rückfragen. Vier Wochen lang hing ich an meinen freien Tagen nur am Handy.

Sie verbringen vermutlich viel Zeit damit, sich abzusprechen.

Bleck Tatsächlich sind wir ständig in Verbindung, wir telefonieren miteinander oder senden uns Sprachnachrichten, um uns auf den neusten Stand zu bringen. Geht eine von uns auf einen Termin, sendet sie danach immer der Tandem-Partnerin ein sogenanntes Debriefing mit den wichtigsten Themen. So eine Dokumentation ist ja auch ohne ein Tandem sinnvoll.

Hörber Wir wissen immer, womit sich die andere gerade befasst. Wir haben ja auch Zugriff auf unsere Kalender und E-Mail-Accounts, buchen uns gegenseitig Termine ein oder schreiben stellvertretend Absagen. Neulich habe ich deinen Sport-Blocker von Freitag auf Mittwoch vorverlegt, da hattest du weniger um die Ohren.

Bleck Ich erinnere mich. Da bin ich dann auch brav Laufen gegangen.

Fällt es Ihnen nicht manchmal schwer, am freien Tag ein wichtiges Thema der Tandem-Partnerin zu überlassen?

Hörber Nein, im Gegenteil. Wir machen unsere Arbeit besser, wenn wir auch mal Abstand dazu bekommen.

Bleck Wir überlassen uns manchmal auch ganz bewusst Themen und Termine. Wenn ich beispielsweise merke, ich bin zu sehr in einem Thema drin, bitte ich Katrin, mit einem frischen Blick draufzuschauen.

Wie sehen bei Ihnen Feedbackgespräche mit dem Vorgesetzten aus?

Bleck Zu diesen Terminen gehen wir konsequent gemeinsam, denn wir erhalten ein gemeinsames Feedback. Das geht auch gar nicht anders, da für unsere Vorgesetzten nicht erkenntlich ist, wer was gemacht hat.

Hörber Wir kriegen auch auf den Cent das gleiche Gehalt und haben uns bereits zwei weitere Male erfolgreich auf neue Stellen beworben.

Was war die größte Herausforderung für Sie als Tandem?

Hörber Ich würde sagen: unser Tandem-Baby. Als wir im Jahr 2014 anfingen, wusste ich, dass Katharina irgendwann ein zweites Kind wollte. Damals sagte ich zu ihr: kein Problem, aber bitte nicht gleich im ersten Jahr.

Bleck Ende 2016 war die Kleine dann da, und Katrin musste sieben Monate lang alles ganz allein stemmen.

Hörber Das war ziemlich anstrengend. Und auch Katharinas Rückkehr verlief nicht ganz reibungslos: Ich hatte so einen Beschützerinstinkt und wollte sie schonen. Katharina wollte dagegen sofort wieder voll mitspielen. Es brauchte dann eine Weile, bis sich alles wieder zurechtgerüttelt hatte.

Gibt es auch mal Zoff zwischen Ihnen?

Bleck Nein. Wir diskutieren zwar schon mal. Aber eigentlich kennen wir uns mittlerweile so gut, dass wir in 99 Prozent der Fälle schon vorher wissen, wie die andere zu einer Sache steht.

Hörber Wir kommen auch nie in diesen Vorwurfsmodus, den man in manchen Beziehungen beobachten kann. Ich würde sagen, wir führen in der Hinsicht eine sehr erwachsene Beziehung.

Was machen Sie, wenn eine von Ihnen eines Tages eine spannende Stelle angeboten bekommt?

Bleck Diesen Fall hatten wir schon. Als klar war, dass die Stelle nicht für beide infrage kommt, war das Thema vom Tisch.

Ziehen Sie keine Trennung zwischen Beruf- und Privatleben?

Bleck Das geht bei uns ineinander über. Ich weiß zum Beispiel, wann Katrins Sohn seinen nächsten Vokabeltest hat. Es gibt eigentlich kein Thema, worüber wir nicht sprechen.

Hörber Wir treffen uns häufig privat, erst neulich wieder zum Grillen. Auch unsere Männer verstehen sich zum Glück sehr gut.

Was muss ein Tandem mitbringen, um erfolgreich zu sein?

Bleck Man muss nicht zwingend miteinander befreundet sein, aber man sollte sich natürlich sympathisch sein. Außerdem braucht man ein gemeinsames Wertesystem und klare Spielregeln. Nur so kann man dem anderen vertrauen und innerlich loslassen, wenn die andere Hälfte übernimmt.

Jobsharing auf Führungsebene und andere flexible Arbeitszeitmodelle bei Daimler

Tandem
Katharina Bleck, 41 Jahre, ist gebürtige Rheinländerin. Sie studierte in Darmstadt Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Maschinenbau. Katrin Hörber, 42 Jahre, kommt vom südöstlichen Bodensee und studierte in Köln European Business Administration. Beide Frauen stammen aus Familien, in denen stets beide Elternteile gearbeitet haben. Beide wollten von Kindesbeinen an Managerinnen werden. Die beiden Frauen leiten heute im Daimler-Konzern die Abteilung Vertriebs- & Aftersales-Controlling Vans – und sie könnten sich gut vorstellen, gemeinsam eine weitere Karrierestufe zu erklimmen.

Strategie
 Der Stuttgarter Automobilkonzern Daimler hat nach eigenen Angaben bereits vor 20 Jahren damit begonnen, Arbeitszeitmodelle wie beispielsweise mobiles Arbeiten, Teilzeit, Jobsharing oder Blockteilzeit zu unterstützen. Seit März 2015 bieten drei interne „Teilzeit-Communities“ Hilfe bei der Suche nach potenziellen Job-Sharing-Partnern an. Heute arbeiten bei Daimler rund 200 Jobsharing-Tandems auf Führungs-ebene. Die meisten sind reine Frauentandems, mittlerweile gibt es aber laut Daimler auch gemischte Tandems und reine Männertandems. Insgesamt arbeiten mehr als 12 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diversen Teilzeitmodellen, davon mehr als 4000 Männer.