Mittlerweile gibt es rund 160 zertifizierte Wanderwege in Baden-Württemberg – und es werden ständig mehr. Schwerpunkte sind die Schwäbische Alb und der Schwarzwald, während sich im Norden und am Bodensee noch große Lücken auftun.
Bad Peterstal - Wer alle Premium- und Qualitätswanderwege in Baden-Württemberg begehen will, der sollte sich am besten das komplette nächste Jahr frei nehmen. Denn mittlerweile ist die Auswahl riesengroß: Im Südwesten haben schon rund 150 Touren die begehrte Auszeichnung erhalten. Darunter befinden sich auch etwa 30 Fernwanderwege mit bis zu 365 Kilometern Streckenlänge. So schnell ist man mit dem Programm also nicht durch.
Wer solche zertifizierten Wege wählt, kann sicher sein, dass er vorwiegend auf naturnahen Pfaden wandelt, die Beschilderung vorzüglich ist, und es unterwegs einiges zu erleben gibt. Mehrere Dutzend Kriterien müssen erfüllt sein, um das Prädikat zu erhalten. Petra Boschert von der Tourismus GmbH in Bad Peterstal-Griesbach, wo es gleich drei herausragende Premiumwege gibt, erklärt den Run auf diese Wege so: „Wanderer brauchen nichts vorzubereiten, und sie können sich darauf verlassen, dass es eine schöne Tour wird.“ Liane Jordan vom Deutschen Wanderverband spricht von einem Rundum-Sorglos-Paket. Ihrer Ansicht nach sind die ausgezeichneten Touren auch deshalb ein Erfolg, weil sie kleine Fluchten aus dem Alltag ermöglichen: „Man muss nicht extra in die Alpen fahren, um ein tolles Wandererlebnis zu erhalten.“
Am dichtesten ist das Netz an Top-Touren auf der Alb
In Deutschland gibt es zwei Einrichtungen, die auf Wunsch und auf Kosten von Kommunen, Landkreisen oder Wandervereinen Wege prüfen und ein Zertifikat ausstellen. Da sind zum einen die „Premiumwege“ des Deutschen Wanderinstituts, einem Verein mit vielen Wanderexperten in Marburg. Und da sind zum anderen die „Qualitätswege Wanderbares Deutschland“ des Deutschen Wanderverbands. Dahinter stehen 58 Vereine wie der Schwäbische Albverein oder der Schwarzwaldverein. In Baden-Württemberg haben die Premiumwege etwas die Nase vorn: Von ihnen gibt es rund 90. Sie werden übrigens mit einem Punktesystem bewertet – je näher eine Tour an 100 Punkten ist, um so schöner ist sie, zumindest den Kriterien nach. Mindestens 50 Punkte müssen erreicht werden, um die Auszeichnung zu erhalten. Von den Qualitätswegen sind es derzeit rund 60; sie sind zur besseren Orientierung in eine von acht Kategorien eingeteilt, wie Familienspaß, Kulturerlebnis und Naturvergnügen.
Am dichtesten ist das Netz an solchen Top-Wanderungen auf der Schwäbischen Alb. Seit die Stadt Albstadt vor zehn Jahren mit ihren „Traufgängen“ einen Ansturm auslöste, haben viele andere Städte und Kreise nachgezogen: Die Stadt Bad Urachbietet fünf „Grafensteige“ an, der Kreis Göppingen 15 „Löwenpfade“. Jeder kocht auf der Alb aber noch sein eigenes Süppchen. Im Schwarzwald gelang es dagegen, 44 Premiumwege unter einem einzigen Label zusammenzufassen: Die „Genießerpfade“ verteilen sich von Gernsbach im Norden bis Todtmoos im Süden. Diese einheitliche Etikettierung war machbar, weil schon seit langer Zeit 71 Kommunen in einer AG Wandern zusammengeschlossen sind und versuchen, an einem Strang zu ziehen, erklärt Wolfgang Weiler von der Schwarzwald Tourismus GmbH. Dort wird darauf geachtet, dass ein Genießerpfad einen Mehrwert gegenüber einem „normalen“ Premiumweg bietet – etwa durch einen Getränkebrunnen im Wald oder die Möglichkeit, bei einem Bauernhof ein Vesper zu erwerben.
Das Label ist für den Tourismus von großer Bedeutung
Alle Anbieter versprechen sich natürlich von den zertifizierten Wegen mehr Touristen und damit mehr Übernachtungen und mehr Umsatz in Gastronomie und Einzelhandel. Im gesamten Portfolio an touristischen Angeboten im Schwarzwald seien die Genießerpfade „extrem wichtig“, so Weiler: „Bei Befragungen geben 60 Prozent der Menschen an, wegen des Wanderns in den Schwarzwald gekommen zu sein.“ Womöglich ist dies umgekehrt der Grund, weshalb etwa am Bodensee, in Oberschwaben oder im Allgäu die Top-Touren noch dünn gesät sind. Dort setze man eher auf Gesundheit oder Kultur, mutmaßt Jochen Becker vom Deutschen Wanderinstitut. Salopp gesagt: Dort hat man solche Wege nicht nötig, um Touristen anzuziehen.
Genaue Umsatzzahlen geben die Wander-Kommunen indessen nicht heraus, falls es sie überhaupt gibt. Doch alle betonen, dass sich die Einrichtung der Wege gelohnt habe. Das Interesse sei auch nach mehreren Jahren nahezu ungebrochen, die Zahl an Wanderern nehme eher zu, sagt Petra Boschert aus Bad Peterstal: „Gaststätten, Hotels und Einzelhandel berichten von höheren Umsätzen.“
Martin Roscher von der Stadt Albstadt erzählt, dass die Gewerbesteuer aus der Gastronomie exorbitant und die Zahl der Ferienwohnungen seit 2009 immerhin von 25 auf 90 gestiegen sei. Für Roscher ist aber fast genauso wichtig, dass die „Traufgänge“ identitätsstiftend wirkten für Albstadt und die Albstädter: Früher war man vor allem Textilstadt, heute will man Outdoor-Hauptstadt auf der Schwäbischen Alb werden.
Die Nachfrage ist weiterhin sehr hoch
Dabei sind die Kosten für die Kommunen und Landkreise gar nicht so gering. Die Zertifizierung selbst ist mit 900 bis 1400 Euro recht günstig. Die Kosten für die Beschilderung, das Herrichten der Wege und eventuell für Sitzbänke und Liegen können aber schnell einen fünfstelligen Betrag verschlingen. Sowohl das Wanderinstitut als auch der Wanderverband verzeichnen ebenfalls eine anhaltend hohe Nachfrage bei Wanderern wie Initiatoren. Dabei stünden kürzere Wege im Fokus: „Viele Wanderer wollen nicht so lange gehen und lieber noch Zeit haben zur gemütlichen Einkehr“, sagt Wolfgang Weiler. Diesen Trend stellt auch Liane Jordan vom Wanderverband fest. Bei der Ausweisung von kürzeren Rundtouren sei deshalb kein Ende in Sicht. Gerade wurden zur Landesgartenschau im Remstal sechs neue Wege ausgewiesen, auch im Schwäbischen Wald gibt es konkrete Pläne.
Je mehr solcher Top-Wege es gibt, umso selbstverständlicher werden sie auch. Martin Roscher sagt: „Mittlerweile sind solche Wege fast nichts Besonderes mehr, bald müssen sie für eine Gemeinde zum Grundangebot gehören.“ Und das bedeutet: Schon sind die Touristiker auf der Suche nach neuen Ideen und neuen Attraktionen für den Wanderer.